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Jürgen Wagner: Feine Töne und großartige Wortschätzchen

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Von: Redaktion

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Der WZ-Redakteur als Gitarrist und Wortakrobat: Jürgen Wagner beim Auftritt in der Erika-Pitzer-Begegnungsstätte. © Red

Wenn aus »Every breath you take« von The Police »Ich press’ mich an die Thek’« wird, steht dort bzw. auf der Bühne Jürgen Wagner und bringt das Publikum zum Schmunzeln, Lachen und Mitsingen.

Des Künstlers Gitarre muss mindestens 20 Saiten haben«, meinte eine begeisterte Zuhörerin am Ende eines Konzerts, das man so schnell nicht vergessen dürfte.

Jürgen Wagner spielte und las auf Einladung des Bad Nauheimer Kulturforums, und man merkte ihm dabei die Freude von Anfang bis zum Ende an. Es sind die feinen Töne, die er aus seiner Gitarre zaubert und die das Publikum in einzigartiger Weise berühren.

Wagners musikalisches Spektrum kommt dem seines schier ausufernden Wortschatzes gleich, und dies in Kombination, versetzte das Publikum immer wieder in Erstaunen. Das galt auch für sein filigranes Fingerpicking bei Instrumentalstücken. Die Filmmelodie von »Harry Potter« spielte er gar als Duo für Gitarre und Fingernagelfeile.

Sunshine oder Bandscheib?

Textlich ist nichts vor ihm sicher. Aus »Riders on the Storm« von The Doors wird bei Wagner in Zeiten der Ausgangssperre »Mir bleibe jetzt dehaam«, und bei »I was born under a wandring star« von Western-Raubein Lee Marvin erscheint vor dem geistigen Auge der Wetterauer Rentner, der morgens vom Fenster aus die Gass beobachtet, Bauarbeiter erblickt und sich fragt: »Ei, was bohrn und grabe die Leut dann da?«

»We will rock you« von The Queen wirft bei Wagner die Frage auf, ob die Frau im Schrank nicht »Viel zu viele Lackschuh« aufbewahrt. Wunderbar auch Burt Bacharachs »Raindrops keep fallin on my head«, das zur hessischen Meditation über die Frage gerät, ob »Rechendrobbe, die mir uff en Kopp druff dropp« wirklich so schlimm sind.

Nicht fehlen durfte auch Wagners mittlerweile berühmtes »Oh, mein Bandscheib dut so weh«, im Original gesungen von Bill Whiters als »Ain’t no sunshine when she’s gone«.

Keine Verschnaufpausen

Verschnaufpausen waren dem Publikum mit Wagner-Glossen aus seinem schier unendlichen Archiv nicht wirklich vergönnt. Seiner heimlichen Lieblingsbeschäftigung »Deutsch für Ackerdemiker« frönte er auch hier und brachte dem staunenden Publikum näher, was eine Parenthese, ein eingeschobener Satz, ist.

»Das merke ich mir, falls ich mal an einem Quiz teilnehme«, konstatierte ein Zuhörer und lauschte Wagner beim Anspielen von Filmtiteln, die es zu erraten galt. »Es lieht mer uff de Zung«, hörte man mehrfach, doch Melodie- und Textsicherheit bewies dann der ganze Saal beim gemeinsam gesungenen »Wenn alle Brünnlein fließen«.

Bogen von Beatles bis Volkslied

Wagner spannte in seinem Programm meisterhaft den Bogen von den Beatles (»Gebäck« muss es natürlich heißen, nicht »Get back«) bis zum Volkslied. Feinsinnigen Humor, virtuoses Gitarrenspiel und wirbelnde Wortspiele belohnten die Zuhörer zum Schluss mit lang anhaltendem Applaus.

Bei der stürmisch geforderten Zugabe durfte wieder mitgesungen werden: Statt das »Sweet home Chicago« wurde die »Grie Soß« besungen, ein urhessisches Gericht, so belebend wie diese zwei wunderbaren Stunden mit Jürgen Wagner beim rührigen Bad Nauheimer Kulturforum.

Vortragsreihe des Kulturforums startet

Für das Kulturforum Bad Nauheim war das Konzert der Auftakt zum Veranstaltungsprogramm 2021/22. Die Vorträge mussten aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben werden. Dem Konzert ging die Jahreshauptversammlung voraus. Vorsitzender Dieter Heßler wies auf den ersten Vortrag hin.

Die Reihe beginnt am Donnerstag, 28. Oktober, wenn Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal »Neues aus der Wetterau, Neues aus Bad Nauheim« vorstellt. Bis März folgen zehn weitere Vorträge.

Dazukommen Kammerkonzerte in der Trinkkuranlage sowie Studienreisen, etwa nach Potsdam und St. Wendel. Mehr dazu im Internet unter www.kulturforum-bad-nauheim.de.

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