Weiterbau der A49

Ich würde in den Vogelsberg ziehen, aber...

In der Jahrzehnten alte Auseinandersetzung um die A 49 melden sich seit September 2019 vermehrt Aktivisten und Verbände von überall zu Wort, die vermeintlich nicht unmittelbar betroffen sind. Das beflügelt einerseits jene Menschen im Vogelsberg, die gerne weiter ohne Highway wohnen wollen. Auf der anderen Seite erzeugt es Unmut bei denen, die sich durch die A 49 eine Reduktion der Verkehrsbelastung erhoffen.

"Was wollt ihr hier?" und "Seid ihr etwa nicht mit dem Auto hergekommen?" sind Fragen, die von Befürwortern der A49 zu vernehmen sind. Weil wir in der Waldbesetzung und im Danni-Soli-Camp kein Kollektiv bilden, antworte ich aus ganz persönlicher Sicht. Aufgewachsen bin ich in Elsoff im Westerwald, weil meine Eltern bewusst vom Ballungsgebiet aufs Land gezogen sind. Ich bekam mit, wie auf der verbreiterten Durchgangsstraße ein Raser ein Kind überfuhr.

Und wie mehr und mehr Grünfläche für Parkplätze platt gemacht wurden, der Verkehr von Jahr zu Jahr zunahm und ich schlechter schlief. Zum Großeinkauf fuhren die Eltern per Auto in die Stadt. Für Kleinigkeiten schickten sie mich zu Fuß in die zwei Dorfläden, die heute Geschichte sind. Seit 22 Jahren lebe ich in Gießen - ohne Auto. Seit drei Jahren bastelt hier ein buntes Bündnis an der Verkehrswende von unten.

Ein Kernpunkt ist die Überwindung des Mobilitätszwanges auf dem Land. Oder positiv gesagt: das Eintreten für "kurze Wege" und "Versorgung in der Fläche." Trotz erster Erfolge unserer Kampagne erwäge ich aufs Land zu ziehen.

Der Vogelsberg gehört zu meinen Favoriten - wenn die A 49 nicht durchgeboxt wird. Ich verstehe den Ärger der Menschen über die bunten Massen von außerhalb. Ja, im Wunsch nach gutem Leben, Teil von Entwicklung und Modernität zu sein, fühle ich mich den A49-Befürwortern verbunden. Doch mit dem Unterschied, davon überzeugt zu sein, dass die Autobahn die Erwartungen nicht erfüllen kann. Drum, liebe Autobahnbefürworter, lasst uns die Köpfe zusammenstecken. Fordern wir, die Baukosten von angeblichen 1,4 Milliarden Euro für den Erhalt der Lebensqualität im Vogelsberg zu verwenden. Zum Beispiel durch Prämien für medizinische Praxen, Erhalt von kleinen Schulen und Kitas, Ausbau von schnellem Internet, Förderung lokaler und regionaler Absatzwege, faire Bezahlung für kleinbäuerliche Landwirtschaft, finanzielle Unterstützung des Vereinswesens, für Dorfläden mit Poststellen, Weiterentwicklung von schonendem Tourismus und Home-Office, Ausbildungsbeihilfen für kleine Betriebe. Parallel dazu Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Bahnstrecken, mehr Haltepunkte an der Vogelsbergbahn, kostenloser ÖPNV, Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene (Ferrero hat ein eigenes Gleis und nutzt es nicht richtig), Schaffung von Carsharing und Lastenradleihsystemen, Erweiterung des Job-Bike-Programms.

Dafür bin ich hier: in Gießen weniger Autopendelverkehr aus dem Umland und im Vogelsberg Erhalt ländlicher Vorzüge. Ich finde es noch schön in Dannenrod, Appenrod und Maulbach - ohne A 49. Und will mithelfen, dass es in den Dörfern an der B3 und B62 wieder ruhiger, lebensfreundlicher wird - ohne Highway, sondern durch eine grundlegende Verkehrswende.

Das Marburger SPD-Kreistagsmitglied Sebastian Sack wurde so zitiert: "Eine Anbindung an die Autobahn für unsere liebenswerte und ländliche Region ist sehr wichtig, weil sie enorm viele Arbeitsplätze sichert und schaffen kann". Hierzu möchte ich fragen: Wie trägt eine Autobahn, die Äcker, Wiesen, Weiden, Wald und Quellen zerstört, riesige Gewerbegebiete nach sich zieht, kleine Straßen zwischen Dörfern abschneidet, aber auf den zubringenden Straßen das Verkehrsaufkommen drastisch erhöht, ein zwei Kilometer breites Lärmband erzeugt und des Nachts Lichtverschmutzung emittiert - wie trägt dieses gigantische, als neue Haupt-Nord-Süd-Europastrecke gepriesene Monsterbauwerk aus Beton und Asphalt dazu bei, dass der Vogelsberg liebenswert und ländlich bleibt?

Daniel Witt, Gießen

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