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Das gemeinsame Ziel lautet: In der Gemeinschaft wachsen

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Von: Hanna von Prosch

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Im Einzelunterricht gerade Förderschullehrerin Navina Piepho mit einer Schülerin Rechnen. © Hanna von Prosch

Bad Nauheim ist mutiges Vorbild für Inklusion vom Kindergarten bis in die Arbeitswelt. Seit 2007 unterrichtet die Solgrabenschule inklusiv. Und hat damit bislang sehr gute Erfahrungen gemacht.

Inklusion in der Schule ist für viele Eltern und Lehrkräfte immer noch ungewohnt. Es bestehen Unsicherheiten und Ängste, etwas falsch zu machen. Eltern befürchten, dass ihre nicht beeinträchtigten Kinder zurückbleiben. In der Solgrabenschule war die Neugier größer als die Angst. »Wir haben es einfach gemacht«, sagt Konrektorin Ulrike Selmayr, die das Angebot von Anfang an betreut.

Heute sind von 760 Schülerinnen und Schüler etwa 60 Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf auf alle Jahrgangsstufen der Bad Nauheimer Solgrabenschule verteilt. Und der Bedarf an der Mittelstufenschule (seit 2013) steigt.

Die meisten dieser Kinder haben Lernschwierigkeiten. Andere sind in der geistigen oder körperlich-motorischen Entwicklung beeinträchtigt. Es gibt Autisten, Kinder mit Downsyndrom und solche mit multiplen Beeinträchtigungen. Einige benötigen Teilhabe-Assistenten, die im Unterricht neben ihnen sitzen und sie unterstützen. Außerdem gibt es vorbeugende Maßnahmen für Kinder, die keinen »Förderbedarf Lernen« haben, aber in der emotional-sozialen Entwicklung aufgefallen sind.

Eine elfjährige Schülerin hat gerade Einzelunterricht bei Förderschullehrerin Navina Piepho. Sie üben Rechnen mit blauen Steinen. »Sie passt genau auf, wenn ich die Steine verschiebe«, sagt die Lehrerin. Einzelunterricht ist nicht die Regel, aber einmal pro Woche individuell notwendig, um den Lernstoff zu vertiefen. Das Mädchen ist mit zwei anderen Kindern mit Förderbedarf und ihrer jüngeren Schwester in der Klasse - ein Glück für beide. »Wir wollen, dass die Kinder so viel wie möglich selbst machen, bevor wir helfen. Das erfordert genaues Hinschauen, wo ein Kind in seiner Entwicklung steht. Danach passen wir die Lernziele individuell an«, sagt Selmayr. »Die entsprechen nicht immer dem allgemeinen Klassenziel.« Lob und Ausprobieren gehörten in jedem Fall dazu. Und Hausaufgaben.

Für Konrektorin Isabella Schneider-Eberz ist es wichtig, dass die Klassen gemischt sind: »Die Kinder sollen von Anfang an mitbekommen, dass Inklusion dazugehört. Das ist für sie normal. Sie akzeptieren ihre Mitschülerinnen und Mitschüler und nehmen Rücksicht aufeinander.«

Sportlehrer Michael Rohde praktiziert Inklusion erfolgreich im Sport: »Wenn ich Akrobatik behandle, reißen sich die Kinder förmlich darum, ihren beeinträchtigten Klassenkameraden heben zu dürfen. Jeder profitiert dabei.« Die Kosten für die Inklusion in Schulen tragen Land und Kreis. Für besonderen Mehrbedarf an Lehrkräften und Unterrichtsmaterial sorgen die Beratungs- und Förderzentren. Sie unterstützen Lehrer und Eltern und stellen Förderschullehrer für Regelschulen ab.

An der Solgrabenschule arbeiten auch Lehrkräfte aus der Wartbergschule. Wie Claudia Voigt. Sie erzählt vom Leben-lernen-Tag für Kinder mit dem Förderstatus geistige Entwicklung. »Es geht darum, den Kindern Alltagskompetenzen zu vermitteln. Wenn wir kochen wollen, suchen wir gemeinsam ein Rezept aus und schreiben einen Einkaufszettel, vergleichen Preise. Einige Schülerinnen und Schüler können lesen und schreiben, andere benötigen entsprechendes Bildmaterial als Unterstützung. Der Einkaufsgang zum Supermarkt beinhaltet auch Aspekte der Verkehrserziehung und des Sozialverhaltens.«

Das Essen wird gemeinsam gekocht

Die Kinder kochen dann zusammen, decken den Tisch und essen gemeinsam. Hierbei ergeben sich nette Gespräche. Am Leben-lernen-Tag werden auch Themen wie Hygiene, Sexualerziehung und digitales Lernen besprochen.

Und wie nehmen die Eltern die Inklusion auf? Anastasia Jeske hat schon beim ersten Elternabend der 5. Klasse eine beglückende Erfahrung gemacht: »Alle Eltern finden es super. Das Gemeinschaftsverhalten fruchtet schon zu Hause. Eltern haben berichtet, dass Geschwister untereinander jetzt viel rücksichtsvoller miteinander umgingen.«

Was bedeutet Inklusion in der Schule?

Inklusion in der Schule bedeutet, dass Kinder mit Förderbedarf in Regelschulen gehen können und dort im alltäglichen Klassenleben eingebunden sind. Eltern können wählen, ob sie ihr Kind in eine inklusive Schule wie die Sophie-Scholl-Schule oder weiterführend in die Solgrabenschule geben möchten. Oder ob ihr Kind lieber in eine reine Förderschule wie die Wartbergschule geht. Auch Kinder mit Seh-, Hör- oder orthopädischen Beeinträchtigungen können inklusive Schulen besuchen. In einer Klasse der Solgrabenschule gibt es zum Beispiel gerade die »Gebärde der Woche«, wobei die gesamte Klasse für einen Mitschüler die Gebärdensprache lernt. Lehrkräfte aus der Förderschule übernehmen Einzelunterricht und besondere Themen. Beim Lernstoff wird auf jedes Kind je nach Art des Förderbedarfs individuell eingegangen. Die Lernziele sind mit dem Förderplan abgestimmt. Aber die Kinder haben genauso Klassendienst, bekommen ihre Hausaufgaben und nehmen, wie die anderen auch, an den Praktika in der Berufsschule teil. Inklusion in Kindergarten und Schule erzeugt im Umgang miteinander Normalität.

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