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Fahnen, Lieder, Plakate: "Fridays for Future" zeigt erstmals Flagge in Bad Nauheim. (bk)

"Fridays for Future"

Klimaaktivisten mit Demo-Premiere

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Die Fridays-for-Future-Bewegung hat auch Bad Nauheim erreicht. Zur ersten Kundgebung von rund 100 jungen Klimaaktivisten ist es auf dem Aliceplatz gekommen. Im Fokus stand der Kohleausstieg.

Mit Sprechchören, Plakaten, Redebeiträgen und Protestliedern zeigte "Fridays for Future" erstmals Präsenz in der Kurstadt. "Jugendliche aus allen weiterführenden Schulen Bad Nauheims beteiligen sich", berichtete das dreiköpfige Organisationsteam stolz. In den Ansprachen war die Forderung nach einem sofortigen Kohleausstieg das zentrale Thema.

Über einen Mangel an Zuhörern konnten sich die jungen Leute auf dem Aliceplatz nicht beschweren. Besucher und Standbetreiber des Wochenmarkts in der Fußgängerzone wurden erreicht. Einige Erwachsene näherten sich interessiert, applaudierten teilweise. Auch im Café Müller waren Wortbeiträge und Lieder gut zu verfolgen.

Diskussion um Livemusik

Von Beschwerden über die Lautstärke der Protestveranstaltung war nichts zu hören. Diesbezüglich hatte die Stadtverwaltung bei der Genehmigung offenbar Bedenken. Wie eine Organisatorin sagte, habe das Rathaus Livemusik zunächst verbieten wollen, weil davon "umweltschädigende Einflüsse" ausgingen. Diese Formulierung wurde von den Klimaschützern mit Missfallensäußerungen quittiert. Letztlich war es im Vorfeld der Aktion zu einer Einigung mit der Stadt gekommen: Livemusik ja, aber ohne Verstärker.

Ob die Verwaltung bezüglich der Klimaaktivisten-Demo tatsächlich die Formulierung "umweltschädigende Einflüsse" gebraucht hatte, weiß Bürgermeister Klaus Kreß nicht. "Das kann ich mir nicht vorstellen, aber die Mitarbeiter mussten auf den Lärmschutz von Anliegern und Marktbesuchern achten. Die Genehmigung der Kundgebung stand nie in Frage", sagte der Bürgermeister.

Heidt spricht von Planwirtschaft

Kreß war einigen Vertretern von "Fridays for Future" bereits am Donnerstagabend im Rathaus-Sitzungssaal begegnet. Dort tagten der Bau- sowie der Haupt- und Finanzausschuss gemeinsam. Im Fokus stand ein Antrag der Grünen, der einen "kommunalen Klimavorbehalt" vorsieht, damit Bad Nauheim bis 2050 CO2-neutral wird. Dort erhielt eine Sprecherin der Schüler Rederecht und wandte sich mit einem emotionalen Beitrag an die Lokalpolitiker, forderte dazu auf, mehr für den Klimaschutz zu tun.

Die jungen Aktivisten sammelten dabei vermutlich erstmals Erfahrungen damit, wie scharf Politikerkritik ausfallen kann. Wie die Sprecherin der Schüler bei der Kundgebung erzählte, habe sie zunächst ihre Nervosität besiegen müssen, um vor den Gremien zu reden. Unterstützung habe sie nicht erhalten, vielmehr sei sie von Peter Heidt, Stadtverordneter und Bundestagsabgeordneter der FDP, scharf angegangen worden. Die junge Frau hatte in ihrer Rede FDP-Chef Christian Linder zitiert, der bezüglich Klimaschutz auf Marktmechanismen vertraut. Eine solche Haltung lehnen die jungen Leute ab. Heidt meinte offenbar, seinen Vorsitzenden schützen zu müssen, und warf Grünen und "Fridays for Future" vor, auf eine "Planwirtschaft" zu setzen.

Kreß-Aussagen stoßen auf Kritik

"Vielleicht hätte ich einfühlsamer reagieren müssen. Meine Kritik bezog sich teilweise auch nur auf die Grünen und nicht auf die junge Frau", sagte Heidt am Freitag gegenüber der WZ. Nach Sitzungsende habe er im persönlichen Gespräch "Missverständnisse" bereinigt. Wer auf diese Weise Kapitalismuskritik übe, müsse sich allerdings eine entsprechende Reaktion gefallen lassen.

Auf Unverständnis bei den jungen Leuten stießen in der Ausschuss-Sitzung auch Aussagen von Bürgermeister Kreß, der den Klimaschutz-Antrag in der vorgelegten Form ablehnt. Die Grünen wollen künftig jede Entscheidung darauf überprüfen lassen, ob sie dem Ziel der CO2-neutralen Stadt dient. "Wenn wir alles dem Klimaschutz unterordnen, ohne finanzielle und soziale Fragen zu berücksichtigen, müssen wir zum Beispiel das Eisstadion und Usa-Wellenbad schließen und können die Therme nicht bauen", betonte der Rathauschef auf WZ-Anfrage. Im Vergleich zu anderen Kommunen leiste Bad Nauheim sehr viel für den Klimaschutz. Kreß nannte die CO2-neutrale Wärmeversorgung des Baugebiets Bad Nauheim Süd, die Förderung der E-Mobilität oder die energetische Sanierung aller Wobau-Gebäude.

Klimaschutz-Beschluss vertagt

Nach einer kontroversen Debatte wurde in der gemeinsamen Sitzung von Bau- sowie Haupt- und Finanzausschuss am Donnerstagabend nicht über den Grünen-Antrag für einen "kommunalen Klimavorbehalt" abgestimmt. Nach Ansicht einiger Fraktionen und von Bürgermeister Klaus Kreß ist der Antrag nicht konkret genug formuliert und nimmt zu wenig Rücksicht auf finanzielle und soziale Belange. Die Parteien wollen in naher Zukunft Änderungsvorschläge erarbeiten, über die dann beraten wird. Ziel ist es, zu einem fraktionsübergreifenden Beschluss in Sachen Klimaschutz zu kommen.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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