1. Gießener Allgemeine
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

»Es geht um die Botschaft, die Musik geben kann«

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bad Vilbel (skh). Giora Feidman wurde 1936 in Buenos Aires geboren. Der Sohn einer jüdischen Musikerfamilie spielte beim Israel Philharmonic Orchestra und machte mit seiner Klarinette Klezmer-Musik weltweit populär. Mit Filmen wie »Schindlers Liste« oder auf Theaterbühnen schlägt er mit seinem Spiel Brücken zwischen Religionen, Völkern und Kunststilen.

Im Jahr 2001 wurde der Musiker für seine besonderen Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden mit dem großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. In Verbindung mit der Gedenkaktion »Stolpersteine« konzertiert Feidman am Freitag, 11. April, ab 20 Uhr in der evangelischen Heilig-Geist-Kirche. In dem Programm »From Classic to Klezmer – Part 2« wird zudem der renommierte Orgelvirtuose Professor Matthias Eisenberg zu erleben sein. Im Vorfeld des Konzertes gab Feidman der Wetterauer Zeitung ein Interview, zu dessen Zeitpunkt er in Israel war.

Wetterauer Zeitung: Menschen, die Ihre Musik erlebt haben, bleiben noch nach Jahren die Emotionen im Sinn. Titel sind vergessen, aber Glück oder Wehmut bleiben. Zielt Ihre Musik auf die Gefühle? Feidman: Zuerst, es gibt nicht meine, nicht deine Musik. Es gibt eine Sprache, die wird Musik genannt. Sie ist ein Element der Kommunikation, spirituelle Nahrung, die uns die Möglichkeit der Begegnung gibt. Menschen erinnern sich der Lieder, die ihre Mütter für sie sangen, und jede Mutter auf diesem Planeten singt für ihr Baby. Der Effekt ist, dass wir Musik nicht spielen, sondern durch Musik sprechen. Wir Musiker teilen diese spirituelle Nahrung mit dem Publikum.

Richtet sich Ihre Musik an bestimmte Menschen? Feidman: Nein. Im Konzert sieht man die Körper der Menschen, aber Musik ist eine Botschaft von Seele zu Seele. Man sieht Musik nicht, man sieht die Seele nicht, aber man fühlt sie. Es ist Raum, es ist Energie. Jede Form von Kunst, nicht nur die Musik, ist die Sprache dessen, was wir Seele nennen.

Heißt das, Musik funktioniert zwischen allen Generationen, Nationen und Religionen? Feidman: Musik hat keine Religion. Religion nutzt Musik. Sie hat nichts mit all den Informationen zu tun, die wir im Kopf haben. Nationalität, Religion, Politik – diese Elemente separieren die Menschen. Kunst aber bringt die Menschen zusammen. Wir müssen uns erinnern, dass wir alle eine Familie sind, die sich Menschen nennt. Danach können wir praktizieren, was wir wollen – Religion oder Nationalität. Und Musik kann uns ein Gefühl von Verständnis für einander geben.

In Ihren Konzerten spielen Sie Johann Sebastian Bach und Ora Bat Chaim. Dazwischen liegen rund 250 Jahre. Wo ist die Verbindung? Feidman: (lacht) Wenn du Musik machst, ist es jetzt. Wenn ich Bach spiele, riecht das nicht alt und sieht nicht alt aus. Und wenn ich Ora Bat Chaim spiele, riecht das nicht neu. Musik ist jetzt. Gib mir ein anderes Element, das uns das zeigt. Welches Leben leben wir heute? Heute war gestern, noch morgen. Zeit ist eine miserable Illusion. Wir sind nicht geschult, den Augenblick zu fühlen. Wir erinnern die Vergangenheit und arbeiten für die Zukunft. Wenn ich Bach oder Ora Bat Chaim spiele, spielt Zeit keine Rolle.

In welchem Alter haben Sie begonnen Klarinette zu spielen? Feidman: Im Bauch meiner Mutter als vierte Generation einer Musikerfamilie. Mein Vater spielte auch Klarinette, aber mit Mathematik hat das nichts zu tun.

Hatten Sie geplant, einer der bedeutendsten Klarinettisten zu werden? Feidman: Nein, das bin ich nicht, das ist zu schwer zu schleppen. Ich bin ein Teil der Gesell-schaft, wie jeder andere. Ich gehe auf die Bühne, um eine Botschaft weiterzugeben. Eine Botschaft von Leben, Humanität, Frieden und Toleranz. Es ist unmöglich, die unterschiedlichen Arten der Kunst zu werten. Ob Musiker, Tänzer oder Schauspieler. Kunst ist eine Notwendigkeit, eine natürliche Form. Wie wir Wasser trinken müssen, müssen wir singen und tanzen.

