"Die Last, mit dieser Tat zu leben, muss unerträglich sein"

Bad Vilbel (jas). Auf einem schlichten Holzkreuz steht in weißen Buchstaben der Name: "Magdalene". Ein Herz aus Blüten, ein betender Engel, Plüschtiere, ein Pferd und eine Holzblume schmücken das Grab. Auf beiden Seiten brennen vier weiße Kerzen.

Immer wieder kommen Besucher auf den Friedhof an der Lohstraße - erst drei junge Leute in Schwarz, dann eine ältere Dame, dann ein Paar mittleren Alters. Sie alle bleiben kurz vor der Grabstelle stehen, schweigen und erinnern sich: Ein Jahr und einen Tag ist es her, dass am Ufer der Nidda der leblose Körper eines Babys gefunden wurde. Von der Mutter fehlt bis heute jede Spur. Das Frühchen wurde "Magdalene" getauft und in eben jenem Grab beigesetzt. Für Samstag hatten der Büdinger Armin Rosin und Trauerredner Johannes Welbrink zu einer Gedenkfeier für das Mädchen eingeladen.

Nur einige Wenige haben sich um 11 Uhr vor dem Eingang zum Friedhof eingefunden, wo Welbrink, Rosin und ehrenamtliche Helfer bereits Mikro und Rednerpult aufgebaut haben. Der Parkplatz ist abgesperrt, Ordner in orangefarbenen Warnwesten winken die Autos vorbei. Einige Frauen sind gekommen, wenige Männer, eine Familie mit zwei kleinen Jungen hat sich eingefunden. Jedes der Kinder hat eine Rose in der Hand. Auch die Vilbelerinnen Heidi König, Ingeborg Hahn und Karin Garcia stehen zusammen und warten auf den Beginn der Gedenkstunde. Vergessen, was vor einem Jahr passiert ist, haben die Frauen, die auch bei der Beerdigung des Neugeborenen waren, bis heute nicht.

"Natürlich haben wir die Hoffnung, dass sich die Mutter noch meldet", sagt König, die mit anderen das Grab des Mädchens pflegt. "Aber das könnte auch noch Jahre dauern", vermutet sie. Bis heute kann Hahn, die selbst Enkel und Urenkel hat, nicht verstehen, wie eine Mutter so etwas tun kann. "Aber wir wissen ja auch nicht, in welcher Situation sie war", relativiert sie. Trotzdem ist sie der Meinung, dass es in der heutigen Zeit sicher andere Möglichkeiten aus einer Ausweglosigkeit gegeben hätte. "Das Kind hätte zum Beispiel adoptiert werden können", sagt sie. Alle drei sind verwundert, dass nur knapp 30 Bürger zur Gedenkfeier gekommen sind. Warum als Ort des Gedenkens der Parkplatz und nicht das Grab gewählt wurde, erstaunt sie. "Auf dem Friedhof wäre es schöner gewesen", sagt König.

Und während die Sonne scheint und die Vögel zwitschern, ruft Rosin das Geschehen vom 27. Mai 2010 ins Gedächtnis. "Sie zeigen durch Ihr Kommen, dass Ihnen das Schicksal "Magdalenes" nicht gleichgültig ist", sagt er. Die Gedenkrede hält Welbrink, der das Mädchen als einen Menschen bezeichnet, "der die Herzen und Seelen eines jeden berühren konnte".

Er schlägt einen Bogen zum Tod des Fußballers Robert Enke, der Tausende von Menschen erschütterte. Nun sei Bad Vilbel nicht Hannover, aber dennoch habe man vieles gemeinsam. "Die Erinnerung an einen Menschen." Mit einem Angebot wendet sich der Trauerredner an die Mutter "Magdalenes". "Ich biete Ihnen ein vertrauliches Gespräch an. Die Last, mit dieser Tat zu leben, muss unerträglich sein." Mit Liedern umrahmt die Folksängerin Tine Lott die Gedenkfeier. Und die Musik ist es auch, die einige zu Tränen rührt. Mit einer Gedenkminute am Grab des Mädchens endet die Gedenkfeier.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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