Im Ring hoch in die Luft

Bad Nauheim (pm). "Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt." Dieser Satz ist beinahe eine Art Kompassnadel im Leben von Weltklasseartistin Lea Hinz. Etwa, dass sie eigentlich als Neurologin praktizieren wollte, stattdessen aber nun in einem Apartment in der Neonlicht-Show-Oase Las Vegas Wurzeln geschlagen hat. "Meine Eltern sind beide Mediziner und wollten eine möglichst sichere Zukunft für ihr Kind. Sie sind zwar nicht die größten Fans von dem, was ich tue, aber sie akzeptieren, dass ich es tue, weil ich mich damit gut fühle."

Klingt nach dem "Girl in Jeans", eine Figur, die die 30-jährige Lea Hinz vor einigen Jahren für ihre Darbietung am Luftring entwickelt hat: Eine selbstbewusste Göre in Straßenkleidung. Diese Nummer hat sie bei "La Soirée" in New York und allein 2000-mal in der legendären "Absinthe"-Show in Las Vegas aufgeführt. Dann entwickelte sie die Nummer "Mirror". Auf den "Mirror", hoch in der Luft, dürfen sich die Besucher des 18. Internationalen OVAG-Varietés vom 10. Januar bis 5. Februar im Dolce-Theater Bad Nauheim freuen, wo sie ihre Kunst neben 44 weiteren Artisten aus 20 Nationen demonstriert.

Es gibt artistische Nummern, die sind technisch perfekt, bleiben dennoch blass, ernten beim Publikum nicht die Anerkennung, die sie eigentlich verdient hätten. Das kann bei Lea Hinz nicht passieren. "Für mich ist es fundamental, in eine Nummer eine Geschichte einzubauen, etwas von meiner Persönlichkeit einzubringen. Das Publikum, spürt, dass da mehr ist, als nur die technische Ausführung." Technik und das Bemühen, diese kunstvoll zu verpacken, Ausstrahlung und Persönlichkeit machen den Star aus. So wie Lea Hinz in "Mirror".

In lasziven roten Dessous

Im roten Abendkleid betritt sie die Bühne, lässt sich im Ring nach oben ziehen, wirft das Kleid ab, zeigt sich in lasziven roten Dessous und zeigt auf sinnliche Weise schwierigste Tricks, die für das Publikum wortwörtlich luftleicht daher schweben.

Als Achtjährige begann sie mit der rhythmischen Sportgymnastik, wurde Mitglied der Nationalmannschaft und sechsmal Deutsche Meisterin. Dennoch stand der Wunsch im Mittelpunkt, Neurologin zu werden - dessen Erfüllung bei einem Notendurchschnitt von 0,8 kein Problem dargestellt hätte. Sie wollte sich also vom Leistungssport zurückziehen, ging vier Jahre lang in einer Gruppe mit dem "Feuerwerk der Turnkunst" auf Tournee.

Nach dem Abitur meldete sich 2008 ein Varieté-Regisseur bei ihr. "Ich war schon eingeschrieben fürs Studium. Ich sagte ihm, es käme eigentlich nicht infrage. Aber ich könne ja mal für eine Stunde vorbei kommen." Erstens kommt es anders: "Nach der Stunde rief ich meine Eltern an und sagte, ich wolle das mal versuchen. Für ein Jahr. Dann sollte es mit dem Studium endlich losgehen."

Deutschlands Superhirn

Sie begann mit Kontorsion und rhythmischer Sportgymnastik, fing schnell Feuer und legte eine blitzsaubere Karriere in den Variétes hin, bekam Angebote in Übersee, trat in New York auf und ließ sich schließlich in Las Vegas nieder. "Las Vegas weicht vom Klischee ab. Andererseits ist das eine hundertprozentige Show-Fabrik die jeden Tag funktionieren muss, zuverlässig, ohne Ausnahme, ohne Ausrede."

2012 übrigens wurde sie einem breiten Publikum bekannt, das kaum etwas mit Varieté zu tun hat. Ein Produzent wollte sie unbedingt für eine neue Show im deutschen Fernsehen gewinnen. Sie konnte sich das zunächst überhaupt nicht vorstellen. Zunächst. Dann jedoch gewann sie die ZDF-Show "Deutschlands Superhirn" mit Moderator Jörg Pilawa und kassierte die Prämie von 25 000 Euro.

Ihr Motto ist: "Mich an die Klippe heranwagen, etwas riskieren, bis an mein Limit gehen." Der Auftritt vor Publikum ist für sie essentiell geworden. Zwar sieht sie die USA als ihre derzeitige Heimat an, immer wieder jedoch nimmt sie Engagements in Deutschland an. So wie jetzt in Bad Nauheim, um dem Publikum von oben den "Mirror", den Spiegel, vorzuhalten.

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