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Michael und Elke Schwaninger tragen Cochlea-Implantate. Sie sind aktiv in der Öffentlichkeitsarbeit und setzen sich für eine Verbesserung der Barrierefreiheit ein. 

Thema Hörminderung

Barrierefreiheit: Bad Nauheimer Ehepaar hilft denen, die nichts hören

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Planer barrierefreier Angebote vergessen mitunter Menschen mit Hörschädigung. Michael und Elke Schwaninger aus Bad Nauheim tragen das Thema Hörminderung in die Öffentlichkeit.

"Inklusion ist nicht nur die Rollstuhlrampe", sagt Michael Schwaninger. Seine Aussage hat eine Vorgeschichte, denn beginnend mit der Pubertät wurde er schleichend schwerhörig. "Dies merkte ich, als ich im Französischunterricht bestimmte Laute nicht verstanden habe", erzählt der 51-Jährige.

Sein Hörproblem verschlechterte sich über die Jahre hinweg so stark, dass er Hörgeräte brauchte und ihm mit Mitte 20 ein Hals-Nasen-Ohrenarzt sagte: "Sie haben das Gehör eines 85-Jährigen, aber ich kann nichts für Sie tun." Schwaninger war verzweifelt, "das hat mich sehr belastet". Mit 29 Jahren war er praktisch taub.

Elke Schwaninger (r.) und Yvonne Seebens mit Spielzeug für Kinder mit Hörminderung.

Glücklicherweise fing an seinem Arbeitsplatz eine Assistentin an, deren Mann HNO-Arzt war. Sie empfahl ihm: "Geh doch mal zu meinem Mann, der hat an Operationen mitgewirkt." Dabei ging es um Eingriffe mit Cochlea-Implantaten (CI), einer elektronischen Innenohrprothese für Gehörlose. Schwaninger informierte sich und ließ sich operieren, das war 2001. "Da ging es schlagartig bergauf." Das Hören kam wieder. Bis dahin hatten weder Ärzte noch Akustiker gegenüber Schwaninger das Wort Cochlea-Implantat ausgesprochen, weshalb er beschloss, das Thema publik zu machen.

Viele Menschen betroffen

Niemandem sollte es mehr so gehen wie ihm als jungem Mann. Er engagierte sich in einer Selbsthilfegruppe, aus der schließlich der Cochlea-Implant-Verband Hessen Rhein-Main (CIV) hervorging. Schwaninger ist Initiator, Mitgründer und Vorsitzender. "Ich wollte es professionalisieren und die Öffentlichkeitsarbeit verbessern", nennt er den Beweggrund.

Überdies sind er und seine Frau Elke, die ebenfalls ein CI trägt, unermüdliche Mahner für eine verbesserte Barrierefreiheit für Menschen, die schlecht hören. "Den meisten ist nicht bewusst, dass eine von acht Personen schwerhörig ist. Das geht quer durch alle Altersstufen", sagt er. Schwaninger spricht die Verantwortlichen an, trägt das Thema in die Politik. Auch mit Bürgermeister Klaus Kreß und Stadtmarketing-Chefin Katja Heiderich unterhielt er sich schon darüber - mit beginnendem Erfolg (siehe Info-Box).

Ringschleifen können helfen

"Was kann Bad Nauheim für Touristen und Bewohner tun, damit schwerhörige Menschen teilhaben können?", lautete die Frage. Denn Schwaninger schätzt, dass 2000 Bad Nauheimer hochgradig schwerhörig sein dürften. Zu seinen Vorschlägen gehörte, einen Schalter im Bürgerbüro einzurichten, der für hörgeschädigte Menschen barrierefrei ist. "Man kann dies durch den Einbau einer Ringschleife erzielen", sagt Schwaninger. Am Bahnhofsschalter, in den Kirchen und im Dolce-Theater gebe es solche Schleifen bereits, fügt er hinzu. "Ich bin gespannt, ob in der Therme und den Badehäusern etwas passiert."

Die Tourist Info - hier Mitarbeiterin Uta Heinrich - ist auch barrierefrei für Menschen mit Hörminderung.

