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Die stillen Gräber im Wald bei Wisselsheim

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Sven Klausnitzer säubert den Grabstein von Martin Pfeil, dessen Gebeine seit über 100 Jahren im Wald ruhen. © Petra Ihm-Fahle

Verborgen von Ästen und Blattwerk, schlummerte ein kleiner alter Friedhof im Bad Nauheimer Stadtteil Wisselsheim im Wald. Mitglieder des Ortsbeirats und des Vereins Schönes Dorfleben fanden ihn durch Zufall - jüngst schnitten sie das Gelände frei.

Rooaaarrr.« In der Straße Am Eichwald in Wisselsheim heult die Motorsäge auf. Ortsbeiratsmitglieder und Vertreter des Vereins Schönes Dorfleben sind dort, um einen vergessenen Friedhof freizuschneiden. Nach Moos, Pilzen und Blättern duftet es. Die Sonne brennt, doch an diesem Ort ist es schattig. Es handelt sich um ein kleines Areal im Wald, das zugewuchert war. Durch Zufall entdeckten es Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch (CDU), ihr Stellvertreter Sven Klausnitzer (FDP) und dessen Frau Antje Habenicht. Sie hatten sich damals aufgemacht, um nach nicht genehmigten Einzäunungen zu schauen. »Weil einige tote Rehe gefunden wurden, die zu Tode kamen, waren wir unterwegs«, schildert Babitz-Koch.

Zu dritt gingen sie einen Weg herunter, als die Ortsvorsteherin sagte: »Was ist denn hier schon wieder für ein Zaun im Wald?« Antje Habenicht, die in Wisselsheim aufwuchs, kannte das Areal, da sie als Kind im Wald spielte. »Das ist ein Friedhof von früher«, sagte sie. Drei Grabsteine sind dort zu finden, die Namen der Bestatteten sind Dahmen und Pfeil.

Ein Anruf bei der Stadt erfolgte, doch dort war von dem Friedhof nichts bekannt. Dann aber erfuhr Babitz-Koch über die Autorin Karin Hertkorn Näheres, die 1997 eine Chronik über Wisselsheim schrieb. Hertkorn stellte der Ortsvorsteherin Unterlagen über Familie Pfeil zur Verfügung. »Das waren wohlhabende Leute, ganz schicke Damen und Herren. Die Familie besaß einen Wald und hat ihre Angehörigen hier beerdigt«, erzählt Babitz-Koch. Der letzte lebende Pfeil, Klaus, liege allerdings auf dem Friedhof im Ort. Er wurde laut Chronik 48 Jahre alt, war Anwärter auf ein Spenderherz gewesen, aber hatte keines erhalten können. Klaus war kinderlos, womit Pfeils keine Nachkommen in Wisselsheim mehr haben. »So ist der Werdegang von diesen Gräbern und da haben wir gesagt ›Das können wir ja mal freischneiden, denn hier gehen die Wanderwege vorbei.‹ Es wäre doch schön, wenn eine Tafel hinkäme, dass hier ein kleiner Friedhof ist«, sagt Babitz-Koch.

Eigentümer wusste nichts davon

Das Gelände wurde später stückweise verkauft. Der heutige Eigentümer, der den Wald erbte, wusste von dem kleinen Friedhof nichts. Um die Ruhestätte freizuschneiden, stellte der städtische Fachbereich Kur und Service den Ehrenamtlichen aus Rödgen und Wisselsheim einen Container für das Blattwerk zur Verfügung.

Wie viele Menschen dort bestattet liegen, ist auf Anhieb nicht zu erkennen. Sechs Gräber meinte der Ortsbeirat zunächst gefunden zu haben, zu sehen sind nur drei Grabsteine. Putzt man das Laub etwas weg, zeigt sich an einem der Gräber auch eine Umrandung.

Beerdigt sind Theodor (1862 - 1933) und Augusta Dahmen (1860 - 1934). Auf dem Grabstein von Theodor stand früher eine Urne, wie man noch an einem runden Umriss und einer Verankerung sieht. Sie wurde wohl schon vor langer Zeit entfernt.

Auf einem dritten Grabstein ist »Hier ruhen Martin Pfeil’s Gebeine« zu lesen. Martin wurde 1826 geboren, starb 1898 und war laut Hertkorn-Chronik der erste Pfeil in Wisselsheim. Augusta war eines seiner beiden Kinder, sie starb an Herzschwäche. Theodor Dahmen war ihr Mann. Laut Hertkorn stammte er aus Bayern, war Administrator der königlichen Eifeldomäne Bulgenbach, Kreis Montjoie (Monschau) und Malmedy. Er starb im Friedberger Krankenhaus an Blinddarm- und Lungenentzündung.

Ein großer Findling ist noch zu sehen, allerdings ohne Schrift, sowie eventuell eine weitere Umrandung. Sven Klausnitzer stellt die Motorsäge zur Seite, setzt seinen Helm ab und holt einen Eimer Wasser. Dann säubert er den Grabstein von Martin Pfeil.

Dorfgeschichte aufgeschrieben

Ein Bericht der WZ aus dem Jahr 1998 befasst sich mit Karin Hertkorn und ihrem 480-Seiten-Buch »Wisselsheim. Ein Streifzug durch die Vergangenheit und Gegenwart.« Laut Berichterstatter Eberhard Bogdoll wurde Hertkorn in Memelland/Ostpreußen geboren und wuchs im Bad Nauheimer Stadtteil auf. Ihr Hobby war Fotografieren. Gelegentlich erhielt sie historische Aufnahmen von Dorfbewohnern, so entstand neben dem Fotografieren ein weiteres Faible: Sie grub Geschichten aus und vertiefte sich immer mehr in die Dorfhistorie. Schließlich beschloss sie, das Heimatbuch über Wisselsheim herauszubringen, das heute nur noch antiquarisch zu beziehen ist.

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