Gedenkveranstaltung mit besonderer Note

Bad Nauheim (gk). Seit 1996 wird der 27. Januar auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als Gedenktag an die Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen im Januar 1945 begangen. Die UN hat ihn 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Auch in der Bad Nauheimer Wilhelmskirche wurde am Donnerstagbend der Millionen Opfer aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern gedacht.

Bad Nauheim (gk). Seit 1996 wird der 27. Januar auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog als Gedenktag an die Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen im Januar 1945 begangen. Die UN hat ihn 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Auch in der Bad Nauheimer Wilhelmskirche wurde am Donnerstagbend der Millionen Opfer aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern gedacht. "Auschwitz ist zum Symbol des dunkelsten Kapitels unserer deutschen Geschichte geworden", betonte Bürgermeister Bernd Witzel in seiner kurzen Ansprache.

Als Beispiel für den menschenverachtenden Rassismus der braunen Machthaber zitierte er einen Satz des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß: "In den ersten drei Monaten holen wir alles aus dem Häftling heraus. Danach brauchen wir ihn nicht mehr." Besonders begrüßte der Bürgermeister Monik Mlynarski, den langjährigen Vorsteher der jüdischen Gemeinde Bad Nauheim.

Mlynarski, ehemaliger Insasse des KZ Groß-Rosen, wurde erst im April 1945 von den Alliierten befreit. "Der Antisemitismus hat eine tausendjährige unselige Tradition in Europa" - der Teilnehmer am Todesmarsch der Buchenwaldhäftlinge nannte in seiner Rede als Beispiele die Pogrome der Kreuzzugszeit, den Judenmord während der großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert, die Verfolgungen im Zarenreich Ende des 19. Jahrhunderts. "Nicht alle Deutschen waren Nazis", sagte Mlynarski, deshalb habe er sich 1945 für ein Leben in Deutschland entschieden. Mlynarski dankte seinem "Freund" Witzel und dessen Amtsvorgängern für Jahrzehnte des vertrauensvollen Miteinanders.

Kaplan Michael Tomaszewski (St.-Bonifatius-Gemeinde) wies auf die Mitschuld der katholischen Kirche an den antijüdischen Pogromen der Vergangenheit hin. Erst mit der Enzyklika "nostra aetate" aus dem Jahr 1968 habe ein langsames Umdenken begonnen.

Seine ganz besondere Note verlieh dem Abend in der Wilhelmskirche das von der "Asamblea Mediterranea" gestaltete musikalische Programm: Die sechs Instrumentalisten und zwei Sängerinnen haben sich - als bisher einzige Formation in Deutschland - der sephardischen Musik des späten Mittelalters verschrieben. "Sepharad" nannten die spanisch-portugiesischen Juden ihre Heimat auf der iberischen Halbinsel. Im "Land der drei Kulturen" war ein jahrhundertelanges friedliches Leben unter der grünen Fahne des Islam sowie dem christlichen Kreuz möglich. Im Zuge der christlich-fanatischen "reconquista" endete dieses Miteinander im Jahr 1492 mit der Vertreibung der Juden (und Muslime).

Umjubelte Zugabe

Die Sopranistin Ines Amanovic und Gabriele Lesch als Mezzosopran sangen eindrucksvolle Lieder in Ladino, einem von den Sepharden gesprochenen altspanisch-hebräischen Dialekt. "Durme, durme - hermoso hijo" ("Schlafe, mein süßes Kind"), "Muchachica" ("Kleine Geliebte"), "Avram avinu" ("Vater Abraham"): So lauteten einige der mit viel Beifall aufgenommenen Titel. Als reizvolle Ergänzung zur sephardischen erklang in der Wilhelmskirche auch Musik der jiddisch sprechenden aschkenasischen (deutschen) Juden aus Mittel- und Osteuropa.

Hier brillierte Alex Bokolishvili an der Klarinette. "Wie glücklich müssen Menschen sein, die solche wunderbaren Lieder singen und spielen." Mit diesen Worten und Blumen verabschiedete Bürgermeister Witzel nach einer umjubelten Zugabe das "Asamblea Mediterranea".

Quelle: Wetterauer Zeitung

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