Bei Versammlungen böten sich laut Schwaninger der Einsatz einer Höranlage und ein Schriftdolmetscher an, sprich eine Person, die alles mitschreibt und an die Leinwand projiziert. Gästeführer könnten ein Mikrofon umhängen, um CI- und Hörgeräteträger über eine "FM-Anlage" (drahtlose Signalübertragungsanlage) zu versorgen. "Die Stadt könnte extrem viel tun, um an dieser Stelle den Tourismus und das Leben in Bad Nauheim zu fördern."

Elke Schwaninger lernte ihren Mann kennen, als sie zur Beratung in die Selbsthilfegruppe kam. Auch bei ihr war das Hören stark zurückgegangen, sie konnte nicht mehr telefonieren, las viel von den Lippen ab. In einer Rehaklinik in Bad Berleburg war sie auf Dr. Roland Zeh getroffen, der heute Chefarzt in der Bad Nauheimer Kaiserbergklinik ist. "Er hatte schon ein Implantat", erzählt sie. Das machte ihr Mut, auch sie ließ sich operieren: sie hört mit dem CI wieder. Heute engagiert sich die 41-Jährige ehrenamtlich im CI Centrum in Friedberg.

Kürzlich bekam der CIV Hessen Rhein-Main den Selbsthilfepreis des Bundesverbands, da Elke Schwaninger und die Leiterin des CIC, Yvonne Seebens, Spielzeug für Kinder mit Hörminderung entwickelt haben. "Spielzeug soll vielfältiger werden - das ist mir eine Herzensangelegenheit."

Drei Fragen an Bürgermeister Klaus Kreß

An welchen Stellen ist Bad Nauheim barrierefrei für hörgeminderte Menschen?

Michael Schwaninger und ich haben uns vor zwei Jahren unterhalten. Damals waren gerade die Planungen für die Tourist Information im Gange. Ich sagte zu, dass - wenn wir die schon neu gestalten - wir sie auch barrierefrei für Menschen mit Hörminderung einrichten. Der Impuls und der Grund war das Gespräch mit Herrn Schwaninger. Ja, die Bad Nauheim Info ist jetzt barrierefrei für hörgeminderte Menschen.

Plant die Stadt, die Barrierefreiheit für Schwerhörige auszubauen - und wenn ja wie?

Das nächste wird ein Arbeitsplatz im Bürgerbüro sein. Wir sind diesbezüglich in einem Zertifizierungsprozess mit dem VdK zum Thema Barrierefreiheit im Rathaus. Der VdK berät uns, und da stehen verschiedene kleinere Maßnahmen an. In diesem Kontext planen wir, auch im Bürgerbüro einen Empfangsplatz für hörgeminderte Bürger zu schaffen. Bei der Stadt haben wir einige gehörlose Mitarbeiter, mit entsprechend ausgestalteten Arbeitsplätzen. Bei offiziellen Dienst-Besprechungen und größeren Mitarbeiter-Versammlungen haben wir auch Gebärdendolmetscher dabei. Im Tagesgeschäft läuft die Kommunikation über SMS oder E-Mail.

Welchen Stellenwert hat die Barrierefreiheit in Bad Nauheim?

Generell einen hohen Stellenwert, weil wir Kurstadt sind und viele Gäste haben. Wir haben auch einen hohen Anteil an älteren Menschen, die hier leben, viele Kliniken und Reha-Kliniken. Wir stehen da erst am Anfang. Bei Neubaumaßnahmen ist es leichter zu realisieren als im Bestand, sowohl bei Gebäuden, als auch bei Gehwegen. Der Ernst-Ludwig-Ring wurde neu gemacht, da konnten wir die neuesten Vorschriften umsetzen, beim Lee Boulevard machen wir es dieses Jahr. Es gibt noch viel Handlungsbedarf, aber wir können nur Schritt für Schritt vorgehen, weil es viele personelle und finanzielle Ressourcen erfordert. Ein Thema, für das wir seit Jahren werben, ist, die Post barrierefrei zu gestalten, aber dazu gibt es leider nichts Neues.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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