Bei Ihren Konzerten laden Sie die Menschen zum Singen ein. Welche Bedeutung hat die gemeinsame Musikerfahrung? Feidman: Das ist eine Notwendigkeit. Für mich ist es kein musikalisches Ereignis, wenn die Menschen nicht singen. Menschen schlafen in Konzertsälen ein und wachen erst auf, wenn du forte spielst. Das habe ich bereits bei den Israel Philharmonikern gelernt. Man sagt oh, das ist ernste Musik. Aber ernste Musik existiert nicht, was existiert, ist Musik. Was ist wichtig daran, den Titel, den Komponist, das Tempo oder Erscheinungsjahr eines Stückes zu kennen? Es geht um die Botschaft, die Musik jedem geben kann.

Kann jeder diese Botschaft verstehen? Feidman: Absolut! Sag mir, wer war Bach? Bach war ein Straßenmusiker. Mit dem Unter-schied, dass er in Kirchen spielte und nicht E-Gitarre auf der Straße. Warum sagt man, Bach ist Klassik? Woher kommt das? Was ist Klassik? Klassik ist etwas Populäres. Leute sagen, ich spiele Mozart, Piazzolla oder was immer jüdische Musik genannt wird – für mich ist es nicht Mozart, nicht Piazzolla, nicht jüdische Musik – es ist Musik. In dieser Weise wurde ich ausgebildet.

Für das aktuelle Konzert verbinden Sie christliche und jüdische Musik. Ist dies auch für muslimische oder buddhistische Musik möglich? Feidman: Aber sicher. Als ich vor 40 Jahren bei den Israel Philharmonikern spielte, machte ich zwei Erfahrungen. In Indien spielte ich für einige Gurus das 2. Movement des Mozart-Quintetts, und die Menschen verfielen in Meditation. Und während des Jom-Kippur-Kriegs hatte ich die Aufgabe, in einem Hospital zu spielen, in dem arabische und israelische Verwundete in einem Raum lagen. Ich ging von einem Soldaten zum nächsten und erreichte einen jungen arabischen Mann. Ich bat die Schwester, ihn zu fragen, was ich spielen soll – vielleicht ein arabisches Lied.

Er wollte das hören, was ich gerade für einen anderen gespielt hatte. Ich fragte: »Du magst es?« »Ja, es ist ein schönes Lied«. Ich hatte Mozart gespielt. Ich wünschte, ich könnte ihn heute wiedersehen, er erteilte mir eine der größten Lektionen meines Lebens. Es war nicht Klassik, nicht Mozart, nicht Klarinette. Es war ein schönes Lied. Genießen ist viel mehr, als der Intellekt vieler Leute zulässt.

Nicht jeder kennt Ihren Namen, aber viele kennen Ihre Musik aus Filmen wie Steven Spielbergs »Schindlers Liste«, Joseph Vilsmaiers »Die Comedian Harmonists« oder Caroline Links »Jenseits der Stille«. Warum spielen Sie für Filme? Feidman: Weil ich eingeladen werde. Ich mag es sehr, daran mitzuwirken, verschiedene Kunstformen zu kombinieren. Was ist Oper? Es ist Tanz, Stimme, Orchester, Bühne, Licht – und all das zusammen ist, was wir Oper nennen. Ich mag Theater, weil es zeigt, was in diesem Moment da ist. Ich denke das ist der Grund, weshalb man mich einlädt, Filme zu machen.

Es ist Ihnen also ein Anliegen Künste, Kulturen und Menschen zu verbinden? Feidman: Das möchte jeder. Zeig mir einen, der wirklich allein leben will, der nicht Teil einer Gemeinschaft sein will. Wir werden in eine Gemeinschaft hineingeboren. Kunst kann die Gemeinschaft reinigen, mehr als Politik.

Heißt das, jeder sollte mehr Kunst betreiben? Feidman: Ja unbedingt, musizieren, singen, tanzen, malen – jede Form von Kunst.

