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Zeichen des Gedenkens: Martha-Lesse-Straße in Bad Nauheim-Rödgen eingeweiht

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Das Straßenschild wird enthüllt - mit dabei sind (v. l.) Manfred de Vries, Markus Philippi, Klaus Kreß, Louise Hale, Sydney Fields, Peggy Roden, Alison Linn, Ronald Hale, Sarah Roden, Barbara Linn und Gisela Babitz-Koch. © Petra Ihm-Fahle

Rödgen hat eine neue Straße. In einer Zeremonie enthüllten die Nachfahren der vertriebenen jüdischen Familie Lesse das Schild »Martha-Lesse-Straße«. Sie reisten dafür aus den USA an.

Die Blicke von Barbara Linn, Louise Hale und Peggy Roden sind bewegt, als die Veranstaltung beginnt. Sie sind die Töchter von Georg Lesse, später George H. Less. Zusammen mit anderen Lesse-Nachfahren - den jungen Frauen Alison Linn, Sarah Roden und Sydney Fields - sind sie aus den USA nach Rödgen angereist. Anlass war die Einweihung der Martha-Lesse-Straße am Donnerstagvormittag im Neubaugebiet »Am Holzberg« gemeinsam mit dem Ortsbeirat und der Stadt Bad Nauheim.

Insgesamt dürften etwa 150 Menschen dorthin gekommen sein, um des Unrechts zu gedenken, das unter dem Naziregime jüdischen Bürgerinnen und Bürgern angetan worden war: Im konkreten Fall dem Paar Alfred und Martha Lesse, das mit seinen Kindern Walter und Georg aus Rödgen in die USA fliehen musste. Walter erreichte die Vereinigten Staaten nicht, da er unterwegs durch ein ungeklärtes Schicksal umkam, vermutlich durch Ertrinken. Alfred starb wenige Jahre nach der Ankunft in Amerika an einer schweren Herzattacke.

Urenkelin spricht in Rödgen

Ein großes Stück des rund 2,94 Hektar großen Neubaugebiets und noch weitaus mehr hatte den Lesses gehört, die eine Hühnerfarm betrieben hatten, wie Dorf-Chronist Herbert Pauschardt berichtete.

Als die Angehörigen das Straßenschild enthüllten, zogen auch andere mit am Tuch: der stellvertretende Parlamentschef Markus Philippi, Bürgermeister Klaus Kreß, Manfred de Vries (Jüdische Gemeinde) und Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch. In einer Rede schilderte Urenkelin Sarah Roden die Vorgeschichte: »Vor einem Jahr erhielt meine Familie eine E-Mail vom Bad Nauheimer Stadtrat, betreffend der heutigen Feier zur Neubenennung einer Straße in dieser Stadt.« Alle seien überrascht gewesen, denn sie hätten nicht viel über das Leben der Familie in Deutschland gewusst. »Es war eine Zeit, an die sie sich nicht gern erinnern wollten. Dieses Kapitel war für sie und uns abgeschlossen.«

Tatenlos zugesehen

Roden beschrieb Martha, Alfred, George und Walter. »Sie waren weltliche Juden und stolze Deutsche. Weder gingen sie regelmäßig zur Synagoge, noch befolgten sie die Gesetze der Kaschruth. Sie trugen auch keine Kippa.« Wie Roden ausführte, hatte das für ihre Nachbarn keinen Unterschied gemacht, »welche tatenlos zusahen, als sie Opfer hasserfüllter Schandtaten wurden«. Im Namen der Angehörigen dankte die Urenkelin den Bad Nauheimern dafür, sich besonnen zu haben und Bereitschaft zu zeigen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen: Dies, indem sie die Neubenennung der Straße unterstützten. »Wir wollen bei dieser Gelegenheit aber auch nicht vergessen, dass die Benennung der Straße nach Martha Lesse letztlich ein ›Happy End‹ unserer Geschichte darstellt«, erklärte Roden. Die Familie sei in die USA ausgewandert und habe ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. »Ihre Enkelinnen und Enkel konnten studieren. Aber wir dürfen niemals die sechs Millionen vergessen, deren Geschichte anders endete.«

Manfred de Vries, Vorsteher der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, griff diesen Punkt auf. Um auszuwandern, seien Geld und bestimmte Berufe nötig gewesen. »Die Menschen, die das nicht hatten, hatten keine Chance. Man erkannte ihnen die Menschenrechte ab, sie hatten weniger Rechte als jedes Tier und mussten sich ihrem Schicksal ergeben.«

Eintracht-Chor singt

Auf die Idee, eine Straße im Neubaugebiet nach einem jüdischen Opfer des Holocaust zu benennen, war Ortsvorsteherin Babitz-Koch gekommen. Auf Wunsch der städtischen Frauenbeauftragten Patricia Mayer sollte es eine Frau sein. Dass das ein guter Gedanke war, erschloss sich aus den Reden von Kreß und Babitz-Koch. »Martha Lesse muss eine außergewöhnliche Frau gewesen sein, mit starkem Charakter, Unternehmergeist und großem Mut«, stellte Kreß fest. Babitz-Koch bezeichnete sie als Heldin. »Durch sie gelang ihrer Familie die Flucht, und die Familie überlebte, um ihre Geschichte zu erzählen.«

Unter dem azurblauen Himmel sang der Chor Eintracht Rödgen - ein Blau, das Martha und ihre Lieben in den Sommern sicher oft sahen. Der Besuch ihrer Angehörigen berührte auch den stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Philippi, der appellierte: »Lasst uns leben wie Freunde.«

Aus der Rede von Manfred de Vries

Die Redner bei der Straßenschild-Enthüllungsfeier hielten ihre Ansprachen weitgehend auf Deutsch und auf Englisch. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Manfred de Vries, blieb bewusst in der englischen Sprache. Wie er auf Nachfrage erklärte, wollte er für die Gäste aus den USA verständlich sein. Auf Deutsch habe er diese Inhalte bei anderen Gelegenheiten schon oft vorgetragen. In seiner Rede ging de Vries auf die jüdische Gemeinde Bad Nauheim ein, deren Mitglieder zum Großteil aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen. Die Städte Bad Nauheim, Friedberg und Butzbach tun laut de Vries alles, was möglich sei, um jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich zu machen. »Wir sind alles Menschen, die einander achten und respektieren müssen, was leider nicht immer der Fall ist«, sagte er. Nach Ansicht von Manfred de Vries hätten die Menschen nicht gelernt, jeden unabhängig von Herkunft und Religion gleich zu behandeln.

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