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HR-Tatort: High Noon am Bahnhof Bad Nauheim/Nord

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Spiel mir das Lied vom Mord: (v. l.): Barbara Philipp, Ulrich Matthes und Ulrich Tukur.
Spiel mir das Lied vom Mord: (v. l.): Barbara Philipp, Ulrich Matthes und Ulrich Tukur. © DPA Deutsche Presseagentur

Bad Nauheim (jw). Was? Sie haben den HR-Tatort am Sonntagabend verpasst? Das sollten Sie nachholen – wenn Sie gute Nerven haben und richtig große Filmkunst schätzen. Die Schießerei zu Beginn des Films wurde in Bad Nauheim gedreht.

Der LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) liefert sich einen blutigen Showdown mit dem Filmbösewicht Richard Harloff (Ulrich Matthes). Es gibt über 50 Leichen, wahnwitzige Splatterszenen, das Blut der Erschossenen erstarrt in Gemälden. Quentin Tarantino lässt grüßen. Es gibt geniale Dialoge, witzige Volten im Handlungsgang, eine berückend schöne Filmmusik vom HR-Symphonieorchester und einen shakespearschen Erzähler (großartig: Alexander Held), der auch dann, als er längst tot ist, weitererzählt und uns deutlich macht, dass dies alles nur ein Spiel und letztlich eine Illusion ist, bis der Zuschauer geplättet im Sessel sitzt und nach 90 Minuten aufatmet.

»Im Schmerz geboren« ist der beste Tatort des Jahres, vielleicht der beste Tatort überhaupt. »Auf jeden Fall der irrste«, meint »Spiegel Online«. Die Presse überschlägt sich mit Lob: »Shakespeare im Kugelhagel.

Großes Kino« (»Zeit«), »Eine Zumutung? Ein Geschenk!« (»Süddeutsche«), »Genial Gaga« (»Bild«), »Ein Geniestreich voller Gewalt und Leidenschaft« (»FAZ«). Im Radio hieß es, dies sei ein Tatort von Geisteskranken für Geisteskranke. Ja, vielleicht ist das so.

Die Filmemacher Michael Proehl und Florian Schwarz waren schon für den umwerfend guten HR-Tatort »Weil sie böse sind« (2010) verantwortlich, ihr jüngstes Werk ist wieder ein Geniestreich, ein Film voller Anspielungen auf andere Filme. Die Schießerei zu Beginn, die an den Westernklassiker »High Noon« (»Zwölf Uhr mittags«) mit Gary Cooper erinnert, wurde im Juni 2013 auf dem Gelände der Eisenbahnfreunde Wetterau am Bahnhof Bad Nauheim/Nord gedreht(und nicht in »Wiesbaden-Erbenheim«, wie im Film auf einem Schild zu lesen ist; auch dies ist nur eine Illusion).

Drei bewaffnete Männer stehen am Bahnsteig. Im Hintergrund sieht man das Salinengebäude und die Wohnhäuser an der Frankfurter Straße. Ein Zug fährt ein, eine junge Frau mit Kind steigt aus und es folgt eine dieser irren Szenen, die einen ganz kirre machen und die man nicht nacherzählen kann. Dann steigt der Bösewicht aus, setzt seinen Koffer auf den Bahnsteig, rührt sich sonst nicht und wie aus dem Nichts werden die drei jungen Männer »wie räudige Hunde über den Haufen geschossen«. Das Blut erstarrt auf dem Bildschirm.

Das HR-Team hatte seinerzeit monatelang nach einem Drehort für die Bahnhofsszene gesucht. In Bad Nauheim wurden die Filmemacher fündig. Es herrschte Hochbetrieb auf dem Gelände, erzählt Stefan John von den Eisenbahnfreunden. »Der Bahnhof wurde auf alt und verfallen getrimmt, der Innenraum ausgeräumt, die Abstellgleise umrangiert, sodass im Bild nicht zu erkennen war, dass dort eigentlich das Gleis-Ende ist.«

Die Reisezugwagen aus den Siebzigerjahren stammen nicht aus dem Fundus der Wetterauer Eisenbahnfreunde, sondern von den Kollegen aus Treysa, die rote Diesellok V 100 wurde von einem dritten Verein aus dem Norden ausgeliehen. Als die Filmcrew die Szenen drehte, gab es Beschwerden von Anwohnern, die einen Umweg nehmen mussten, weil die Straße Am Goldstein übers Wochenende gesperrt werden musste. Heute weiß man: Es hat sich gelohnt.

Der HR-Tatort »Im Schmerz geboren« mit Ulrich Tukur ist in der ARD-Mediathek noch bis Samstag abrufbar, allerdings erst ab 20 Uhr, da er für Jugendliche unter zwölf Jahren nicht geeignet ist.

»Tatort« Bahnhof Nord

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