"Kunstvoll" wehrt sich gegen Vertreibung aus Galerie

Bad Nauheim (jw). Kunst soll das Leben schöner machen, sie soll Denkanstöße liefern und provozieren. Das bringt konträre Diskussionen mit sich, und die erlebt der "kunstvoll"-Verein auch jetzt wieder: Zieht das Elvis-Museum in die Galerie ein, wäre "kunstvoll" heimatlos.

Eine regelrechte Neiddebatte entbrannte, als im Februar 2010 bekannt wurde, dass der Verein einen Teil der städtischen Kulturarbeit übernehmen soll und dafür auch einen Teil des Kulturetats verwalten darf. Nun sehen sich die "kunstvoll"-Macher einem neuen Problem gegenüber: Der Elvis-Initiativkreis Gelsenkirchen will in der Galerie der Trinkkuranlage ein Elvis-Museum einrichten. Käme es so, wäre "kunstvoll" heimatlos. Dabei, so der "kunstvoll"-Vorsitzende Klaus Ritt, wäre die beste Lösung, beide Einrichtungen im Ostflügel der Trinkkuranlage unterzubringen: Die Kunst in der Galerie und Elvis im Wandelgang.

Die kurze Geschichte des "kunstvoll"-Vereins begann laut Ritt mit der "Zuschuss-Lüge": Immer wieder bekamen die Künstler zu hören, sie wollten bloß Geld von der Stadt haben, um ihrem Hobby zu frönen. "Das stimmt nicht", sagt Ritt. Bereits 2006 wurde Kulturamtsleiter Johannes Lenz von der Politik beauftragt, die Kulturarbeit effizienter zu gestalten. Die Stadt muss Geld sparen. Lenz kam auf die Idee, die Budgetmittel für Kunstausstellung (30 000 Euro) von kompetenten Bürgern ehrenamtlich verwalten zu lassen. Ziel war eine städtische Galerie in der Trinkkuranlage, bei zwölf Treffen wurde ein Konzept entwickelt, am Ende gründeten rund 70 Mitglieder den Verein.

Die Vorteile des Modells: Der Fachbereich wird personell entlastet, spart dank ehrenamtlicher Mitarbeit Geld und kann mehr und qualitativ bessere Ausstellungen auf die Beine stellen.

Die Reaktion der Politik war verhalten bis ablehnend. "Mit Ausnahme der UWG-Fraktion und Bürgermeister Bernd Witzel wurde das Konzept noch nicht einmal inhaltlich verstanden, geschweige denn in seiner Wertigkeit für die Stadt begriffen", sagt Ritt. "Wir leisten Substanzielles für die Entwicklung der Stadt." Der künftige Bürgermeister Armin Häuser (CDU) ist da offenbar anderer Meinung. Im Gespräch mit dem Vorstand hatte er erklärt, er könne sich vorstellen, dem Verein die Galerie mietfrei zu überlassen. Das Budget von 30 000 Euro werde es im Haushalt 2012 aber nicht mehr geben. "Dann gibt es auch keine Ausstellungen mehr, die Kunst würde wieder aus der Stadt verschwinden", sagt Vorstandsmitglied Hiltrud Hölzinger.

Das Stadtparlament hat bislang keine Entscheidung über das "kunstvoll"-Konzept getroffen. Dennoch wurde es umgesetzt. In eineinhalb Jahren wurden laut Vorstand rund 20 000 Besucher in 13 Ausstellungen gezählt. "kunstvoll" holte Documenta-Künstler nach Bad Nauheim, organisierte Events wie "Küche, Kochen, Kunst". "Vorher war die Stadt, was Bildende Kunst betrifft, ein Niemandsland", sagt Galerist Jürgen Wegener. Der Künstler und emeritierte Hochschullehrer Manfred Damm sieht als Grund für die Widerstände, dass viele Bürger keinen Zugang zu aktueller Kunst hätten. Doch gerade dies will der Verein leisten, will auch Schulklassen in die Ausstellungen einladen und überlegt, eine Graffiti-Ausstellung für jüngere Besucher zu organisieren. Und man würde sich freuen, wenn mehr Politiker in die Galerie kämen. Gelegenheit dazu besteht am 9. September bei der Eröffnung der Ausstellung mit Werken des belgischen Künstlers Robert de Man.

Für 2012 sind fünf weitere Ausstellungen geplant, für 2013 ist eine Retrospektive des Werks des Bad Nauheimer Künstlers Hermann Goepfert ins Auge gefasst. Wenn die Stadt die Mittel zur Verfügung stellt. Der Verein habe sich in relativ kurzer Zeit einen überregionalen Namen in der Kunstszene gemacht, sagt Ritt. "Die Besucher lobten besonders das einmalige Ambiente der Rotunde."

"Unsere Arbeit wird zerschlagen"

Die Elvis-Ausstellung allerdings, sagen Ritt und seine Vorstandskollegen, benötige dieses Ambiente nicht. Eine Kombination von Kunstgalerie und dem "wünschenswerten" Elvis-Museum begrüße der Verein, darin bestehe Konsens mit dem Elvis-Initiativkreis. "Dass die Museumsbetreiber allerdings apodiktisch von der Stadt die Galerie Trinkkur als Standort fordern, ist in keiner Weise akzeptabel", macht Ritt deutlich. Mit dieser Forderung und der nicht abgesprochenen Einladung der Stadtverordneten in die Elvis-Ausstellung hätten Torsten Rigas-Meck und Oskar Hentschel "eine bereits geplante konzertierte Aktion verraten".

Gebe die Stadt dem Wunsch der Gelsenkirchener Elvis-Fans nach, werde die ehrenamtliche Arbeit von "kunstvoll" für die Bildende Kunst und das kulturelle Profil der Stadt "ignoriert und zerschlagen".

"In ein gemachtes Nest setzen"

Dabei wäre die Sache nach den Worten von Ritt (der bekanntlich auch Organisator des Elvis-Festivals ist) ganz einfach: Zunächst könnte die Elvis-Ausstellung in den Kolonnaden bleiben, solange, bis die Stadt den verglasten Wandelgang des Ostflügels in der Trinkkuranlage umgebaut hat. Dort könnte das Elvis-Museum einziehen. Das Stadtmarketing übernimmt die Vermarktung der Ausstellung, um mehr Besucher anzulocken. Beide Einrichtungen könnten kooperieren und wären ein Teil des von der Politik seit langem geforderten Nutzungskonzepts für die Trinkkuranlage. "Die Einwände der Herren Meck und Hentschel, die Wandelhalle sei nicht für ein Elvis-Museum geeignet, sind reine Schutzbehauptungen, also wider besseres Wissen", sagt Ritt. "Sie wollen sich nur wegen erheblicher Finanzierungsprobleme sowie aus Bequemlichkeit in ein gemachtes Nest setzen, um möglichst schnell Einnahmen zu generieren."

Kein Interesse an "kunstvollem" Engagement? "Kunstvoll": Klaus Ritt steht an der Spitze Enttäuschung für "Kunstvoll"-Befürworter Gründungsversammlung des Vereins "Kunstvoll" "Kunstvolle" Trinkkuranlage mit neuem Verein

Quelle: Wetterauer Zeitung

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