"Gesundheit muss an erster Stelle stehen"

Bad Vilbel (khn). Dr. Dieter Kobosil war 30 Jahre lang Leiter für Gesundheits- und Emissionsschutz beim Chemie- und Pharmaunternehmen Höchst. Für den Arbeits- und Umweltmediziner sind Erkrankungen, die aus Lärm resultieren, das Problem Nummer 1. Umso verärgerter reagiert er, wenn das abgestritten wird.

Wie zum Beispiel bei der aktuellen Diskussion zum Thema Fluglärm über der Quellenstadt. "Das ist menschenverachtend", betont der besonnen und freundlich wirkende 66-Jährige. "Die Gesundheit der Menschen muss doch an erster Stelle stehen", sagt er. "Sie lässt sich nicht mit Wirtschaftswachstum verrechnen."

Es ist eine spannende Runde, die sich gegen Mittag im Garten von Kobosil in Massenheim eingefunden hat. Die Sonne scheint, die Ehefrau des Mediziners bringt Kaffee. Mit am Tisch sitzen Peter Paul von den Grünen und Volker Hummel, der für die CDU im Ortsbeirat sitzt. Sie alle eint das Thema Lärmbelästigung über der Quellenstadt durch die Zunahme des Flugverkehrs seit März. Denn da hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) die An- und Abflugrouten zum Frankfurter Flughafen umgestellt. Grund dafür ist die für kommenden Monat geplante Eröffnung der umstrittenen Landebahn. Die hat die Verschiebung des Korridors für an- und abfliegende Maschinen nach Norden zur Folge, sodass über Bad Vilbel eine Art Luftkreuz entstanden ist. "Wir brauchen eine breite Bewegung wie bei der Atomkraft", sagt Kobosil. "Erst dann wird etwas passieren." Hummel und Paul nicken.

Der Mediziner kennt sich aus in Sachen Lärmschutz. Das Unternehmen, bei dem er früher gearbeitet hat, sei in diesem Bereich "sehr streng bewertet worden", sagt er. Zum Beispiel gelten beim Bau 55 Dezibel (A) als Grenzwert. Db (A) ist die Maßeinheit für den Schalldruckpegel. Beim Fliegen liege der Grenzwert aber bei 60. Kobosil schüttelt den Kopf. "Da wird mit zweierlei Maß gemessen." Aber fünf dB (A)? Das klingt wenig. Der Mediziner verneint: "Wenn aus 55 dB (A) 58 werden, bedeutet das eine Verdoppelung des Lärms."

Dagegen kann der Mensch nicht viel ausrichten. Selbst dann nicht, wenn er schläft. "Denn wir können nicht das Ohr schließen, im Gegensatz zu anderen Sinnesorganen", sagt er. Deswegen nähmen selbst Schlafende Krach wahr. In diesem Zusammenhang ist der Mensch noch immer ein Jäger und Sammler: Denn Lärm – der lateinische Ursprung des Wortes bedeutet "Zu den Waffen" – lässt den Körper alle Funktionen hochfahren, damit er sich notfalls gegen einen Feind verteidigen oder fliehen kann. Evolutionsbedingt ergibt das für den Neanderthaler durchaus Sinn. Für den Homo Technicus bedeutet das aber Stress.

Denn der Körper schüttet unter anderem jede Menge Adrenalin aus. "Und dann fragt sich der Betroffene, warum er so schlecht aus dem Bett kommt und noch immer müde ist", sagt Kobosil. Am Ende stünden Bluthochdruck, Herzerkrankungen und auch Diabetes.

Mit dieser Meinung steht der 66-Jährige nicht alleine da. So hat der Bremer Mediziner und Epidemiologe Eberhard Greiser einen Zusammenhang zwischen nächtlichem Fluglärm und der Zunahme von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen herstellen können. In Österreich sind außerdem seit 1999 Lärmerkrankungen anerkannt. Es gibt dort laut Definition drei Stadien. Zuerst treten Verhaltensänderungen ein. Betroffene sind gereizt, ihnen drohen häufiger Infekte. Im zweiten Stadium kann es zu vermehrter Aggression gegen andere Menschen kommen – aber auch zu Depression, wenn der zunehmende Zorn gegen sich selbst gerichtet wird. Kindern droht eine verzögerte Sprachentwicklung. Das dritte Stadium charakterisiert den Endabschnitt mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Epilepsie und Selbstmord.

