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Wenn Russen statt einem Gruß eine Beleidigungen hören

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Bitte Platz nehmen: Die Jüdische Gemeinde in Bad Nauheim hält allen Menschen die Türen offen. Wie Vorsteher Manfred de Vries erzählt, essen Russen und Ukrainer nach dem Gottesdienst gemeinsam in der Synagoge. © Red

Die Jüdische Gemeinde Bad Nauheim hat russische und ukrainische Mitglieder, aber keine Probleme. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik berichtet dagegen von Animositäten.

Bestehen seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs Aversionen gegenüber Russen und Russinnen? Diese Zeitung fragte nach, zuerst in der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim. 72 Gemeindemitglieder stammen laut Vorsteher Manfred de Vries ursprünglich aus der Ukraine, über 90 kommen aus Russland.

Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Gottesdienstes in der Synagoge anschließend zusammen essen, sind Gespräche zwar möglich, aber derzeit erschwert. Die Tische des sogenannten »Restaurants« stehen pandemiebedingt mit Abstand zueinander. »Man redet mit dem nächsten Nachbarn, aber nicht mit allen«, sagt de Vries. Als die russischen und ukrainischen Mitglieder ab Beginn der 1990er-Jahre in Bad Nauheim eintrafen, kamen sie aus der Sowjetunion. »Sie waren für uns alle gleich wichtig. Sie erhielten alle unsere volle Unterstützung hin zur Akzeptanz und Integration. Wir machten keine Unterschiede zwischen Russen, Ukrainern, Esten und anderen, denn sie waren ein Glücksfall für uns und der Garant für eine Zukunft des Judentums in der Wetterau und im Usinger Land.«

Manch Älterer sieht sich noch als Sowjet

Kulturell bedingt gebe es große Unterschiede zwischen Ukrainern, Esten, Kasachen und Russen. Eine kleinere Gruppe älterer Mitglieder sieht sich laut de Vries aber noch als Sowjets. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist seinen Worten zufolge Thema bei den Mahlzeiten in der Synagoge, aber zu Streitigkeiten zwischen ukrainisch- und russischstämmigen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde kam es in seiner Wahrnehmung noch nicht.

Auch über Kriegssorgen sprächen die Menschen nicht. Eine geflüchtete Familie kam in der jüdischen Gemeinde in einer Wohnung unter. »Die meisten Ukrainer haben ihre Familien aber nicht mehr in der Ukraine, sondern hier oder in Israel oder anderswo«, schildert er. Es seien jüdische Menschen, ihre Familien leben laut de Vries größtenteils nicht mehr in der Ukraine.

Berlin, Bundestagssitzung am jüngsten Freitag, die Bad Nauheimer Abgeordnete Natalie Pawlik geht nach vorn. Am Rednerpult spricht sie zur Ukrainehilfe und zur Sicherstellung der weltweiten Nahrungsmittelversorgung. Schon mehrfach bezog sie Stellung zum Angriffskrieg Putins auf die Ukraine, den sie als völkerrechtswidrig verurteilt, wie sie dem ZDF-Morgenmagazin neulich erklärte.

Pawlik wurde in Russland geboren. Als im Februar der Krieg ausbrach, appellierte sie, russischstämmige Bürgerinnen und Bürger nicht in die Sippenhaft zu nehmen. Auf Anfrage dieser Zeitung bezieht sie Stellung zur zunehmenden Russenfeindlichkeit im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg. »Antislawismus gibt es schon sehr lange in Deutschland«, sagt Pawlik. Die sogenannten Slawen seien keine einheitliche Gruppe, pauschalierend sei dann aber die Rede von »den Russen«, denen Vorurteile wie beispielsweise »primitiv«, »gewalttätig«, »kriminell« oder »alkoholisiert« zugeschrieben würden.

Diskriminierungen im Bekanntenkreis

Solche Diskriminierungserfahrungen hätten viele ihrer russischsprachigen Freunde und Bekannten gemacht. »Diese Erfahrungen müssen wir ernst nehmen und als Gesellschaft dagegen vorgehen«, betont Pawlik. Das Problem habe seit dem Krieg zugenommen. »Eine Bekannte erzählte mir, dass ihr Kind wegen diskriminierenden Erfahrungen nicht mehr in die Schule gehen wollte. Eine andere berichtete, dass ihre Nachbarn aufgehört haben, sie zu grüßen. Auch wurde eine Bekannte nach einem Besuch in einem russischen Lebensmittelladen von einem Passanten beleidigt.«

Das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichne seit Februar Straftaten in Zusammenhang mit dem Krieg, sagt Pawlik. Gleichzeitig würden gerade jetzt seitens der russischen Regierung die Erfahrungen der Diskriminierung genutzt. Durch gezielte Fehlinformationen werde im Sinne eines hybriden Kriegs versucht, die Gesellschaft in Deutschland zu spalten. »Das dürfen wir nicht zulassen«, unterstreicht Pawlik. Dass gezielte Desinformation und »Fake News« wirken, lasse sich an den vereinzelt auftretenden Pro-Putin-Demonstrationen sehen. »Diese Demonstrationen verurteile ich zutiefst. Gleichzeitig möchte ich auch hier explizit darauf hinweisen, dass diese Demonstrationen nicht repräsentativ auf die gesamte Gruppe übertragen werden dürfen.« Im Gegenteil: »Viele Personen mit einer post-sowjetischen Einwanderungsgeschichte engagieren sich derzeit enorm für ukrainische Menschen.«

Russen in Bad Nauheim: Eine lange Geschichte

Die Geschichte der Russen in Bad Nauheim beginnt mit der Zunahme russischer Kurgäste Ende des 19. Jahrhunderts. Damit sie zum Gottesdienst gehen konnten, nutzte die Bruderschaft des heiligen Fürsten Wladimir e. V. Bratstwo ab 1905 die Reinhardskirche. Zarin Alexandra übernahm gemeinsam mit ihrer Schwester Elisabeth die Patenschaft für das Gotteshaus, das eine sehr bedeutende Ikonostase besitzt. Sie stammt aus dem russischen Kloster Sarow. 1910 kam die russische Zarenfamilie zu Besuch und lebte acht Wochen lang in der Friedberger Burg. Zarin Alexandra kurte während dieser Zeit in Bad Nauheim. In den 1990er-Jahren bis Anfang 2000 wanderten jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland aus. Seit 1978 gab es in Bad Nauheim ein Geflüchteten-Heim in der Luisenstraße, das besonders für Spätaussiedler aus Russland gedacht war. Zwischen 2003 und 2008 versuchte das Bad Nauheimer Stadtmarketing, ein deutsch-russisches Festival zu installieren, um wieder attraktiv für russische Kurgäste und Investoren zu werden. Ab 2003 sanierte ein Förderverein die russische Kirche, die Arbeiten dauerten insgesamt 18 Jahre. Dabei wurde auch die wertvolle Ikonostase restauriert.

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Die in Russland geborene SPD-Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik berichtet vonErfahrungen ihrer Bekannten. © Red

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