Im ehemaligen Ratshaus ist heute die Gaststätte Holzwurm untergebracht. Auch der charakteristische Durchgang in der Mitte des langgestreckten Baues ist heute noch erhalten. FOTOS: PM
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Im ehemaligen Ratshaus ist heute die Gaststätte Holzwurm untergebracht. Auch der charakteristische Durchgang in der Mitte des langgestreckten Baues ist heute noch erhalten. FOTOS: PM

Wirtschaftliches "Stehaufmännchen"

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1250 Jahre alt, aber wirtschaftlich in der Zeit nach 1945 sehr rege und heute mit IT-Firmen auch innovativ: Nieder-Gemünden ist aus dem wirtschaftlichen Wandel positiv herausgekommen. Einst gab es dort die modernste Molkerei Hessens, einen europaweit tätigen Büromöbelhersteller und für einige Jahre ein Uniformenmuseum. Und wo viel gearbeitet wird, da kann auch mal gefeiert werden: Im Dorf gab es fünf Gaststätten.

Der Wandel in Nieder-Gemünden macht sich in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg insbesondere an der wirtschaftlichen Entwicklung bemerkbar. Chronist Karl Erb (1910-1989) berichtet 1953 von einer einigermaßen ertragreichen Bodenbearbeitung der über 30 Milchbauern auf 657 Hektar Fläche. Untermauert wird die landwirtschaftliche Bedeutung auch durch das Abhalten des Kreiserntedankfestes am 6. Oktober 1957. Bereits bei der Volkszählung 1987 werden nur noch 20 Personen festgestellt, die ihren Lebensunterhalt in Nieder-Gemünden mit der Landwirtschaft verdienen. Im Jubiläumsjahr 2020 werden nur in einem einzigen landwirtschaftlichen Betrieb noch Milchkühe gehalten.

Mit der landwirtschaftlichen Entwicklung ist in einem Zug die Molkerei zu nennen. Sie hat exakt 100 Jahre Geschichte geschrieben. 1891 wurde sie von 23 Landwirten als Genossenschaftsdampfmolkerei für 50 000 Mark gegründet. Im Jahr 1991 wurde nach der Fusion mit der Vogelsbergmilch Alsfeld der Betrieb in den Gebäuden vollständig eingestellt.

Es ist festzustellen, dass sich die Bevölkerung immer mit der Molkerei identifiziert hat, auch wenn der schwarz qualmende Schornstein ein Wäscheaufhängen in den Gärten mitunter verhinderte, weil Rußpartikel in der Luft waren. Die Molkerei tauchte auch in einem Fernsehbericht des HR 1961 auf: Die "modernste und vorbildlichste Molkerei Hessens" war von Staatssekretär Dr. Tröscher empfohlen worden.

Der weitere Fortgang des Firmengeländes wird aktuell mit Interesse verfolgt, nach einem kurzen Intermezzo durch ein Uniformenmuseum werden die Gebäude derzeit hergerichtet und ein Autohandel betrieben. Weil so neue Arbeitsplätze und Wohnungen entstehen, besteht die Zuversicht auf eine positive Entwicklung im Ortsbild.

Drei Männer gründen größten Arbeitgeber

Weitere unternehmerische Besonderheiten waren der Zigarrenhändler Österreich und der Büromöbelhersteller Tobro. Die Anfänge der Firma Tobro waren im Anwesen Österreich. In den Räumen von Tobro wurden Büromöbel und Hängeregistraturen hergestellt. Diese Registraturen waren bis in die 1970er Jahre in Deutschland und in vielen Teilen Europas bekannt. Mit über 30 Arbeitnehmern war das Unternehmen neben der Molkerei der größte Arbeitgeber im Ort. Heute sind zwei Firmen in dem Gebäude untergebracht: Die Firma BranchenKonzeptMobile (BKM; Eigentümer Bruno Weber) rüstet Fahrzeuge für den Lebensmittelbereich um. So werden unter anderem Kantinenfahrzeuge und Sonderfahrzeuge für den Kommunalbereich hergestellt. Derzeit beschäftigt das Familienunternehmen fünf Personen, das gesamte Firmengelände wurde saniert und die Außenanlagen mit großem Aufwand wieder hergestellt.

