Die Kluft zwischen oben und unten

  • VonGerhard Kollmer
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Musikalisch assistiert von der Gruppe »Blue Diary« mit Frontfrau Evelyn Fay, präsentierten Hermann Römer und Constanze Cymmek bei »Jazz und Texte« am Sonntagnachmittag in der Wilhelmskirche literarische und philosophische Texte zum Thema »Gegensätze«. Bei ihrem Streifzug durch Räume und Zeiten stießen sie auf Bertolt Brechts zwischen 1929 und 1931 entstandenes Theaterstück »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«. Auf der ganzen Linie gescheitert mit ihrem idealistischen Versuch, die unwürdigen Arbeitsbedingungen am Schlachthof von Chicago durch moralische Appelle an die kriminellen Bosse zu verbessern, und von ihren scheinheiligen Oberen schmählich im Stich gelassen, zieht das Heilsarmeemädchen Johanna vor seinem Tod eine vernichtende Bilanz: »Denn es ist eine Kluft zwischen oben und unten, größer als zwischen dem Berg Himalaya und dem Meer. Die aber unten sind, werden unten gehalten, damit die, die oben sind, oben bleiben. Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.« Ausbeuter und Unterdrücker haben außer, dass sie beide Menschenantlitz tragen, nichts miteinander gemein, bilden einen unversöhnlichen Gegensatz – so die Meinung des Kommunisten Bert Brecht, die er der armen Johanna als Vermächtnis in den Mund legt. Wer den Kapitalismus abschaffen wolle, könne die systemerhaltende Gewalt von oben nur mit revolutionärer Gewalt von unten bekämpfen und besiegen.

Musikalisch assistiert von der Gruppe »Blue Diary« mit Frontfrau Evelyn Fay, präsentierten Hermann Römer und Constanze Cymmek bei »Jazz und Texte« am Sonntagnachmittag in der Wilhelmskirche literarische und philosophische Texte zum Thema »Gegensätze«. Bei ihrem Streifzug durch Räume und Zeiten stießen sie auf Bertolt Brechts zwischen 1929 und 1931 entstandenes Theaterstück »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«. Auf der ganzen Linie gescheitert mit ihrem idealistischen Versuch, die unwürdigen Arbeitsbedingungen am Schlachthof von Chicago durch moralische Appelle an die kriminellen Bosse zu verbessern, und von ihren scheinheiligen Oberen schmählich im Stich gelassen, zieht das Heilsarmeemädchen Johanna vor seinem Tod eine vernichtende Bilanz: »Denn es ist eine Kluft zwischen oben und unten, größer als zwischen dem Berg Himalaya und dem Meer. Die aber unten sind, werden unten gehalten, damit die, die oben sind, oben bleiben. Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht.« Ausbeuter und Unterdrücker haben außer, dass sie beide Menschenantlitz tragen, nichts miteinander gemein, bilden einen unversöhnlichen Gegensatz – so die Meinung des Kommunisten Bert Brecht, die er der armen Johanna als Vermächtnis in den Mund legt. Wer den Kapitalismus abschaffen wolle, könne die systemerhaltende Gewalt von oben nur mit revolutionärer Gewalt von unten bekämpfen und besiegen.

Würden die Arbeiter dies beherzigen, träfen sie sich in einem entscheidenden Punkt mit ihren Unterdrückern: der Bejahung von Gewaltanwendung. Ein scheinbar absoluter Gegensatz erwiese sich als relativer.

Gibt es überhaupt absolute Gegensätze? Wie steht es mit Gott und Teufel, gut und böse? Sind sie unvereinbare Prinzipien beziehungsweise Wesen?

Was Mephisto verdeutlicht

Constanze Cymmek und ihr Partner Hermann Römer blätterten zur Klärung dieser kniffligen Frage in Goethes »Faust«-Drama. Mephisto, bekanntlich »ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«, ist der wandelnde Widerspruch. Er ist ein Geschöpf Gottes – wider Willen ein treuer Diener seines Herrn. Was wie ein totaler Gegensatz erscheint, das Verhältnis von Gott und Teufel, ist es für den Olympier aus Weimar also auch nicht. Leer und voll, heiß und kalt, lang und breit: Wir sprechen von »Gegensatzpaaren«, das heißt, als Gegensätze bedingen sie einander und haben damit mindestens ein Gemeinsames.

Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Heinrich Heine: Auch diese Autoren wurden in die Wilhelmskirche zitiert, um mit ihren heiteren Texten zu bezeugen, dass es – so schräg das auch klingen mag – keine totalen Gegensätze gibt. Und das ist gut so, denn sonst gäbe es keine Entwicklung, herrschte völliger Stillstand. Dies auf kurzweilige, launige, verschmitzte Weise ohne erhobenen philosophischen Zeigefinger vermittelt zu haben, war den dankbaren Beifall der zahlreich erschienenen Besucher wert.

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