Das Gewerbegebiet "Am Taubenbaum" soll zum Mischgebiet werden, damit 50 neue Wohnungen entstehen können. FOTO: IHM
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Das Gewerbegebiet "Am Taubenbaum" soll zum Mischgebiet werden, damit 50 neue Wohnungen entstehen können. FOTO: IHM

Wohnraum und Gewerbe

Taubenbaum-Gebiet in Bad Nauheim: Gibt es eine Ungerechtigkeit?

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Im Bad Nauheimer Gebiet "Am Taubenbaum" plant ein privater Investor, 50 Wohnungen zu errichten, doch dazu muss der Bebauungsplan geändert werden. Dabei sind Probleme aufgetreten.

Wir haben das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden", sagt Pamela Kern. Die Inhaberin des Küchenstudios Kern sitzt auf der Zuschauertribüne neben ihrem Nachbarn Andreas Lindemann, dem Inhaber des Fitnesstreffs Lindemann. Die beiden sind in die Frauenwaldhalle in Nieder-Mörlen gekommen, wo das Stadtparlament tagt.

Küchenstudio und Fitnesstreff liegen nah beieinander im Gewerbegebiet "Am Taubenbaum", vis-à-vis liegt das frühere Gelände der Firma Etimark. Dort sollen fünf Häuser mit insgesamt 50 Wohnungen und ein Bürogebäude entstehen, getragen durch einen privaten Investor. Vor den Parlamentariern liegt nun der städtebauliche Vertrag zwischen Stadt und Investor zur Beschlussfassung.

Die Sache mit der Quote

Der Bauausschuss hat das Papier kürzlich einstimmig abgesegnet. Aus dem Gewerbe- soll ein Mischgebiet werden, das auch eine Wohnnutzung vorsieht. Doch statt der Empfehlung des Ausschusses zu folgen, besteht plötzlich erneut Beratungsbedarf. Die CDU-Fraktion hat kurz vor der Sitzung etwas in Erfahrung gebracht: Nicht alle Geschäftsleute dort sind mit der Umwandlung in ein Mischgebiet einverstanden.

Pamela Kern erklärt der WZ Folgendes: "Wir besitzen die Fläche vom Küchenstudio, Lindemann hat das Fitnessstudio. Direkt daneben soll alles abgerissen und neu gebaut werden. Was genau da passieren soll, wissen wir nicht." Fest steht für Kern aber eins: "Mit unserem Grundstück könnten wir niemals Wohngebiet werden, da der Investor mit seinem Anteil schon alles ausreizt."

Wie CDU-Stadtverordneter Christian Trutwig am Rednerpult schildert, besage ein Passus des städtebaulichen Vertrags, dass der Investor und alle anderen Grundstückseigentümer das Mischgebiet anstreben. "Das stimmt nicht", betont er. Die Wohnbebauung laufe zugunsten des Investors, die anderen Eigentümer müssten den Gewerbeanteil abbilden. Denn üblicherweise betrage der Wohnflächenanteil in einem Mischgebiet 50 Prozent, was das Kreisbauamt festlege. Dem Investor wolle die Stadt allerdings 77 Prozent zubilligen, was somit zulasten der Nachbarn gehe. Ausgerechnet das Küchenstudio sei betroffen, merkt Trutwig an, dem die Stadt ohnehin schon Konkurrenz auf dem Stoll-Gelände vor die Nase setze.

Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) weist auf die lange Vorgeschichte hin. "Magistrat und Parlament wollten das Areal ›Am Taubenbaum‹ aufwerten und entwickeln." Ein Mischgebiet trage diesem Wunsch Rechnung. Das Parlament habe letztes Jahr denn auch den Aufstellungsbeschluss für die Änderung des Bebauungsplans gefasst. Das Ziel, ein Stück weit auch bezahlbaren Wohnraum umzusetzen, sehe er dadurch ebenfalls realisiert, sagt Kreß. "Durch die B-Plan-Änderung steigt der Wert der Grundstücke Kern und Lindemann deutlich", erläutert der Bürgermeister. Denn momentan seien dort nur betrieblich genutzte Wohnungen möglich. Er nennt Zahlen: "5000 Quadratmeter Wohnen und 1800 Quadratmeter Gewerbe sind auf dem Grundstück des Investors möglich." Auf dem Gelände Kern seien es 390 Quadratmeter Wohnen und 160 Quadratmeter Gewerbe.

Pamela Kern schaut skeptisch von der Zuschauertribüne, Axel Blecher (SPD) schlägt eine Lösung vor: "Wenn ich 6800 Quadratmeter Fläche habe, und davon sind 5000 Wohnfläche, dann ist das eine Quote von 73 Prozent." Er meint, diese Quote müsse im B-Plan für alle festgeschrieben werden, um einen Ausgleich aller Interessen herzustellen.

Vorlage geht zurück in den Ausschuss

Die Stadtverordneten wollen das Papier nun erneut im Bauausschuss studieren, denn dem Gremium seien die Konsequenzen nicht bewusst gewesen. Die Informationen seien zu dürftig gewesen, lautet der Tenor. "Es wäre gut, wenn wir in Zukunft bei städtebaulichen Verträgen alle Punkte erfahren, nicht nur aus einer Perspektive", unterstreicht beispielsweise Ausschuss-Vorsitzender Manfred Jordis (CDU). Dr. Martin Düvel von den Grünen kann die Einwände nicht verstehen: "Es kann nicht sein, dass sich eine wünschenswerte Wohnraumentwicklung nicht ergibt wegen zwei Nachbarn. Allerdings unterstützen die Grünen eine gerechte Behandlung."

Alle müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen

In der Debatte wies Bürgermeister Klaus Kreß auf die 700 Euro pro Quadratmeter hin, die der Investor für 15 Prozent seiner Fläche "Am Taubenbaum" zahle, um bezahlbaren Wohnraum abzulösen. Diesen würde die Bad Nauheimer Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) im Rahmen anderer Projekte errichten. Um Gleichbehandlung herzustellen, betonte der Rathauschef, müssten auch andere Grundstückseigentümer diesen "Obolus" zahlen, wenn sie die Wohnbebauung auf ihrem Gelände erweitern wollen. Bei der 700-Euro-Lösung handelt es sich um einen Kompromiss, den die Stadtverwaltung in Verhandlungen erzielt hat. Denn das Parlament hatte zunächst beschlossen, dass der Investor 15 Prozent bezahlbaren Wohnraum schaffen müsse. Der Investor trägt nach Angaben von Kreß auch die Kosten des B-Plans in Höhe von 100 000 Euro.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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