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"Bad Nauheim ist sehr fotogen", sagt der 35-jährige Drehbuchschreiber Doron Wisotzky, der in der Kurstadt aufgewachsen ist.

Drehbuch-Autor Wisotzky: Verrückte Ideen finden mich

Bad Nauheim (dab). Die Komödie "Halbe Brüder läuft ab 9. April im Kino. Das Drehbuch für den Film mit Rapper Sido, Tatort-Ermittler Fahri Yardim und Teddy Comedy stammt von Doron Wisotzky. Der 35-Jährige ist in Bad Nauheim groß geworden, seine Familie lebt hier. Im WZ-Interview erzählt er, was er am Geschichtenerzählen so mag

Familie ist ein beliebtes Thema für Filme, besonders für Komödien. Was macht den Reiz, das Potenzial aus?

Doron Wisotzky: Jeder Mensch hat eine! Also ist Familie ein Thema, das jeden interessiert und beschäftigt. In positiver oder negativer Weise. Und Familie ist die Urform der Gemeinschaft. In dem Ausstoß aus dieser Gemeinschaft liegt das maximale Drama, in der Akzeptanz der Familie oder auch dem Finden, der Neugründung das höchste Glück.

Gibt es in "Halbe Brüder" direkte oder versteckte Parallelen zu Ihrer Familie?

Wisotzky: Nein. Zum Glück nicht ... (lacht)

Die Hauptdarsteller sind die Söhne einer Nonne, die einer dealenden Oma, einem schwulen Vater und einem Geldeintreiber im rosa Hasenkostüm begegnen. Wie kommen Sie auf solche Ideen?

Wisotzky: Bis zur Pubertät war ich ein unbeschriebenes Blatt. Unschuldig und lieb. Dann hat ein kleines Ereignis alles verändert: Ich habe meine besten Freunde hier in Bad Nauheim kennengelernt. (lacht) Also danke Alex, Jojo, Gio, Swen, Hansi und Shorty für die Inspiration. Was ich damit sagen will: Die verrückten Ideen finden mich irgendwie. Ich laufe mit offenen Augen durch die Welt, bin ein Beobachter. Alles, was mir unterwegs begegnet, schreibe ich in mein digitales Notizbuch. Wenn ich mir erst beim Drehbuchschreiben Dinge ausdenken müsste, würde ich nie fertig werden. Ein Beispiel: Zu Beginn meines Studiums habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass ein Mann am Flughafen von einer fliegenden gefrorenen Bratwurst am Kopf getroffen wurde. Die kam einfach so aus dem Himmel angesaust. Daraus wurde mein erster Kurzfilm.

Was mögen Sie am Geschichtenerzählen?

Wisotzky: Geschichten sind seit der Zeit der Höhlenmalerei extrem wichtig in unserer Gesellschaft. Sie sind Träger von moralischen Werten, Humor, Kultur, Lebenserfahrung und vielem mehr. Sie begeistern, verstören, bringen zum Lachen, zum Nachdenken. Sie analysieren unsere Gesellschaft, halten ihr den Spiegel vor und verändern sie damit gleichzeitig. Wegen all dem erzähle ich gerne Geschichten. Aber auch weil ich gerne Menschen unterhalte. Wenn ich bei der Premiere im Kino sitze und das Publikum biegt sich vor Lachen, dann fühle ich mich wie ein kleiner Rockstar. Weil meine Geschichte sie begeistert, haben sie einen schönen Abend und vielleicht noch mehr. Nach dem Kinostart von "Schlussmacher" hat mir zum Beispiel ein junger Mann geschrieben, dass er durch den Film wieder zu seiner Frau zurückgefunden hat. Das ist doch toll!

Sie haben zwei kleine Töchter. Welche Geschichten erzählen Sie ihnen beim Einschlafen? Oder lesen Sie lieber vor?

Wisotzky: Bis zum Abend habe ich mindestens acht Stunden Drehbuch geschrieben, und mein Kopf raucht. Die Kreativität ist bei minus 10 angekommen. Deshalb muss ich zugeben, dass ich lieber Geschichten vorlese. Aber ich verändere sie leicht, wenn sie mir nicht gefallen, mir ein besseres Ende einfällt oder die Handlung nicht kindgerecht ist. Da kann ich doch nicht aus meiner Haut. Manche Kinderbücher sind erschreckend brutal. Wenn die Hexe in den Ofen gestoßen wird, ist der Ofen in meiner Geschichte nicht an. Aber ich werde die Dosis mit den Jahren steigern. Irgendwann muss die Hexe schon brennen. Sie hat’s ja ein bisschen verdient. (lacht)

Was braucht eine Geschichte, um dem Publikum zu gefallen?

Wisotzky: Eine Seele. Etwas, das uns anspricht, das uns interessiert und dem wir folgen wollen.

Welche Filme schauen Sie selbst am liebsten?

Wisotzky: Ich schaue tatsächlich alles an. Ich kann mich sehr für einem Arthouse-Film begeistern, aber schaue auch gerne eine HBO-Serie oder "Guardians of the Galaxy". Natürlich hat man aber auch Lieblingsfilme. In meinem Fall sind das alle Filme der Coen Brothers und die Filme von Alejandro González Iñárritu.

In "Halbe Brüder" spielen unter anderen Sido, Roberto Blanco und Detlev Buck mit. Sind Sie mit der Besetzung und der Umsetzung Ihres Buchs zufrieden?

