Einen sofortigen Corona-Test hat sich Silvio Hrenovic gewünscht. Doch seine Bad Nauheimer Arztpraxis hat das nicht für nötig gehalten und das Fieber des Patienten auf eine Stirnhöhlenentzündung zurückgeführt. Ein Irrtum.
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Einen sofortigen Corona-Test hat sich Silvio Hrenovic gewünscht. Doch seine Bad Nauheimer Arztpraxis hat das nicht für nötig gehalten und das Fieber des Patienten auf eine Stirnhöhlenentzündung zurückgeführt. Ein Irrtum.

Kritik an Hausarzt

Nach Corona-Infektion: Bangen um Leben der Eltern - Ärztin hatte Test abgelehnt

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Fieber deutet auf eine Covid-19-Infektion hin. Einer Bad Nauheimer Ärztin reichte dieses Symptom aber nicht für einen Test aus. Ihr Patient hat sich aber angesteckt. Sind andere Personen betroffen?

Bad Nauheim - Mit Beschwerden wie Kopfschmerzen und Erkältungssymptomen hat Silvio Hrenovic aus Bad Nauheim seit einem Jahr zu kämpfen. Seit etwa sechs Monaten ist er in einer Arztpraxis in der Kernstadt in Behandlung. Diagnostiziert wurde eine chronische Stirnhöhlenentzündung. »Stets wurden mir Antibiotika verabreicht, inzwischen dürfte ich immun sein - eine Katastrophe«, sagt der 43-Jährige. Schon vor seinem jüngsten Besuch in der Praxis war der Kroate nicht zufrieden mit der Therapie, nun ist er verzweifelt und verärgert.

Hrenovic wollte in den Sommerferien mit seiner Frau und den vier Kindern seine Eltern in der kroatischen Hauptstadt besuchen. Wie er unserer Redaktion in gebrochenem Deutsch schildert, habe sich sein Gesundheitszustand Anfang Juli plötzlich verändert. »Bis dahin ging es mir zwar nicht gut, aber ich hatte nie erhöhte Temperatur. Am 4. und 5. Juli waren es plötzlich 38,5 Grad Fieber.« Am Montag, 6. Juli, suchte er erneut die Kernstadt-Praxis auf, sprach mit einer Ärztin. »Ich erzählte vom Fieber und bat um einen Corona-Test. Das lehnte die Ärztin ab. Das Fieber kam ihrer Meinung nach von der Stirnhöhlenentzündung.« Der 43-Jährige erhielt eine Krankschreibung bis 8. Juli (sie liegt der WZ vor). Diagnose: chronische Stirnhöhlenentzündung.

Corona Bad Nauheim: Vater schwer lungenkrank

Am 9. Juli fuhr die Familie nach Zagreb. Weil es Hrenovic dort nicht besser ging, wollte er erneut einen Arzt aufsuchen, wurde aber nach einem Telefonat sofort ins Krankenhaus zum Corona-Test geschickt, der positiv ausfiel. In den Tagen danach fürchtete der 43-Jährige vor allem um das Leben seiner Eltern, denn der Vater ist lungenkrank und wird beatmet, seine Mutter hat ein Herzleiden. Beide gehören zur Covid-19-Hochrisikogruppe, eine Ansteckung kann für sie den Tod bedeuten.

Alle drei Generationen der Familie wurden in eine 14-tägige Quarantäne geschickt. Getestet wurde nur Silvio Hrenovic. In Kroatien müssen Patienten den 200 Euro teuren Test selbst bezahlen. Glücklicherweise gehört der Familie in Zagreb ein Haus mit mehreren Wohnungen, Abstand kann jetzt also gehalten werden.

