Auf dem Hof von Heiko Schäfer in Nieder-Gemünden traf man sich zum Gespräch über Weidehaltung und Wolf, v. l.: Heiko Schäfer, Anja Püchner, Manfred Görig, Andreas Kornmann, Susanne Jokisch, Joachim Schönfeld, Wolfgang Pschierer, Steffen Wilhelmi. jol
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Auf dem Hof von Heiko Schäfer in Nieder-Gemünden traf man sich zum Gespräch über Weidehaltung und Wolf, v. l.: Heiko Schäfer, Anja Püchner, Manfred Görig, Andreas Kornmann, Susanne Jokisch, Joachim Schönfeld, Wolfgang Pschierer, Steffen Wilhelmi. jol

Wolf von der Weide fernhalten

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Der Vogelsberg ist Wolfsgebiet - und schon beginnt die Diskussion, wie viel Wolf die Region verträgt. Besonders betroffen sind Landwirte und Schäfer, die Tiere auf Weiden halten. Darüber diskutierten sie nun mit Wolfsexpertin Susanne Jokisch.

Seit Monaten geht die Angst bei Landwirten und Schäfern um ihre Tiere auf den Weiden um. Der Gemündener Landwirt und Bauer Heiko Schäfer beispielsweise kritisiert, dass er einen "Heidenaufwand" für seine Milchkühe betreiben muss. Zum Schutz gegen die sesshaft gewordene Wölfin sollen Schäfer und Rinderhalter Elektrozäune aufstellen. Das bedeutet einen erheblichen Zusatzaufwand für Landwirte. Dennoch: "Die Weidetierhaltung muss erhalten bleiben, um ordentlich erzeugte Lebensmittel zu haben", sagt Schäfer.

Bei einem runden Tisch mit Wolfsexpertin Susanne Jokisch, Schäfern, Landwirten und Landrat Görig kamen die Probleme zur Sprache. Einig war man sich, im Gespräch zu bleiben und pragmatisch an den Umgang mit dem neuen vierbeinigen Nachbarn heranzugehen. "Es fragt uns keiner, ob wir den Wolf wollen", sagt Susanne Jokisch. "Er ist da und wir müssen damit leben."

Sie erinnerte daran, dass die Vogelsberger Wölfin in den letzten Monaten zwei Kälber gerissen hat. Das eine sei zu 99 Prozent eine Totgeburt gewesen, das andere vielleicht zwei Stunden alt. Bei einem dritten Kalb konnte nicht geklärt werden, wie es zu Tode kam. Vor Kurzem hat das Raubtier ein Reh bei Unter-Seibertenrod getötet und in einem Garten am Ortsrand zurückgelassen. Das habe große Sorge bei den Anwohnern ausgelöst, weil sie fürchten, dass sie nicht mehr in den Garten gehen können, sagt Jokisch. Mitarbeiter des Wolf-Monitorings haben einen Elektrozaun und Wildkameras installiert. Die Aufnahmen zeigen einen Goldschakal und einen Wolf, vermutlich das sesshafte Tier, das wiederholt in Richtung Lohwald unterwegs ist.

Elektrozaun nötig

Beobachtungen der Wölfin haben gezeigt, dass sie Angst vor Elektrozäunen habe. "Das wollen wir uns zunutze machen", so Jokisch. Deshalb sollten Schafe und Rinder an vier Seiten mit elektrischen Zäunen gesichert werden.

Joachim Schönfeld vom Amt für den ländlichen Raum verweist auf die Weidetierprämie. Halter von Schafen und Ziegen bekommen 40 Euro pro Hektar Weidefläche, wenn sie die Tiere aufwendiger schützen. "Der Elektrozaun muss mindestens 90 Zentimeter hoch und mit 3000 Volt gesichert sein", so Schönfeld. Festzäune müssten 1,20 Meter Höhe aufweisen und Vorkehrungen haben, dass sich die Wölfin nicht darunter hindurch gräbt.

Auch dieser Zaun muss elektronisch gesichert werden, "damit ein Wolf einen Schlag kriegt, vor dem er künftig Angst hat". Im vergangenen Jahr gab es bereits 30 Tierhalter, die Weidetierprämien beantragt haben.

Nicht eingeschlossen sind bislang Rinderhalter, wie Anja Püchner, Leiterin des Amts für den ländlichen Raum, ergänzte. Ein Großteil der landwirtschaftlichen Fläche im Kreis sind Grünland, also Weiden und Mähwiesen für Viehfutter.

Auch die Folgen für die Landwirtschaft in der Öko- modellregion müssen beachtet werden, sagt Püchner.

Dabei sind Rinderhalter darauf angewiesen, die Tiere auf die Weiden zu stellen. Landrat Manfred Görig unterstrich, dass die Weidewirtschaft im Vogelsberg erhalten bleiben muss. Bei Schäden durch den Wolf brauche es Entschädigungen.

Immerhin gibt es diese Zahlungen vom Land, wenn ein Schaf oder Kalb vom Wolf getötet wurde. Steffen Wilhelmi vom Regierungspräsidium Gießen erläutert, dass bei einem Kalb der Wert angesetzt wird, den es mit acht Monaten erzielt hätte. Das Verfahren sei unbürokratisch.

Für Wolfgang Pschierer vom Schafhalterverein Vogelsberg ist klar: "Wir müssen mit dem Wolf leben." Die Weidetierprämie decke aber nur einen Teil des Mehraufwands ab, den der Schäfer hat, wenn er jeden Tag dokumentiert, wo er mit seinen Tieren steht. Schwierig ist das für Hobbyhalter, die nicht jeden Tag nach den Tieren sehen. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit der Weidetierhalter, um Einfluss auf die Politiker in Wiesbaden zu nehmen. Das unterstützt auch Kreislandwirt Andreas Kornmann. Über geeignete Zaunsysteme informierte Andreas Fuß. Er verwies darauf, dass der Wolf ein lernfähiges Tier sei. Deshalb müsse auch ein Festzaun mit Stromdrähten gesichert werden. "Sonst geht der Wolf diese Woche über die Weide und in der nächsten Woche kann ich ihn auch mit Strom nicht davon abhalten." Dann grabe er sich unter dem Hindernis hindurch oder springe darüber. Er riet, das Tier mit E-Zäunen jetzt abzuschrecken, damit es künftig Weiden meide.

Dann bleibt das Tier oder zukünftig ein Rudel eher im Wald und jagt dort, wie Landrat Görig, selbst Jäger, anmerkt. In den hiesigen Forsten leben so viele Rehe und Wildschweine, dass der "Mitjäger" Wolf verkraftbar sei. Lediglich das Muffelwild werde leider verschwinden. Er forderte allerdings, eine Obergrenze festzulegen, "damit Wolf und Mensch in der Region genug Lebensraum haben".

Biologin Jokisch bestätigt die Erfahrungen aus anderen Regionen, wonach der Wildbestand nicht abnimmt, wenn Wölfe in der Gegend leben.

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