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Hell erleuchtet: Am Himmel über Bad Nauheim ist vom Johannisberg aus mit bloßem Auge kein Stern zu erkennen.

„Wir nehmen das Thema ernst“

Bad Nauheim: Ein Problem, das stiefmütterlich behandelt wird

Ein Blick vom Johannisberg bei Nacht genügt, um den Beitrag Bad Nauheims zur Lichtverschmutzung zu erkennen. Trotz fehlender Gesetze haben Kommunen Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

Bad Nauheim - Wer nachts mit Torsten Güths durch Bad Nauheim fährt, sieht die Stadt in einem anderen Licht. Der Wirtschaftsingenieur ist im Trägerverein der Volkssternwarte Wetterau aktiv und hat sich zum Experten für Lichtverschmutzung gemausert. Diese Umweltbeeinträchtigung verleidet dem 58-Jährigen nicht nur sein Astronomie-Hobby, weil der Blick vom Johannisberg in den Sternenhimmel getrübt wird. Der Bad Nauheimer betrachtet das Thema auch unter dem Aspekt des Insektensterbens und des unnötigen Stromverbrauchs.

Eine Station der nächtlichen Bad-Nauheim-Tour ist der Tegut-Markt. Zwar gibt es seit 2018 Empfehlungen des Hessischen Umweltministeriums zur Außenbeleuchtung, die bei diesem Neubau aber nicht alle beachtet worden seien. »Nach Ladenschluss sind die Leuchten bis 0.20 Uhr mit Vollgas in Betrieb«, lautet ein Kritikpunkt. Die Beleuchtungsstärke, die der 58-Jährige mit einem Luxmeter misst, sei viermal höher als von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz gefordert. Die Lampen seien zwar abgeschirmt, aber abgewinkelt montiert. Das Licht strahle in die Umgebung und führe sogar zur Verkehrsgefährdung. Wer von der Schwalheimer Straße zur B 3 fährt, wird durch die Parkplatz-Beleuchtung geblendet.

Bad Nauheim: Nach LED-Einsatz Rebound-Effekt

Der Tegut-Markt ist für den Experten nur das aktuellste Beispiel für etliche Missstände, nicht zuletzt in Gewerbegebieten. Dort lobt er Betriebe, die keine Außenbeleuchtung haben oder Bewegungsmelder verwenden. »Völlig überbeleuchtet«, lautet dagegen das Urteil bei anderen Firmen, die zu stark, mit falsch angebrachten Leuchten oder die ganze Nacht über angestrahlt werden. Auf den Sicherheitsaspekt geht Güths am Beispiel eines Autohauses ein. Dessen Besitzer will sich durch sehr hellen Beleuchtung vor Diebstahl und Einbruch schützen. »Viel wirkungsvoller wären Bewegungsmelder. Wenn das Licht plötzlich angeht, werden Täter abgeschreckt und Anwohner aufmerksam«, sagt er.

Seiner Ansicht nach könnten auch das Rathaus und die Stadtwerke mehr gegen Lichtverschmutzung tun. Die LED-Umrüstung der Straßenlaternen (sie werden um 22.30 Uhr gedimmt) sei prinzipiell sinnvoll, habe aber einen Rebound-Effekt zur Folge. »In einigen Straßen werden stärkere Leuchtmittel als früher eingesetzt, zudem wurden mehr Laternen aufgestellt«, sagt Güths. Beispiele seien Hauptstraße und Ernst-Ludwig-Ring.

Lichtverschmutzung in Bad Nauheim: Überzogene Kreisel-Beleuchtung

Völlig überzogen sei die Beleuchtung der neuen Kreisel am Tegut-Markt und in der Friedberger Straße (Zufahrt Bad Nauheim Süd). »Den Verbrauch dieser 24 Leuchten schätze ich auf 2400 Kilowattstunden, was dem jährlichen Stromverbrauch eines Zwei-Personen-Haushalts entspricht.« Wie sich am Kreisel-Beispiel zeige, fehle ein Gesamtkonzept. Die älteren Kreisverkehre in der Schwalheimer Straße seien auch beleuchtet, aber deutlich weniger grell. Am Kreisel im Rödger Weg (Gewerbegebiet Langer Morgen) fehlten jegliche Leuchtmittel. Reflektierende Schilder oder Poller mit Reflektoren seien völlig ausreichend, um Fahrer aufmerksam zu machen.

Das ernüchternde Fazit von Torsten Güths: »Seit 2011 hat sich der Beitrag von Bad Nauheim an der Lichtverschmutzung über der Sternwarte verdoppelt.«

Wenn es nach manchen Politikern geht, müsste es in der Stadt nachts noch heller werden. So hatte die FDP im Juli beantragt, die Ausleuchtung am Bahnhof, in Parks und Stadtteilen zu verbessern. Das erhöhe die Sicherheit. Ähnlich argumentiert die Stadtverwaltung bezüglich der Kreisel. »Aktiv beleuchtete Kreisverkehre bieten eine höhere Sicherheit für Verkehrsteilnehmer. Der Sicherheitsaspekt steht hier klar im Vordergrund«, erklärt Fachbereichsleiter Heiko Heinzel.

Vorgaben in neuen Bebauungsplänen

Gegen das Problem der Lichtverschmutzung gehe die Verwaltung im Rahmen ihrer Möglichkeiten vor. In Deutschland gebe es allerdings kein Gesetz zur Beschränkung der Lichtverschmutzung, auch rechtsverbindliche Vorschriften zur näheren Bestimmung der »Erheblichkeitsschwelle« bei Lichtimmissionen fehlten. Das Rathaus schränke die Leuchtreklame ein und schreibe in neueren Bebauungsplänen umweltfreundliche Außenbeleuchtung vor. Das gilt laut Heinzel auch für den B-Plan »Schwalheimer Straße« und damit für den Tegut-Markt.

Die Kritik von Güths will der Fachbereichsleiter zum Anlass nehmen, um mit dem Grundstückseigentümer über »Optimierungsmöglichkeiten« zu sprechen. »Wir nehmen das Thema ernst und streben verträgliche Lösungen an«, betont Heinzel.

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