Der 43-Jährige fragt sich, wie viele Personen er möglicherweise infiziert hat. Wie eine Freundin, die besser Deutsch spricht, berichtet, war er Anfang Juli nicht nur arbeiten, sondern auch im Kaufland Nieder-Mörlen einkaufen oder mit den Kindern auf dem Spielplatz. Seinen Arbeitgeber in Schmitten hat Hrenovic umgehend informiert. »Mein Kollege, mit dem ich eng als Monteur zusammenarbeite, hat sich nicht angesteckt.«

Corona Bad Nauheim: Arztpraxis beruft sich auf Schweigepflicht

Das wird von der Firmenleitung bestätigt. »Gemäß den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts haben wir den Mitarbeiter als Kontaktperson identifiziert und in Quarantäne geschickt. Nach dem negativen Test ist er wieder zur Arbeit erschienen«, sagt der Assistent der Geschäftsführung. Im infektionsrelevanten Zeitraum war Hrenovic bei einem Kunden tätig, der ebenso kontaktiert wurde wie das Gesundheitsamt des Hochtaunuskreises.

WZ-Fragen zur Behandlung von Silvio Hrenovic werden von der Bad Nauheimer Arztpraxis nicht beantwortet. Eine Entbindung von der Schweigepflicht seitens des Patienten liege »nicht im Original« vor, heißt es. Auch vom Laborergebnis aus Zagreb, das die WZ eingesehen hat, habe man keine Kenntnis. »Bisher liegen anscheinend auch dem Gesundheitsamt Wetterau zu dem von Ihnen geschilderten Fall keine Informationen vor«, lässt ein Arzt der Praxis wissen und verweist auf die Meldepflicht. Doch hätte die Praxis nicht selbst aktiv werden müssen? Die Freundin der Familie Hrenovic versichert, am 13. Juli in der Praxis angerufen und die Mediziner über den positiven Corona-Test ihres Patienten ins Bild gesetzt zu haben.

Silvio Hrenovic ist entsetzt über die Vorgehensweise der Praxis. Zwei Ärztinnen, mit denen er befreundet sei, hätten sich kritisch über ihre Kollegen geäußert, sowohl über die Dauerbehandlung mit Antibiotika als auch über die Weigerung in Sachen Corona-Test. »Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich mir einen Anwalt nehmen und die Praxis anzeigen«, kündigt Silvio Hrenovic an. Er hält sich strikt an die Quarantäne, zumal bei einem Verstoß 15 000 Euro Strafe drohen. Er hofft, dass niemand durch ihn ernsthaft krank wird. Am 30. Juli kehrt die Familie nach Bad Nauheim zurück.

Corona Bad Nauheim: Wichtige Meldepflicht

Im Wetteraukreis entscheiden in der Regel Hausärzte darüber, ob ein Patient auf das Corona-Virus getestet wird. Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt den Test, wenn der Betroffene Symptome einer Erkältungskrankheit zeigt, Atemwegsbeschwerden hat oder Kontakt zu einem Infizierten hatte. Das Wetterauer Gesundheitsamt wird selbst nur aktiv, wenn ein Ausbruch der Krankheit in Alten- und Pflegeheimen oder Massenunterkünften befürchtet wird.

Die Meldepflicht ist im Infektionsschutzgesetz geregelt. Danach müssen neben Ärzten Angehörige anderer Heil- oder Pflegeberufe und Leiter bestimmter Einrichtungen (Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen, Altenheime und sonstige Massenunterkünfte) aktiv werden. Laut RKI ist gerade in diesen Bereichen die Meldepflicht wichtig, um frühzeitig Ausbrüche von Covid-19 zu erkennen. Die namentliche Meldung muss unverzüglich erfolgen und dem zuständigen Gesundheitsamt spätestens 24 Stunden, nachdem der Meldende Kenntnis erlangt hat, vorliegen. Eine Meldung darf wegen einzelner fehlender Angaben nicht verzögert werden und muss an das Gesundheitsamt erfolgen, in dessen Bezirk sich die betroffene Person derzeitig aufhält oder zuletzt aufhielt.

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