Profifußball

Risiken der Profi-Welt

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Viele Ex-Fußballstars sind pleite. Die heutigen Profis vor diesem Schicksal zu bewahren, ist Aufgabe von René Schlichting aus Bad Nauheim, der gut 60 Erst- und Zweitligaspieler berät.

In Melbach lernte er das Fußball-Einmaleins, es folgten der Wechsel zu Eintracht Frankfurt und der Sprung in die Jugendnationalmannschaft: Vor René Schlichting lag eine märchenhafte Profikarriere. Verletzungen sorgten dann für das jähe Aus. Heute ist der 49-Jährige froh über diese brutale Erfahrung, gibt sie weiter an junge Spieler, die er in Bad Nauheim als Vermögensberater unterstützt.

Das Schicksal bekannter Profis wie Eike Immel, Uli Borowka und Ailton oder das seines Ex-Trainers Werner Lorant blieb René Schlichting erspart. Sie alle haben mit Fußball viel Geld verdient, sind später aber verarmt. "Für mich ist in kurzer Zeit ein Traum erloschen, aber letztlich war das frühe Karriereende fast ein Glück", sagt Schlichting. Nach schweren Verletzungen musste er den Beruf mit 24 Jahren aufgeben. Versichert war er nicht – "die Vereine haben sich null gekümmert".

Schule spielte Nebenrolle Weil die Profi-Laufbahn vorgezeichnet schien, hatte der Melbacher nach der 12. Klasse das Augustiner-Gymnasium verlassen, um sich ganz auf die Eintracht zu konzentrieren. "Die Schule spielte ohnehin eine Nebenrolle, jeden Tag bin ich hin und zurück fast drei Stunden zum Training am Riederwald gefahren – heute undenkbar." Nach der Sportinvalidität begann ein völlig neues Leben, plötzlich musste der junge Mann alles selbst entscheiden. Nach einer Banklehre machte er sich 1993 als Vermögensberater selbstständig.

Zum Fußball hielt er Distanz, die Erinnerungen waren zu schmerzhaft. Erst mit 30 Jahren ging Schlichting wieder ins Stadion, wurde auf seinen Beruf angesprochen. Heute ist die Beratung von Profi-Sportlern ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. "Wir beraten gut 60 Erst- und Zweitligaakteure, einige sind Nationalspieler", erzählt der 49-Jährige.

Völlig abgeschirmt Zu Schlichtings 36 Mitarbeitern gehören etliche Ex-Profis. Seit Kurzem ist der frühere Eintracht-Spieler Thomas Sobotzik dabei. Seine Karriere verlief ganz anders als die seines Chefs. 17 Jahre spielte er in der ersten und zweiten Liga. Sobotzik ist Teil des engen Netzwerks, das Schlichting geknüpft hat. "Mundpropaganda ist das allerwichtigste. Neben Vereinen wie Leverkusen, die alle Profis zu uns schicken, sind Spielerberateragenturen und die Spielergewerkschaft Partner", sagt er. Seine Tätigkeit beginnt bereits in Jugendleistungszentren der Bundesliga.

Als Schlichting und der 43-jährige Sobotzik sportlich aktiv waren, herrschten völlig andere Bedingungen als aktuell – nicht nur bezüglich der Gehälter. "Heute sind die Jungs viel professioneller, manche haben ihren eigenen Koch und Physio", sagt Sobotzik. Sie seien völlig abgeschirmt, Schlichting nennt es "ein Leben im Mikrokosmos". Das hat Vorteile, denn die Profis laufen kaum Gefahr, Opfer dubioser Berater zu werden.

Fast auf Betrüger reingefallen Früher war das anders. "Auch ich wurde von Leuten angesprochen, die mir windige Immobilienprojekte empfahlen. Zum Glück habe ich die Finger davon gelassen." Ganz gefeit davor, auf Betrüger reinzufallen, ist die heutige Spielergeneration aber nicht. Ein Fußballer mit Champions-League-Niveau rief Schlichting eines Abends um 23 Uhr an, war wenig später in Bad Nauheim, um sein Vermögen flüssig zu machen. Ein "Freund" hatte ihm geraten, alles in eine Goldmine zu stecken. Renditeversprechen: 20 Prozent. "Erst als alles unterschriftsreif war, habe ich ihn überzeugt, an einen Ganoven geraten zu sein."

