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Bärbel Schäfer signiert ihr Buch für ihre begeisterten Leserinnen. FOTO: CEY

"Trauer sucht sich einen Platz unter der Haut"

Bad Vilbel(cey). Bärbel Schäfer hat am Dienstagabend tiefe Einblicke in ihr Seelenleben, in ihre Wut, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung gegeben. In der Bad Vilbeler Stadtbibliothek hat sie für die Zuhörer sehr bewegend aus ihrem Buch "Ist da oben jemand? - Weil das Leben kein Spaziergang ist" vorgelesen. Darin verarbeitet sie den Verlust ihres tödlich verunglückten Bruders.

Schäfer beschäftigt sich mit existenziellen Fragen nach Gott, dem Glauben sowie Fragen an das Leben, den Tod und die Trauer, "die uns alle früher oder später beschäftigen wird", sagt Schäfer. Sie verarbeitet sehr detailliert den Tod ihres jüngeren Bruders Martin, der durch einen Autounfall ums Leben kam. Sie erzählt von dem Anruf mitten in der Nacht und wie sie an der Unfallstelle auf der Autobahn ihren Bruder identifizieren musste.

Tödlichen Unfall selbst verschuldet

"Trauer sucht sich einen Platz unter der Haut", liest sie vor und beschreibt, wie Menschen in ihrem Umfeld, darunter auch ihr Vater, Halt im Glauben finden und durch Gott die Kraft erfahren, die sie durch die Trauer begleitet. "Als vernunftorientierte gebildete Frau" kann sie den Glauben an Gott nicht nachempfinden.

Um diese tiefe Verbindung zu Gott zu verstehen, sucht sie das Gespräch zu Rabbinern, Priestern und Hodschas. Sie geht in Moscheen und in Synagogen, um das Gefühl von Vertrauen in den Glauben zu empfinden. Jedoch kann sie trotz aller Bemühungen den Glauben zu Gott nicht finden, erzählt sie. Sie bleibt also die rational denkende, alles abwägende Frau, die sie ist.

Schäfer verrät in ihrem Buch sehr viele Einzelheiten über den Tod ihres Bruders, sehr gefasst liest sie vor, dass der Unfall selbst verschuldet war und ein gewagtes Überholmanöver mit dem Porsche den Tod verursachte. Bisweilen verstand sie nicht, weshalb hinter den Autobahnplanken Blumen und Kreuze aus Holz zu sehen waren. Aber dann beschloss sie selbst, über die Leitplanke an der A 9 zu steigen, um einen Blumenstrauß als Zeichen des Gedenkens an ihren Bruder niederzulegen.

Immer mehr wird ihr bewusst, dass ihr Bruder nicht mehr da ist. "Mein Herz brennt, ich bin nur noch halb", liest sie weiter, als sie die Beziehung zu ihm beschreibt. Er war ihr Kumpel, ihr Gesprächspartner, ihr kleiner Bruder, mit dem sie sich als Kind stritt und wieder vertrug. Er war außerdem ihr Arbeitskollege und Vertrauenspartner, der ihre Geheimnisse für sich behielt. Elf Monate nach diesem Schicksalsschlag wurde ihr Vater sehr krank und musste im Krankenhaus in Bremen behandelt werden. So begann für Schäfer das Pendeln zwischen Frankfurt und Bremen, um die letzten Wochen mit ihrem todkranken Vater zu verbringen. "Es war das schwierigste Jahr meines Lebens", sagt sie.

"Schmerz schenkt einem eine andere Perspektive auf das Leben" resümiert sie. Sie hat durch ihre Erfahrungen mit dem Tod und der Trauer zwar nicht zu Gott gefunden, aber dafür viele Erkenntnisse über das Leben gewonnen.

Die Lesung fand in Kooperation mit der Nachbarschaftshilfe und der Hospizgruppe Bad Vilbel statt.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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