Nicht zu vergessen, dass die Belastung durch Kerosin, das die Flugzeuge tanken, hinzugerechnet werden müsse. "Das ist nicht unbedingt gesundheitsfördernd", betont Kobosil mit einem Schmunzeln. Den Humor habe er nicht verloren, sagt der Technikfan, aber nach Autobahn-, Bahn- und Fluglärm sei es einfach irgendwann mal genug. Ein Problem sei, dass Fraport auf stetem Wachstumskurs sei. "Wie weit muss eine Bevölkerungsminderheit leiden, nur damit ein Unternehmen noch einen bisschen mehr einnehmen kann?", fragt er.

Minütlich donnern die Maschinen

Hummel lebt seit 40 Jahren in Massenheim. Seit März habe der Flugverkehr über dem Stadtteil "frappierend" zugenommen – und dementsprechend auch der Krach. Minütlich donnerten die Maschinen über die Häuser, betont der Christdemokrat. Er stimmt Kobosil zu. "Wir müssen aus Kostengründen mehr Lärm ertragen, obwohl es nicht notwendig wäre." Beispielsweise könnte das Anflugverfahren geändert werden. Dazu müssten aber mehr Fluglotsen eingestellt werden – was aber mehr kosten würde. "Das würde die Menschen entlasten."

Paul schaltet sich ins Gespräch ein: "Die Stadt engagiert sich zu wenig", kritisiert er. Bei Segmüller habe es zum Beispiel genaue Studien zur Lärmbelästigung durch den Lieferverkehr gegeben. "Warum gibt es dieses Engagement nicht beim Thema Fluglärm?" Dass Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr angekündigt hat, in Bad Vilbel Lärm zu messen, bezeichnet er als "Beruhigungspille". Paul bringt es auf eine einfache Formel: Welche Kommune sich am wenigsten gegen die Flugrouten wehrt, bekommt am Ende das meiste ab. Für die Quellenstadt wäre das fatal. "Was nutzt uns das Image als ›Wohlfühl-Vilbel", wenn über der Stadt Flugzeuge donnern?"

"Problem nur politisch lösbar"

Dass es vonseiten der Politik nicht genug Gegenwind gebe, liege auch an der Tatsache, dass lärmbedingte Krankheiten erst nach 10 bis 20 Jahren ausbrechen würden, betont Kobosil. "Was nicht akut passiert, wird auch nicht geändert." Mit Skepsis blicke er deshalb auf die Position zu diesem Thema innerhalb der Stadtverwaltung. "Alle betonen, wir bräuchten den Flughafen. Aber darum geht es bei der Diskussion doch gar nicht." Es geht um den Fluglärm. Und da interessieren den 66-Jährigen nur Ergebnisse.

Ein erster Schritt sei das geplante Treffen von der von Ronald Kasten gegründeten Bürgerinitiative mit der Stadt und der DFS. "Dort können wir unsere Forderungen formulieren: Höhere An- und Abflüge, keine Abkürzungen und langfristig leisere Maschinen." Das Problem könne nur politisch gelöst werden. "Nicht nur für Bad Vilbel, sondern für die gesamte Region." Hummel wirft ein: "Es ist schon komisch, dass ältere Autos wegen fehlender Feinstaubplakette nicht nach Frankfurt fahren dürfen, aber dafür donnern die Maschinen über die Stadt." Das Trio am Tisch muss lachen, bevor Kobosil wieder ernst wird: "Resultat wird sein, dass die Bürger bei nächster Gelegenheit die Partei wählen, die sich auch für sie einsetzt."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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