Weiterer Unterschied zu früher: Die Zockerei, in den 90er Jahren weit verbreitet, spielt Sobotzik zufolge keine Rolle mehr. Das gelte auch für Alkohol, durch den früher einige Spieler nach der Karriere auf die schiefe Bahn geraten seien.

Extremer Luxus Inzwischen gibt es andere Gefahren – der extreme Luxus, den sich manche leisten und bei dem andere mithalten wollen. "Klamotten, Autos, Haus – oft ist alles vom Feinsten", weiß Sobotzik. Sein Chef erzählt von einem Spieler, der sich eine Küche für 100 000 Euro bestellt hat. Dabei hat er nur zwei Jahre Vertrag. Solche Flausen versucht Schlichting den Profis auszutreiben. Fehlt die gemeinsame Basis, verzichtet er auf eine Kooperation.

Das Ziel des 49-Jährigen, zu dessen Kunden Ex-Nationalspieler Andreas Möller gehört, ist klar: Mit 30 Jahren soll der Klient ein Vermögen aufgebaut haben, von dem er sorgenfrei leben kann. Oft ist eine Menge Überzeugungsarbeit nötig. Ein Vorteil für die Berater: Sie sprechen die gleiche Sprache wie ihre Kunden, wissen, wie das Profi-Geschäft läuft.

Infokasten

Sicherheit für den Fall der Fälle

Die Tätigkeit von René Schlichting, der in der Bad Nauheimer Franz-Groedel-Straße eine Direktion für die Deutsche Vermögensberatung leitet, geht weit über die eigentliche Vermögensberatung hinaus. "Manche Spieler rufen mich sogar an, wenn die EC-Karte gesperrt werden muss, die verloren gegangen ist." Der 49-Jährige hat einen kompletten Überblick über alle Arten von Vermögen – bis hin zum Girokonto, weiß genau, was reinkommt und ausgegeben wird. Aufgrund eigener leidvoller Erfahrung mit Sportinvalidität geht Schlichting immer zuerst das Thema Versicherung an. Ganz oben auf der Liste stünden Berufsunfähigkeit und Krankentagegeld. "Ihr Auto ist immer gegen alles versichert, sie selbst aber nicht", sagt Berater Thomas Sobotzik schmunzelnd. Solange die Profis bei langwierigen Verletzungen die sechswöchige Lohnfortzahlung erhalten, ist alles okay. Danach zahlt aber die Krankenkasse viel, viel weniger. Das muss ausgeglichen werden. Für diese und andere Versicherungen kommen schnell 2000, 3000 Euro im Monat zusammen. Manche Spieler sehen das erst ein, wenn sie die erste große Zwangspause hinter sich haben. Dann verlangen die Spezialversicherungen aber deutlich höhere Prämien. Ein junger Erstligaspieler mit Durchschnittsniveau verdient laut Schlichting rund 30 000 Euro brutto im Monat. Davon gehen Steuern und Versicherungen ab. Außerdem empfiehlt der Berater, mindestens zwei Drittel des Geldes anzulegen, wobei er eine konservative Linie fährt. "Keine reinen Aktienfonds, stattdessen Immobilien und Investmentfonds." Beratungshonorar fällt für die Kunden nicht an, das übernehmen die Banken und Versicherungen – es sind nämlich immer dieselben, bei denen das Geld angelegt wird. Diese Unternehmen bieten zudem kostenlose Konto- und Depotführung sowie vergünstigte Baufinanzierung. Drittligaspieler gehören nicht zu den Klienten des Bad Nauheimers. "Dort bringt es ein Kicker meist auf 5000 Euro brutto im Monat, da lässt sich kein Vermögen aufbauen." Wenn die Spielergewerkschaft VdV davon spricht, dass nach wie vor gut 20 Prozent der Vertragsspieler am Ende ohne Rücklagen oder gar mit Schulden dastehen, seien damit in erster Linie Drittligaspieler gemeint. (bk)

Quelle: Wetterauer Zeitung

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