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Sorgen in Bad Nauheim: »Die Bäume haben Stress«

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Bei näherer Betrachtung zeigen sich braune Blätter und abgeworfenes Laub. © Petra Ihm-Fahle

Unter der Hitze leidet die Natur. Nach Ansicht von Jeanette Fengels und einiger Nachbarn betrifft das auch elf Kastanien im Arthur-Weber-Weg in Bad Nauheim. Sie wünscht sich mehr Einsatz der Stadt.

Besorgt schauen Jeanette Fengels und ihr Vater Gunther Manka auf die elf Kastanien vor ihrem Zuhause im Arthur-Weber-Weg in Bad Nauheim. Erst auf den zweiten Blick sieht man braune Blätter in den Baumkronen und vertrocknetes Laub im Gras. »Die Bäume haben Stress«, stellt die 49-Jährige fest.

2019 fing es an. »Das war der erste Sommer, als es so trocken war. Zuerst haben wir versucht, manuell zu gießen.« Nachbarn seien mit der Gießkanne gekommen, zum Teil an Krücken dorthin gelaufen. »Es geht nicht. Wir haben Wohnungen und mussten das von oben runtertragen. Es war ein sehr großer organisatorischer Aufwand«, sagt sie.

Damals rief sie bei der Stadtverwaltung an. »Ich dachte, wenn wir Bewässerungssäcke organisieren, bezahlen und an die Bäume hängen - ob die Stadt so nett sein könnte, die Kastanien einmal die Woche zu gießen.« Einige Anwohner beteiligten sich am Kauf der Säcke, die nach Worten der Bad Nauheimerin insgesamt rund 600 Euro kosteten.

Zwei Jahre funktionierte es laut Fengels, städtische Mitarbeiter füllten regelmäßig Wasser in die 50-Liter-Behältnisse, die das Nass langsam an die 25 Jahre alten Bäume abgaben. »Letztes Jahr haben wir es wetterbedingt nicht gebraucht. Dieses Jahr, als es mit der großen Hitze wieder anfing, haben wir gefragt, ob sie nicht wieder gießen könnten, und da war die Aussage: Nein.«

Reicht es bis zum Grundwasser?

Wie die Bad Nauheimerin einräumt, war ihr von Beginn an klar, dass die Kapazitäten nicht immer vorhanden sein würden und es »guter Wille« gewesen sei. Die Mitarbeiter der Stadt kümmern sich ihrer Beobachtung nach um die städtischen Beete, doch wie sie findet, reicht das nicht. »Sie haben auch immer bestätigt: Sie möchten die Kastanien erhalten.«

Anfang Juli besichtigten Verantwortliche des städtischen Fachbereichs Kur und Service die Gewächse. »Sie sagten, der Zustand der Kastanien wäre in Ordnung.« Argumente für das Nichtgießen seien auch die Kosten gewesen, dass es personell und mit den vorhandenen Wasserwagen nicht zu leisten sei. Laut Rathaus sind die Bäume alt genug, um sich über das Grundwasser versorgen zu können, was Fengels bezweifelt. »Die Wurzeln reichen maximal acht Meter in die Tiefe, es sind Rosskastanien.« Wie sie berichtet, führte sie Gespräche mit Fachleuten, die den Grundwasserpegel durch die momentane Trockenheit bei zehn Metern Tiefe sehen. Die Stadt habe angeboten: »Sie können selbstverständlich die Bäume gießen« - doch niemand habe den technischen Anschluss.

Kostenargument

lässt sie nicht gelten

Sie sieht die Kommune auch deshalb in der Pflicht, da das Neubaugebiet Bad Nauheim Süd in einer Auenlandschaft stehe und das neue Eisstadion ebenfalls in der Auenlandschaft zwischen Bad Nauheim und Friedberg entstehen soll. »Die Bauwerke drücken das Grundwasser nach unten«, sagt sie. Gleichzeitig veranstalte die Stadt einen Workshop, um nachhaltige Ideen zu suchen, wie jüngst geschehen. Vorschlag von Fengels: »Ich brauche keine tollen Ideen, hier gibt es eine Möglichkeit: Einen alten Baumbestand zu erhalten.« Es seien gesunde Gewächse, denen außer Wasser und Nährstoffen nichts fehle. Das Kostenargument will die Bad Nauheimerin angesichts der »hohen Grundsteuer« und »Tausender steuerzahlender Neubürger« nicht gelten lassen. Wie sie erklärt, sind sie und ihr Vater nicht die Einzigen, die sich sorgen. 20 Jahre lebt sie schon an diesem Ort. »Wir haben die Kastanien wachsen sehen. Es ist eine grüne Oase, die sollte erhalten bleiben.«

Laut Fabian Salzmann von der städtischen Öffentlichkeitsarbeit ist dem Rathaus die Problematik bekannt. »Wir sind seit Längerem mit den Anwohnerinnen und Anwohnern diesbezüglich im Austausch«, sagt er. Grundsätzlich würden Bäume nach der Pflanzung zwei bis drei Jahre von der Stadt bewässert. »Nach diesem Zeitraum sind die Bäume fest verwurzelt und können ihren Wasserbedarf eigenständig decken. Die Kastanien im Arthur-Weber-Weg stehen dort seit über 20 Jahren und werden somit nicht mehr von uns bewässert.« Eine Ausnahme von dieser generellen Vorgehensweise sei nicht vorgesehen. Es sei nicht unüblich, dass auch vitale Bäume im Hochsommer Blätter verlieren.

Wie man helfen kann

Das Online-Magazin Oekotest.de empfiehlt, Straßenbäume im Sommer zu unterstützen. »Jeder, der kann, sollte einem Baum über den Sommer helfen. Egal, ob die eigenen Gehölze im Garten, die an der Straße vor der Haustür oder ob die der Nachbarn mehr Feuchtigkeit benötigen«, zitiert Oekotest.de den Baumschulmeister Reinhard Bertels (Drensteinfurt). Etwa zehn Eimer Wasser pro Woche sind laut Oekotest.de nötig. Hierzu müsse man nicht Trinkwasser nutzen, sondern auch aufgefangenes Regenwasser und abgestandenes Wasser aus dem Haushalt seien verwendbar: etwa aus Hunde- oder Katzennapf und der Blumenvase. Auch könne man Wasser beim Gemüsewaschen auffangen oder das (abgekühlte) Kochwasser für Eier, Kartoffeln und Gemüse nehmen. Die gefährlichsten Feinde der Rosskastanie sind laut Oekotest.de die Miniermotte und das Bakterium Pseudomonas. Wie eine Untersuchung an den Berliner Straßenbäumen unterschiedlicher Arten ergeben hat, schädigen unter anderem Hitze und Trockenheit die Gewächse. Besonders mitgenommen seien etwa Ahorn, Rosskastanie, Platane und Birke. Schuld daran ist laut Oekotest.de meistens eine Kombination mehrerer Faktoren. Strategien, um mit der Dürre fertigzuwerden, sind nach Angaben der Website Wald.de etwa der Abwurf von Blättern und Zweigen.

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