In diesem Gebäudeensemble ist darüber hinaus die Firma Martin Equipment (Inhaber Johann Martin) untergebracht. Als internationales Unternehmen ist es im Maschinen-und Anlagenbau tätig. Mit derzeit 15 Mitarbeitern ist es auf der Suche nach Ingenieuren und Technikern.

Und eine weitere vergleichsweise große Firma muss angeführt werden: 1953 schreibt der Chronist: "Drei Mann hatten Mut…" Daraus ist bis heute der größte Arbeitgeber erwachsen: Die Firma Seipp und Kehl. Sie ist im Maschinenbau, in der Luft- und Raumfahrt sowie im Kfz-Zulieferbereich tätig. Mit rund 80 Arbeitsplätzen, davon aktuell elf Ausbildungsplätzen, stellt das Unternehmen unter der Geschäftsführerschaft von Marc Schneider einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar.

An weiteren Firmen sind zu nennen die heute tätigen Betriebe wie Landmaschinenhandel Klaus Wöll, Gaststätte Holzwurm, Friseur Wilfried Schneider, Schreinerei Burkhard Feldmann, Elektrogeschäft Ewald Geißler, Z-Business Products und die Hautpflegepraxis Sybille Aßmann.

Auch für Start-Up-Unternehmen ist Nieder-Gemünden eine Adresse. Mit der Firma Venforce von Sebastian Aschoff sind E-Procurement und DataCloud keine Fremdworte für das Dorf. Derzeit errichtet der Nieder-Gemündener Unternehmer Frank Schmitt zudem für seine Firma FMB (FlexibleMetallBearbeitung) im Gewerbegebiet eine neue Fertigungshalle. Erfreulich dabei ist, es handelt sich um eine Verlagerung des Firmensitzes. Das Unternehmen ist mit 13 Arbeitnehmern und einem Auszubildenden im Zulieferbereich für den Maschinenbau und im Stahlbau tätig.

Eine Arzt-und Zahnarztpraxis, eine Apotheke (seit 2006) und bis vor Kurzem eine Sparkasse und VR Bank (es existiert jetzt ein gemeinsam betriebener Geldautomat) runden das Wirtschaftsleben ab. Mit großem Interesse wird in diesen Tagen darüber hinaus der Neubau eines Lebensmittelversorgers verfolgt.

Wenn die wirtschaftliche Entwicklung Nieder-Gemündens beleuchtet wird, so wäre diese unvollständig würde nicht über die (Gast)-Wirtschaften berichtet. Es ist überliefert, Nieder-Gemünden hatte 1953 fünf Gastwirtschaften. Erinnert werden muss in diesem Zusammenhang an Pfarrer Münch, der das Trinkverhalten der Nieder-Gemündener bereits 1804 in den öffentlichen "Brandweinhäusern" brandmarkte. Die erwähnten fünf Gasthäuser waren: Karl Becker IV, Gasthaus an der Feldabrücke, Karl Becker, "Ratswirtshaus", Gasthaus Wilhelm Decher, Herbert Schlosser und Otto Södler, Gasthaus zum Bahnhof.

Kirmes findet im Saal statt

In anderen Quellen wird auch auf einen "Eiskeller" verwiesen, dieser befand sich im Bereich des Anwesens Fischer (Schüßler) in der Hohlstraße und spielte im Mittelalter für die Versorgung der Fuhrleute auf dem Weg zur "Abspann" eine große Rolle. In diesem Anwesen war auch das Gasthaus Bünding, in dem 1756 die Kircheneinweihung gefeiert wurde. Der Volksmund kennt auch heute noch das "Alte Brauhaus", es handelt sich dabei um das Anwesen Rathausgasse 2. Von den Gasthäusern sind heute noch einige in Erinnerung, wobei das "Ratswirtshaus" die heutige Gaststätte "Holzwurm" beherbergt. Interessanterweise ist dieses Haus ursprünglich in Burg-Gemünden errichtet worden und wurde dann nach Nieder-Gemünden transportiert und 1811 als "Ratswirtshaus" neu aufgebaut.

Im Gasthaus Decher war der soziale und gesellschaftliche Mittelpunkt über viele Jahre. Der Sportverein hatte dort sein Vereinsheim, die Kirmes fand im angeschlossenen Saal (modernisiert und vergrößert 1955) statt, die Sektbar ist heute noch legendär. Jegliche Versammlungen der Vereine, der Politik, der Landwirtschaft und anderen Organisationen waren in diesem Saal. Familienfeiern rundeten das Bild ab.

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