+
Die Seniorinnen, die am ersten Yoga-Kurs für Krebskranke in Bad Vilbel teilnehmen, führen die Übung "Der Krieger" vor.

Bad Vilbeler Projekt

Yoga für Krebspatienten erfolgreiche Therapie

Nach der Therapie zurück in den Alltag zu finden, fällt vielen Krebspatienten schwer. Wie sollte es anders sein, wenn die Glieder dauerhaft schmerzen und das Einschlafen plötzlich zur Herausforderung wird? Hilfe gibt es bei Carmen Flesch. Ihr besonderes Yoga hilft Betroffenen, sich ihren Körper zurückzuerobern.

Ein letztes Mal machen sie gemeinsam den Krieger. Stellen sich im Kreis auf, legen die Handflächen aneinander, drücken den Rücken durch. Dann verharren sie, atmen ein und aus, ganz entspannt. Anstrengend sieht die Übung beileibe nicht aus, die Yoga-Lehrerin Carmen Flesch zum Kursabschluss mit ihrer kleinen Gruppe macht. Doch der Eindruck täuscht. Es ist eine beeindruckende Leistung.

Für die allesamt etwas betagteren Damen, die heute ins Bad Vilbeler Haus der Begegnung gekommen sind, war es ein langer Weg bis an Virabhadrasana, wie die Yoga-Figur in Sanskrit heißt, überhaupt zu denken war. Sie eint ein schweres Schicksal: Die Diagnose Krebs. Bei den meisten Brustkrebs. Sie leben, haben sich zurückgekämpft, aber die Folgen der Erkrankung belasten die Seniorinnen bis heute.

"Wegen der Schmerzen musste ich bei der Krankengymnastik viele Übungen abbrechen", erzählt eine 76-Jährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber verrät, dass sie auf dem Heilsberg wohnt. Eine 75-Jährige aus der Kernstadt sagt: "Nach der Chemo musste ich das Yoga schweren Herzens aufgeben. Es ging einfach nicht mehr." Die Leidensgenossinnen nicken zustimmend.

Die Erfahrungen der Krebspatienten nach überstandener Therapie ähneln sich: Die Glieder tun weh, die Muskeln sind verspannt, das Einschlafen fällt schwer, wegen der inneren Unruhe. "Es fehlt die Kraft", sagt Yoga-Trainerin Flesch. "Man muss den Körper wieder unter Kontrolle bekommen." Sie hat deshalb ein individuelles Programm für Betroffene entworfen.

Achtmal haben sich die Bad Vilbelerinnen seit Mai getroffen, immer vormittags, um zusammen Yoga zu machen, das auch möglich ist, wenn der Arm sich einfach nicht mehr über den Kopf heben lässt. Angefangen hat alles im Sitzen. "Wir konnten nur auf den Stühlen arbeiten, weil oft die Balance fehlte", erzählt Flesch. Die Erkrankung hatte ihren Schützlingen das Vertrauen in ihren Körper geraubt.

Also studierten die Frauen, von denen die jüngste 62 Jahre alt ist, den berühmten Sonnengruß im Sitzen ein. Nach und nach folgten die ersten Figuren im Stehen und schließlich Anspruchsvolles wie - ironischerweise - "der Stuhl", bei dem die Sportler leicht in die Hocke gehen und die Arme weit nach oben strecken.

Streng habe sie manchmal sein müssen, sagt Flesch, um das Verletzungsrisiko zu minimieren. Yoga ohne Hilfestellungen? Keine gute Idee, findet der Profi. Aber: "Die Damen waren unglaublich motiviert", sagt sie. "Die kleinen Schritte vorwärts tun nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele."

Körperliche Trainingseinheiten kombinierte sie stets mit Atem- und Entspannungsübungen aus der uralten Lehre. Bei jedem Termin mit dabei war Silke Schöck von der Bürgeraktive. "Einen Kochkurs für Krebspatienten haben wir ja schon", sagt sie. "Da passte das gut ins Angebot und in unser Programm." Nach jeder Yoga-Stunde nahm sie sich Zeit, um mit den Teilnehmerinnen über ihre Leben mit der Erkrankung zu sprechen. Über das Yoga, so die Hoffnung, könne man die Frauen an die Selbsthilfegruppe heranführen und Vorbehalte abbauen.

Finanziell unterstützt wurde die Bürgeraktive von der Krankenkasse Barmer. Der Kurs war für die Teilnehmer kostenlos. "Die psychische Belastung bei Krebserkrankungen ist besonders hoch", sagt Thomas Steingass, der für die Projektförderung im Raum Frankfurt verantwortlich ist. "Yoga hilft, Stress abzubauen. Deshalb haben wir gern geholfen." Er und Schöck sind zufrieden, dass der Kurs wiederholt wird, wollen sie aber nicht versprechen.

Mit den Schmerzen leben

Die rüstigen Yoga-Damen jedenfalls würden sich über eine Fortsetzung freuen. Eine hat sich jede Woche extra Urlaub genommen, sie fühlen sich wohl in der Gruppe, zum Abschied bekommt jede Teilnehmerin eine Sonnenblume geschenkt.

Und dann sind da natürlich die Fortschritte, die sie gemacht haben: "Komplett weg sind meine Schmerzen nicht, aber ich kann viel besser mit ihnen leben", sagt die Kernstädterin. "Ich kann besser einschlafen und bin nicht mehr so hibbelig", freut sich die Mitstreiterin vom Heilsberg. Die Frauen wollen weiter an sich arbeiten, auch ohne Kurs. Wie gut, dass Trainerin Carmen Flesch ihnen ein Video dreht, auf dem die besten Übungen zu sehen sind. Der Krieger wird bestimmt auch dabei sein.

Wer Interesse an den Selbsthilfeangeboten der Bürgeraktive hat, erreicht sie unter (06101) 1384 telefonisch oder per E-Mail an

info@buergeraktive-bad-vilbel.de.

Die Selbsthilfegruppe Brustkrebs trifft sich an jedem ersten Donnerstag im Monat um 18 Uhr im Alten Rathaus. Die Selbsthilfegruppe Prostatakrebs kommt an jedem vierten Monat um 19 Uhr im HdB zusammen. (ags)

Xxxx X

xxxx xxxx xxxxxx

Quelle: Wetterauer Zeitung

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare