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9-Euro-Ticket: Genuss mit Wermutstropfen

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Von: Petra Ihm-Fahle

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hed_9-Euro-Ticket4_10062_4c © Petra Ihm-Fahle

Das 9-Euro-Ticket ist da. Viele Menschen nehmen die Möglichkeit, deutschlandweit und unbegrenzt den Öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, gern in Anspruch. Auch in der Wetterau.

Das zeigte sich, als sich unsere Reporterin unter Bahnreisende mischte. Von Zugausfällen und Verspätungen auf der Strecke nach Frankfurt sind viele Wetterauer Pendler allerdings genervt.

Das 9-Euro-Ticket hatte ich mir gleich gekauft. Insofern fand ich es gut, als mich die Redaktion beauftragte, mich diesbezüglich unter Fahrgästen umzuhören. Den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nutze ich wenig bis gar nicht, da ich im Homeoffice arbeite, aber wenn die Gelegenheit so günstig wie mit diesem Schnäppchen ist, unternehme ich gern auch eine Zugfahrt. Am Dienstag also mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof in Bad Nauheim, um für meine Recherche in die Bahn nach Friedberg zu steigen. Der Zug um 15.29 Uhr fällt allerdings aus. »Nehme ich eben den nächsten um 15.39 Uhr«, denke ich. Auf Gleis 1 wartet eine ganze Reihe Reisender auf den Regionalexpress.

Die Stimmung ist gemischt. »Ich mache zurzeit eine ambulante Reha in Bad Nauheim und habe mir das 9-Euro-Ticket gekauft. Die normale Fahrt kann ich mir nicht leisten, denn ich bekomme nur Krankengeld«, sagt eine Frau aus Hanau. 19,90 Euro würde es regulär kosten, daher ist die 64-Jährige dankbar für das 9-Euro-Ticket. Problematisch findet sie allerdings, »dass keine Züge fahren«. Morgens seien zwei Verbindungen ausgefallen, entweder wegen einer Baustelle oder es heiße »Der Zug ist kaputt«.

Ralf Jung ist das erste Mal mit dem 9-Euro-Ticket unterwegs. »Ich warte ab, was jetzt kommt«, erklärt er. Wie voll der Zug sein werde, wisse er nicht. »Ich rechne mit dem Schlimmsten, mal schauen, ob ich mitdarf.« Er hat ein E-Bike dabei und fragt sich, ob er es mitnehmen kann. Auf der Strecke in die Mainmetropole bestehe jetzt schon Ausnahmezustand wegen der Bauarbeiten für die S 6-Linie. Insofern habe er bisher nicht immer einsteigen können, wenn der Zug nicht genug Waggons hatte. »Es war eh schon katastrophal und wer weiß, wie es jetzt mit dem 9-Euro-Ticket wird?«, befürchtet er.

Maxim Kovalenko hat das 9-Euro-Ticket soeben am Automaten gezogen. »Diese Woche muss ich wegen einer Schulung zwischen Bad Nauheim und Karben pendeln.« Sonst fährt der 48-Jährige mit dem Auto zur Arbeit nach Bad Homburg, da kein passender Bus unterwegs sei. »Vielleicht fahre ich mit dem 9-Euro-Ticket auch mal nach Frankfurt«, überlegt er.

»Ich habe mir das 9-Euro-Ticket für drei Monate gekauft. Heute nutze ich es zum ersten Mal«, erzählt Abazi Momina. Die 40-Jährige wohnt in Beienheim, nutzt normalerweise das Auto. »Das 9-Euro-Ticket ist eine sehr gute Sache«, strahlt sie.

Als die Bahn etwas verspätet eintrifft, finden alle einen Platz. Auch der E-Bike-Fahrer muss nicht stehenbleiben. Da ich einen guten Sitzplatz habe, beschließe ich, einen Abstecher nach Frankfurt zu unternehmen anstatt in Friedberg wieder auszusteigen. In meinem Abteil sitzen 14 Fahrgäste, fünf davon mit 9-Euro-Ticket. »Ich würde gern mal nach Hamburg, München oder Berlin damit fahren - so günstig kommt man da nicht mehr hin«, erzählt der 54-jährige Andreas Gissel.

Flannery Ryan ist aus Gießen. »Meine Familie wohnt in Bensheim an der Bergstraße. Ich habe die Bahncard 50 und fahre viel Zug, aber normalerweise zahle ich dann 14 Euro pro Strecke. Mit dem 9-Euro-Ticket spare ich ganz ordentlich«, sagt sie.

Die Fahrt verzögert sich deutlich, da der Zug vor Eschersheim wegen einer Streckenstörung stehenblieb. 50 Minuten dauert die Reise. Der Blick aus dem Fenster zeigt eine volle Autobahn - so betrachtet ist es schön, im Zug zu sitzen. Angekommen, besucht ich die Bahnhofsbuchhandlung, kaufe Lektüre und plane die Rückfahrt für 17.01 Uhr. Doch Pustekuchen. »Ich stehe in Frankfurt auf dem Bahnsteig, der Zug hat Verspätung«, erzähle ich, als mein Sohn anruft. »Willkommen in meiner Welt«, antwortet er. Obwohl der Bahnsteig voller Menschen ist, sind im Zug aber ausreichend Plätze vorhanden. Wegen Bauarbeiten, Signalstörungen und »Gleislagefehlern« an der Strecke bin ich erst um 18.20 Uhr wieder in Bad Nauheim.

Fazit: Das 9-Euro-Ticket ist eine super Sache, aber wer regelmäßig unterwegs ist, dürfte Nerven brauchen. Zumindest auf der Strecke nach Frankfurt.

Das sagen die Facebook-Nutzer

Eine Umfrage auf Facebook ergibt ein ähnliches Stimmungsbild hinsichtlich des 9-Euro-Tickets: Positiv, aber nicht nur. »Es ist nervig wie immer. Permanent Verspätung, Ausfälle. Ohne oder späte Info«, sagt Sandra Löw aus Bad Nauheim. Die Züge seien noch voller, die Leute stünden in den Gängen. »Dadurch ist heute Morgen jemand zusammengebrochen und der Notarzt musste kommen.« Wie Britta Weber aus Bad Nauheim schildert, sind ihr Mann und sie vergangene Woche problemlos mit dem 9-Euro-Ticket im Regionalzug vom Flughafen nach Friedberg gefahren. »Wir hatten auch Sitzplätze«, berichtet sie. Caroline Gabbert aus Bad Vilbel sagt: »Das 9-Euro-Ticket finde ich super. Ich nutze den ÖPNV zwei- bis dreimal in der Woche privat wie für Fahrten zur Arbeit.« Die Kostenersparnis sei enorm, die Vollsperrung zwischen Bad Vilbel und Frankfurt zwischen Juli und September schmälere den Spaß aber. Olaf Jahnke aus Kelkheim, der für die Grünen im Kreistag des Main-Taunus-Kreises sitzt, findet das 9-Euro-Ticket gut: »Es hat auch andere positive Effekte. Das Schülerticket, 365 Euro im Jahr, wird natürlich auch für diese drei Monate auf je 9 Euro im Preis gesenkt.« »Für die aktuelle Klassenfahrt nach Hamburg war es eine tolle Sache. Die Schülerinnen und Schüler hatten bei der Anreise und im ÖPNV keinerlei Kosten«, schildert Lehrer Patrick Appel aus Büdingen. Dafür seien allerdings eine längere Anreise und manchmal brechend volle Züge einzuplanen.

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hed_9-Euro-Ticket5_10062_4c © Petra Ihm-Fahle
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hed_9-Euro-Ticket10_1006_4c © Petra Ihm-Fahle
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hed_9-Euro-Ticket1_10062_4c © Petra Ihm-Fahle

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