Wisotzky: Wir haben genau die Schauspieler bekommen, die wir wollten. Wir haben versucht, unsere drei Brüder wie eine Band zu besetzen. Sie sollten natürlich gut spielen können und auch nicht ganz unbekannt sein, aber sie sollten vor allem als Team funktionieren. Ich glaube, das ist uns gelungen. Die Besetzung lag in der Hand des Regisseurs, des Casting Directors, des Produzenten und des Verleihers, aber als Autor ist man in ständigem Kontakt, bekommt die Castingbänder geschickt und wird nach der Meinung befragt. Ich finde, die Band um Sido, Teddy und Fahri harmoniert perfekt. Und wenn man dann auch noch bis in die kleinste Rolle so toll besetzen kann, ist man sehr stolz. Schließlich hat offenbar auch das Drehbuch diese Leute überzeugt.

Wie sieht Ihre Arbeit am Set aus? Können Sie die Rollen während des Drehs noch auf die Schauspieler zuschneiden?

Wisotzky: Eigentlich bin ich nur am Set zum Kaffeetrinken. (lacht) Das ist zumindest die Idealvorstellung aller Beteiligten. Änderungen während des Drehs sind wahnsinnig kräftezehrend. Man will keine unkontrollierten Verschlimmbesserungen auf den letzten Metern, und alle Abteilungen (Kostüm, Ausstattung etc.) haben sich ja anhand des Drehbuchs vorbereitet und müssen dann ihre Pläne umschmeißen. Das mag keiner. Bei "Halbe Brüder" musste ich am Set nicht mehr schreiben. Wir haben alle Änderungen schon vorher hinbekommen. Das liegt zum einen an der tollen Arbeit des Regisseurs Christian Alvart, der genau weiß, was er will, und zum anderen daran, dass wir vor dem Dreh eine Woche in ein abgelegenes Hotel in Brandenburg gefahren sind und den Film einmal mit allen Schauspielern durchgeprobt haben. Da gab es noch tolle Sachen, die spontan entstanden sind und letzte Korrekturen. Dann war das Buch fertig und bereit zum Drehen.

Haben Sie Lust, selber mal vor der Kamera zu stehen?

Wisotzky: Nein, gar nicht. Ich verstecke mich lieber dahinter oder hinter meinem Laptop. Ich werde bei meinen Projekten immer als Komparse genötigt. Das reicht mir in dieser Richtung. Ich habe großen Respekt vor guten Schauspielern. Wenn man einmal an einem Set stand und die Hektik mitbekommen hat, weiß man, was dazu gehört, gut zu spielen. Kameras, Lampen, Stress, die Sonne geht weg, der Beleuchter hängt einem mit einem Reflektorsegel im Gesicht, und dann soll man auch noch so spielen, als wäre das alles nicht da.

Ihre letzten beiden Filmerfolge, "What a man" und "Schlussmacher", haben Sie zusammen mit Matthias Schweighöfer gedreht. Wie sah die Arbeit mit Regisseur Christian Alvart aus, der mit seinen Filmen "Case 39" und "Pandorum" schon Hollywood-Erfahrung gesammelt hat?

Wisotzky: Christian ist ein hervorragender Regisseur. Und nebenbei auch ein hervorragender Autor. Das macht es für mich leicht, mit ihm zu arbeiten. Er versteht, wie Autoren denken. Da er genau weiß, was er will, gab es keine Runden in der Entwicklung, die umsonst waren. Das ist toll für mich als Autor und spart Kraft und Kreativität. Außerdem konnte ich viel von ihm lernen und mag ihn auch persönlich ganz gerne.

Sie kommen beide aus Hessen.

Wisotzky: Das stimmt. Wahrscheinlich haben wir uns deswegen so gut verstanden. (lacht)

War es wegen dieser gemeinsamen Wurzeln ein Muss, dass das Roadmovie die drei Halbbrüder auch nach Frankfurt führt?

Wisotzky: Nein, Hessen hat sich unterbewusst ins Drehbuch geschlichen. Es war kein Muss, und doch war es plötzlich da. So sind die Hessen. Immer ein Bein in der Heimat.

Wäre Bad Nauheim nicht auch mal eine Filmstation wert?

Wisotzky: Ja, natürlich! Bad Nauheim ist sehr fotogen. Und hat das in der Vergangenheit ja schon bewiesen. "Der Schattenmann" und "Hin und Weg" kamen unter anderem in den Genuss. Und mit Matthias Schweighöfer bin ich immerhin bis nach Ockstadt gekommen. Da ist der Weg nach Nauheim nicht mehr weit. Zumindest wenn man nicht zu Fuß gehen muss.

Dürfen Ihre Eltern und Ihre Schwester den Film schon vorher sehen oder müssen sie wie alle anderen warten, bis er im Kino läuft?

Wisotzky: Sie müssen leider warten. Der Film ist aus Angst vor Raubkopien unter sehr strenger Bewachung, sozusagen bis zum Kinostart im digitalen Safe verschlossen. Aber ich denke, sie haben auch gar nichts dagegen, weil sie sich auf die Premiere in Köln freuen.

Welche Projekte stehen für Sie 2015 noch an?

Wisotzky: Familie – und zwar nicht als Filmthema, sondern live vor Ort. Unsere zweite Tochter ist vor einem halben Jahr zur Welt gekommen. Die Tage sind im Moment zwar sehr anstrengend, aber auch unglaublich schön. Ansonsten entwickle ich verschiedene Kinofilme, eine TV-Serie und zwei Regieprojekte. Wann was gemacht wird, habe ich leider nicht in der Hand, das wird von anderen Kräften – allen voran dem Finanzierungsstand – entschieden. Aber ich freue mich auf alles, was jetzt kommt.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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