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Endlich! Elvis Presley steigt am 1. Oktober 1958 in Friedberg aus dem Zug, sehnsüchtig erwartet von zahlreichen Fans und Journalisten. (Archivfoto: dpa)

Elvis-Ankunft

Müder Superstar wird von Fotografen gehetzt

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Oktober 1958: Endlich kommt er. Der von Fans heiß ersehnte Star Elvis Presley wird in Friedberg erwartet. Auch die Schülerzeitung "Für uns" des Ernst-Ludwig-Gymnasiums Bad Nauheim berichtet

Aus der Redaktion

Am Mittwochabend trifft Elvis Presley in Friedberg ein. Das war eine Nachricht, die hauptsächlich die Mädchenherzen in unserer engeren Heimat höher schlagen ließ. Warum sollte es mich nicht ebenso interessieren, wo ich doch zumindest seine Schallplatten kenne? Also auf zum Friedberger Bahnhof.

Aber ganz so leicht sollte es gar nicht werden, denn Bahnsteigkarten gab es zwischen 18.30 und 20 Uhr an den Schaltern nicht mehr zu kaufen. Das war für mich ein Tipp, dass Elvis um diese Zeit in Friedberg eintreffen würde. Kluge Leute holten sich deshalb schon um 18 Uhr eine Bahnsteigkarte, und zu denen gehörte auch ich. Vielleicht kommt er mit dem D-Zug um 18.44 Uhr, aber im hintersten Wagen gab uns ein Amerikaner zu verstehen, dass Elvis erst gegen 20 Uhr aus Bremerhaven komme.

Durch MP-Sperre gemogelt

Mittlerweile erleuchteten Magnesiumlampen der Wochenschauen und Blitzlichter der Bildreporter die Bahnhofshalle, wo eine ansehnliche Zahl von Elvis-Verehrerinnen und -Verehrern mehr oder weniger sittsam als Model und Zielscheiben für die Zeitungsleute diente. Ich stand in der Nähe eines Reporter-Grüppchens und konnte aus ihren Gesprächen heraushören, dass Elvis mit einem Truppentransportzug direkt an die Verladerampe am ehemaligen Verpflegungsmagazin der Friedberger Kaserne geleitet würde. Also auf zum Verpflegungsamt. Dort waren alle Zufahrten von MP-Posten gesperrt, die selbst in der Dunkelheit alle unerwünschten Personen erspähten und abwiesen. Nur Presse-Ausweise öffneten Tür und Tor zu Presley. Mit List und Tücke, als die Posten gerade eine Autokarawane von Presseleuten abfertigten, mogelte ich mich durch die Sperre.

Dann hieß es warten und noch mal warten. Die Atmosphäre war irgendwie spannungsgeladen, und auch ich konnte nur mit Mühe meine Ungeduld unterdrücken. Endlich rief ein Offizier die Horde der Reporter zu sich und erklärte: ›Meine Herren, Mr. Presley befindet sich im Wagen Nr. 7. Wir sorgen schon dafür, dass Sie in Ruhe Mr. Presley fotografieren können.‹ Dann tauchten in der Dunkelheit die Lichter der Lokomotive auf, und langsam rollte der Zug ein. Ein wilder ›run‹ zu Wagen Nr. 7 begann. Sich mitreißen lassen und dabei schnell die Wagen zählen, 1-2-3-4-5-6-7. ›Welcome in Germany, Elvis Presley‹, stand auf der Wagenfront in Kreide geschrieben. Ein Rest vom stürmischen Empfang in Bremerhaven. Scheinwerfer flammten auf, die Tür öffnete sich und heraus kam … ein Soldat nach dem anderen, nur nicht Elvis. Hat er sich durch eine Hintertür verdrückt?

Mädchen in die Arme gedrückt

Schon dachte ich, alles wäre umsonst gewesen, das schlechte Gewissen beim Passieren der MP-Sperre, das Warten - und das Herzklopfen! Aber dann kam er doch, als Letzter. Etwas schüchtern und scheu stieg ein bleichgesichtiger Soldat aus dem Wagen. Das gleißende Licht der Jupiterlampen ließ ihn blinzeln, und fast müde winkte er den Reportern zu. ›Mr. Presley noch einmal!‹ Das waren die Rufe derer, die noch keine Aufnahme hatten. Mir konnte es nur recht sein. Je länger fotografiert wurde, desto länger konnte ich Elvis aus der Nähe sehen. Dann bekam ich eine kleine Ahnung, welcher Rummel um Elvis inszeniert wird. Einige Mädchen wurden dem Sänger von Reportern förmlich in die Arme gedrückt, damit es so auf den Fotos präsentiert werde, wie man es haben will. Aber will er es denn so haben?

Verängstigter Soldat Elvis Presley

Scheinbar übernächtigt, etwas unbeholfen, ja verängstigt, so betritt Soldat Elvis Presley den Club-Raum in der Kaserne, um in einer groß angelegten Pressekonferenz die Neugierde der Reporter zu stillen. Wieder Scheinwerfer, wieder unzählige Blitzlichter und die unmöglichsten Fragen. Da sitzt Elvis Presley an einem Tisch, vor ihm Mikrofone. Nervös trommelt er mit den Fingern auf der Tischplatte, unsicher dreht er die Mütze in seinen Händen.

›Aha, auch nur ein Mensch‹, denke ich. ›Was halten Sie von klassischer Musik, Mr. Presley?‹ ›Oh, das ist für mich etwas zum Einschlafen.‹ Aha, auch mehr Geld als Bildung, denke ich. ›Ist es wahr, dass Sie sich mit Brigitte Bardot treffen wollen?‹ ›Ja, es wäre mein größter Wunsch.‹ Aha, Wünsche wie ein kleiner Junge, denke ich. ›Kaufen Sie sich in Deutschland ein Auto?‹ ›Vielleicht einen Omnibus, ich habe so viele Bekannte.‹

Im Hintergrund stehen amerikanische Offiziere. Sie schütteln die Köpfe. Was sich da tat, war selbst für sie ziemlich starker Tobak. Auch für Elvis, so schien es mir. Denn leicht angeschlagen und erschüttert verließ er nach fast zwei Stunden die Pressekonferenz. Bis zu seiner Unterkunft wurde er von Fotografen wie ein Wild gehetzt. ›Mr. Presley, noch einmal.‹ Dann wirft er sich auf sein Feldbett, erschöpft. Er will seine Ruhe haben. Denn Mr. Presley ist auch nur ein Mensch, nur singen kann er. Und seine Schallplatten bleiben trotzdem in meinem Schrank."

Quelle: Wetterauer Zeitung

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