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Straßeneinweihung in Bad Nauheim-Rödgen: Nachfahren reisen aus den USA an

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Blick in die Martha-Lesse-Straße im Neubaugebiet »Auf dem Holzberg«. Es handelt sich um ein großes Hufeisen, das um den Block herumführt. © Petra Ihm-Fahle

Zwei Straßen wird es im Neubaugebiet »Auf dem Holzberg« in Bad Nauheim-Rödgen geben. Eine soll an die Jüdin Martha Lesse erinnern. Am 1. September wird die Straße eingeweiht.

Baufahrzeuge stehen im Neubaugebiet »Auf dem Holzberg« im Bad Nauheimer Stadtteil Rödgen, diverse Häuser sind schon im Bau. Gerade biegt die Steinfurther Firma Thorsten Falk von der Römerstraße ins Baugebiet ein und hält vor einem schmucken Klinkerhaus. Von außen sieht es schon fast fertig aus. Früher gehörte ein großer Teil des Grund und Bodens, der das Neubaugebiet ausmacht, der jüdischen Familie Lesse, die nach der Reichspogromnacht vertrieben wurde. Am Donnerstag, 1. September, werden die Nachfahren aus den USA bei der feierlichen Einweihung der Martha-Lesse-Straße anwesend sein.

Bauherr des Klinkerhauses in der langen, hufeisenartigen neuen Straße ist Niko Kern. Der 36-Jährige arbeitet als Abteilungsleiter für Bevölkerungsschutz bei der Berufsfeuerwehr Offenbach und stammt aus Bad Nauheim. Gemeinsam mit Frau Janine, auch sie ist Brandschützerin, macht er den Traum vom Eigenheim wahr. »Wir haben lange zur Miete gewohnt, dann hat sich die Chance ergeben und wir haben nach langem Warten einen Bauplatz bekommen«, sagt er strahlend. Momentan hat Kern noch eine schöne Aussicht auf die Felder und das frühere Römerlager aus augusteischer Zeit. Kommen weitere Eigenheime hinzu, bleibt vielleicht trotzdem noch der Blick auf den Johannisberg. Im Mai vollzog die junge Familie den ersten Spatenstich. »Wenn alles gut läuft, sind wir an Weihnachten im neuen Haus«, erzählt er.

Von 1932 bis 1939 in Rödgen gelebt

Was es mit der Martha-Lesse-Straße auf sich hat, weiß der Vater einer Tochter durch eine Bauherrenveranstaltung bei den Stadtwerken. Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch informierte dort über die Hintergründe. Ehefrau Janine und sein Kind werden laut Kern auf jeden Fall dabei sein und haben sich bereits angemeldet. »Es reden alle davon und ich denke, es werden ein paar Leute da sein«, sagt er. In diesem Moment kommt Janine Kern mit dem Nachwuchs, um mit ihrem Mann und dem Steinfurther Thorsten Falk in den zukünftigen Garten zu gehen. »Wir machen die Außenanlage, Zisterne, Revisionsschacht, L-Steine-Stellen und so weiter«, erläutert Falk im Gespräch mit dieser Zeitung.

Martha Lesse und ihre Lieben wohnten von 1932 bis 1939 in Rödgen, vor den Nazis floh die Familie über England und Glasgow nach New York. Dies geht aus einer Pressemitteilung von Ortsvorsteherin Babitz-Koch hervor. »Da ein großer Teil der Fläche des 2,4 Hektar großen Baugebietes mit 38 Wohneinheiten den Lesses gehörte, entschied sich der Ortsbeirat für den Namen Martha-Lesse-Straße. Der städtische Bauausschuss und die Stadtverordnetenversammlung stimmten diesem Wunsch geschlossen zu«, schildert die Christdemokratin.

Alfred Lesse wurde in ein Internierungslager verschleppt

Martha Lesse hatte vor dem Zuzug nach Rödgen eine Hühnerfarm mit großer Obstplantage gekauft, ihr Mann Alfred betrieb ein Textilgeschäft in Frankfurt. Wie aus der Pressemitteilung weiter hervorgeht, bekamen viele Einwohner Arbeit und gute Bezahlung in dem landwirtschaftlichen Betrieb. »Die Familie waren geschätzte Bürger, zwei Söhne gingen in die Schule«, berichtet Babitz-Koch. Dass die Familie das Anwesen entgegen der Überlieferung unter Wert verkaufen musste, ergaben Recherchen dieser Zeitung. Lokalhistoriker Herbert Pauschardt, Babitz-Koch und andere Beteiligte hatten sich zuvor schon mit der Geschichte befasst. Wie sie herausfanden, wurde Alfred Lesse nach der Reichspogromnacht in ein Internierungslager verschleppt. Martha Lesse legte sein Eisernes Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg dort vor, woraufhin sie ihn vorübergehend mit nach Hause nehmen durfte. Alfred Lesse flüchtete daraufhin nach England. »Durch Martha gelang der Familie die Flucht, die überlebte, um ihre Geschichte zu erzählen, was vielen jüdischen Bürgern nicht möglich war«, sagt die Ortsvorsteherin. Es dürfe nicht vergessen werden, was Juden angetan wurde. »Die Erinnerung sollte lebendig gehalten werden und gleichzeitig Mahnmal für die Schrecken sein, die Menschen erleiden mussten«, betont Babitz-Koch. Bauherr Kern begrüßt das: »Ich finde es wichtig, an die Vergangenheit zu erinnern und sie zu reflektieren.«

Bevölkerung ist eingeladen

Zu der feierlichen Einweihung der Martha-Lesse-Straße am Donnerstag, 1. September, um 11 Uhr hat die Stadt die Angehörigen der Familie Lesse aus den USA eingeladen. Die Kommune erwartet die drei Töchter mit Enkeln aus der Ehe von George Lesse, Marthas und Alfreds zweitältestem Sohn. Der älteste Sohn Walther ertrank auf der Flucht. Bürgermeister Klaus Kreß und Erster Stadtrat Peter Krank werden begrüßen, weitere Ansprachen folgen, unter anderem von Manfred de Vries, dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, und von dem stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Markus Philippi. Der Männergesangverein Eintracht Rödgen wird die Veranstaltung mit Gesangsstücken untermalen. Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen. Das Neubaugebiet »Auf dem Holzberg« liegt parallel zur Römerstraße in Rödgen.

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