Bauprojekt Kaiserberg: Plötzlich hagelt’s Kritik

Bad Nauheim (bk). Spricht da ein verärgerter Anlieger oder ein Stadtverordneter, der dem Allgemeinwohl verpflichtet ist? Diese Frage hat sich wohl manch ein Mitglied des Parlaments gestellt, als Christian Trutwig (CDU) in der Trinkkuranlage das Wort zur geplanten Bebauung des früheren Geländes der Harvey-Klinik am Kaiserberg ergriff.

Konträr zur Linie seiner Fraktion ließ Trutwig kein gutes Haar an der Absicht, dort ein Altenheim und vier Mehrfamilienhäuser zu errichten. Bei der Abstimmung enthielt er sich, der Aufstellungsbeschluss zur Änderung des Bebauungsplans wurde mit eindeutiger Mehrheit gefasst.

Trutwig zu unterstellen, er opponiere aus purem Eigeninteresse, wäre allerdings falsch. Wie Bürgermeister Armin Häuser einräumte, gebe es verschiedene Bürger aus dem Wohngebiet zwischen Burgallee, Danziger Straße und Auguste-Viktoria-Straße, die das Projekt kritisch sehen und sich per E-Mail an ihn gewandt hätten. "Unter anderem wird ein Lärm- und ein Verkehrsgutachten gefordert", berichtete der Rathauschef.

Trutwigs emotionale Rede dürfte auch für die CDU-Fraktion überraschend gekommen sein, zumal der Bauausschuss das Vorhaben einstimmig abgesegnet hatte. "Als Anwohner kann ich nur mit dem Kopf schütteln", sagte der Stadtverordnete, der in der Königsberger Straße lebt. Schon die existierende Bebauung in diesem Randgebiet der Stadt sei ein städtebaulicher Fehler gewesen, der durch die neuen Pläne zementiert werde. Wenn der Investor Domus Real aus Wiesbaden ein Altenheim und vier Gebäude mit 40 Wohnungen errichte, werde zusätzlicher Verkehr entstehen.

Eine Erschließung über Burgallee und Danziger Straße komme auf keinen Fall in Frage. Trutwig: "Der Weg von der Danziger Straße zum Harvey-Gelände ist nur eine Feuerwehr-Zufahrt." Für Wohnbebauung sei das Grundstück, das von Kliniken und Altenheimen umschlossen sein werde, ungeeignet. Schon jetzt fehlten in dem Gebiet Parkplätze. "Wo ist der Nutzen für die Stadt?", fragte Trutwig.

Der Christdemokrat mahnte an, die vom Ortsbeirat angeregten Änderungen der Beschlussvorlage zu berücksichtigen. Der Ortsbeirat, der erst nach dem Bauausschuss getagt hatte, schlägt vor, die vier geplanten Wohngebäude über die Straße Am Kaiserberg zu erschließen, um keine zusätzliche Verkehrsbelastung für die Anwohner der Burgallee, Mondorfstraße und anderer Straßen im bestehenden Wohngebiet zu verursachen. Dieser Auffassung schloss sich die SPD an.

"Im Eiltempo durchgewunken"

Kritisch, auch bezüglich der eigenen Versäumnisse, äußerte sich 3 B-Fraktionschef Jürgen Burdak. Der Stadtverordnete, der bei der Bauausschuss-Sitzung anwesend war und das Wort hätte ergreifen können, merkte an, dass in diesem Gremium überhaupt nicht über die Verkehrserschließung gesprochen worden sei. "Es kann nicht sein, dass ein Projekt auf diese Weise und im Eiltempo durchgewunken wird", sagte Burdak. An diesem Beispiel werde wieder einmal die "Bad-Nauheim-Krankheit" sichtbar. Das Parlament beschließe ein größeres Einzelprojekt, ohne sich um die gesamte Entwicklung des Viertels Gedanken zu machen.

Nicht nur Grünen-Fraktionsvorsitzender Dr. Martin Düvel, auch Bürgermeister Häuser konnte die plötzlich auftretende Kritik nach einstimmigem Beschluss im Ausschuss nicht ganz nachvollziehen. Der Rathauschef rief dazu auf, zwischen Einzelinteressen von Anliegern, die zunächst fast alle Wohnbauvorhaben skeptisch beäugten, und dem Allgemeinwohl zu unterscheiden. Für das Projekt auf dem Harvey-Areal gebe es zwei gute Argumente. Zum einen werde ein seit Jahren brachliegendes Gelände endlich vernünftig entwickelt. Zum anderen werde ein sozialpolitischer Fortschritt erzielt.

Wie berichtet, will die Margarethenhof GmbH ihre zwei Betreuungseinrichtungen in der Küchlerstraße 4 und Bahnhofsallee 10 auflösen und mit den Bewohnern ins neue Altenheim am Kaiserberg umziehen. Laut Häuser sind die Häuser in der Innenstadt für ein Altenheim nicht gut geeignet. Der Bürgermeister widersprach Gerüchten, die FDP-Fraktionschef Manfred Schneider erwähnte: Danach werden psychisch kranke Personen (auch sie werden vom Margarethenhof in Bad Nauheim betreut) an den Stadtrand umsiedeln. Das sei falsch, es handele sich vielmehr ausschließlich um Senioren. Schneider hatte die Befürchtung geäußert, die psychisch kranken und oft orientierungslosen Menschen könnten sich des Öfteren im nahe gelegenen Stadtwald verirren.

Nur 3 B votiert mit Nein

Wie Häuser außerdem betonte und auch der Beschlussvorlage zu entnehmen ist, habe die Verwaltung bezüglich der Erschließung der neuen mehrstöckigen Wohngebäude noch keine Entscheidung getroffen. Das werde im Laufe des Planungsprozesses geschehen. Vor der Abstimmung wurden die Wünsche des Ortsbeirats aufgenommen: Somit wird die Anregung, die Verkehrserschließung über die Straße Am Kaiserberg zu realisieren, im Bebauungsplanverfahren berücksichtigt.

Das Abstimmungsergebnis fiel eindeutig aus: Nur die beiden 3 B-Vertreter votierten mit Nein, es gab zwei Enthaltungen.

Quelle: Wetterauer Zeitung

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