In Bad Vilbel spielen Sie im Zusammenhang mit der Erinnerungsaktion »Stolpersteine«. Wollen Sie mahnen oder versöhnen? Feidman: Der Heilungsprozess zwischen Juden und Deutschland ist abgeschlossen. Man kann nicht einem Baby sagen, willkommen in der Welt, aber du bist ein Deutscher. Unsere Verantwortung als Erwachsene ist es, den Geist der jetzt geborenen Kinder frei zu halten, auch in Israel oder Palästina. Wir müssen aufhören, Kinder mit Vorbehalten zu infizieren. Was wir in Deutschland den Kindern beibringen müssen, ist das menschliche Miteinander, an dem nichts speziell ist zwischen Juden und Deutschen, ebenso wenig wie mit Franzosen, Türken oder wem auch immer. Wenn man Kindern Konzentrationslager zeigt, verhindert man damit nicht, dass es wieder geschieht – es geschieht wieder.

In Jugoslawien, Afrika, Irak, China. Es gibt Konzentrationslager, in denen getötet wird, in diesem Moment. Wir müssen die grundlegende Basis der Menschlichkeit retten und ausbilden.

Gegenwart leben und mit Kunst Grenzen überwinden, scheint der Kern Ihrer Botschaft zu sein? Feidman: Durch die Kunst zu sprechen, ist die Sache. Alles, worüber wir gesprochen haben, ist darin enthalten. Noch einmal: Sag mir nicht, eine Sache ist besser als die andere. Ich hatte große Lehrer und wurde in dieser Weise ausgebildet. Ich spiele nicht besser als junge Musiker. Der einzige Unterschied ist, dass ich mehr Erfahrung habe. Der Dirigent Daniel Barenboim zum Beispiel ging nach Ramalla, um für Palästinenser zu spielen. Er spielte für den Feind – und das Publikum kam, um den Feind zu hören. Er bekam stehende Ovationen. Das ist es, was Musik möglich macht. Sie ist eine Lösungsmöglichkeit. Das Problem ist, dass Töten die Lösung sein soll.

Was ist hier los? Warum kann man ein menschliches Leben zerstören, wenn man selbst ein Mensch ist? Wie viele Kinder in Palästina haben nichts zu essen? Wo ist das Recht, die Kindheit eines Menschen zu stehlen? Es gibt in der Welt 28 offizielle Kriege. Aber wir haben ein Element, eine Energie, die nennt sich Kunst, sie transportiert eine Nachricht von einer anderen Dimension. In diesem Sinne muss unterrichtet werden.

Gilt das für jede Art von Konflikt? Feidman: Ja, du magst denken, Giora ist ein Träumer. Aber was ist ein Konflikt, er kann sogar gut sein. Wenn man einen Zentimeter zurückgeht, dann entsteht Raum, um die andere Person zu hören. Wenn du Kunst praktizierst, kannst du keinen Fehler machen – niemals. In Deutschland hatte es Tradition, dass Familien am Sonntagmorgen miteinander musizierten. Die Mutter spielte zum Beispiel Bratsche, der Vater Klavier und die Kinder Geige oder Flöte. Sie machten Kammermusik. Das war fantastisch, aber das ist vorbei. Und in den Schulen gibt es nicht genug Musikunterricht, in Deutschland ebenso wenig wie in Israel.

Was können Eltern tun, um bei ihren Kindern die Freude an der Musik zu wecken? Feidman: Ich weiß es nicht – wirklich nicht. Es gibt einen Markt für Handy-Klingeltöne, aber Kabelmusik ist keine Musik, es ist Lärm. Dennoch bin ich sicher, Kunst ist einer der Lösungswege, um uns zurück zur Menschlichkeit zu bringen. Am Weinen neugeborener Kinder kann man nicht erkennen, ob es jüdische, islamische, christliche, schwarze oder weiße Babys sind – nicht einmal ein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ist zu hören. Was ist so schwierig daran, diese Botschaft zu verstehen? Hör auf mein Herz oder das eines Moslem oder Christen – haben sie einen anderen Klang? Egal, welche Religion, welche Kultur, in erster Linie müssen wir spüren, dass wir alle Mitglieder einer Menschenfamilie sind und Musik kann dabei helfen.

Herr Feidman, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Konzert von des Klezmer-Klarinettisten Feidman mit dem Orgelvirtuosen Matthias Eisenberg findet am 11. April in der Heilig-Geist-Kirche auf dem Heilsberg statt. Die beiden Künstler erhielten für ihre im September 2005 erschienene CD »Feidman/Eisenberg: Live in St. Severin« den »Preis der deutschen Schallplattenkritik 1/2006«. Karten für das Heilsberg-Konzert gibt es im Vorverkauf unter anderen bei der Wetterauer Zeitung in den Geschäftsstellen in Bad Nauheim und Friedberg sowie bei weiteren Kartenverkaufsstellen.

Auch interessant

Kommentare