Nach dem Abschluss der Rodungsarbeiten hält Luisa Neubauer eine Rede im Dannenröder Forst, in der sie betont, dass der Slogan "Danni bleibt" auch weiterhin gelte. "Der Danni ist das Zeichen, dass es nicht so bleiben muss", so Neubauer. FOTOS: MARCESL.PRESS/OGUZ YILMAZ/SITARA AMBROSIO
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Nach dem Abschluss der Rodungsarbeiten hält Luisa Neubauer eine Rede im Dannenröder Forst, in der sie betont, dass der Slogan "Danni bleibt" auch weiterhin gelte. "Der Danni ist das Zeichen, dass es nicht so bleiben muss", so Neubauer. FOTOS: MARCESL.PRESS/OGUZ YILMAZ/SITARA AMBROSIO

"Wir verschwinden nicht einfach"

  • vonLena Karber
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Die Rodungen im Dannenröder Forst sind abgeschlossen, doch der Protest gegen den Ausbau der A49 wird weitergehen. Luisa Neubauer und Lilly Claudi von "Fridays for Future" erklären im Interview, wieso der Autobahnausbau für die Bewegung ein solch rotes Tuch ist und wieso störende Aktionen nötig sind.

Frau Neubauer, die Rodungen im Dannenröder Forst sorgten bundesweit für Aufmerksamkeit. Dahinter steckt mehr, als jene 27 Hektar Wald, die verschwunden sind.

Luisa Neubauer: Die Frage des "Dannis" ist keine Frage, die sich in ihrer Tragweite und Bedeutung auf Mittelhessen reduziert. Dahinter steht ein großes Dilemma, in dem wir uns befinden. In der Vergangenheit wurden ganz viele Entscheidungen getroffen, die heute angesichts der sich beschleunigenden ökologischen Krisen nicht mehr tragbar sind. Die Frage ist, wie wir mit diesen Relikten an Entscheidungen umgehen. Dahinter steht eine Gemeinwohlfrage: Wann ist es gerechtfertigt, intakte Ökosysteme zu zerstörten? Im Kontext einer Mobilitätswende zeigt sich da ein sehr verklärtes Bild. Die Frage ist doch, wie die Mobilität der Zukunft aussehen kann, worauf wir hinarbeiten und zu welchem .

Sie wollen mit Ihrer Bewegung die Massen mobilisieren. Schaden Sie sich nicht aber selbst, wenn es wie beim Ausbau der A 49 Auseinandersetzungen mit der Polizei und Abseilaktionen auf Autobahnen gibt?

Neubauer: Wir wünschen uns ja eigentlich, dass diese Art von Protest nicht notwendig ist. Aber dass man jahrelang freundliche Briefe geschrieben und auf die Wissenschaft hingewiesen hat, hat offensichtlich niemanden interessiert. "Fridays for Future" zeichnet aus, dass wir in unseren Aktionsformen sehr divers sind. Große Streiks etwa, bei denen Familien am Start sein können, sind schöne Veranstaltungen, die eine große Wirkung haben. Aber es ist ganz logisch, dass Teile der Aktionsformen auch einen disruptiven Charakter haben müssen.

Wie weit darf das gehen?

Neubauer: Man muss sich natürlich fragen, wie man dafür sorgt, dass auch dabei die Sicherheit von Menschen nicht gefährdet wird. Das fragen wir uns bei jedem Streik und das muss man sich auch fragen, wenn man eine Autobahnbrücke besetzt. Andererseits werden wir in der Klimakrise in Konflikte kommen. Ich erlebe es so, dass die meisten Menschen, die ein Verständnis dafür haben, wie sehr die ökologischen Krisen uns bedrohen, auch verstehen, dass man im Zweifel mal eine halbe Stunde länger im Stau steht, weil solche Aktionen stattfinden. Das Problem tritt an der Stelle auf, wo Menschen gar kein Gefühl dafür haben, warum das passiert. Da muss man sich fragen: Was ist in der Kommunikation schiefgelaufen?

Die Problematik der Klimakrise ist doch bekannt.

Lilly Claudi: Was wir uns als "Fridays for Future" als Erfolg auf die Fahne schreiben können, ist, dass ganz viele Menschen ein Verständnis für die Klimakrise haben - aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive. Aber ihnen ist nicht wirklich bewusst, was das gesellschaftlich und vor allem auch gesellschaftspolitisch bedeutet. Wenn sich Klimaaktivisten von einer Brücke abseilen, dann treffen sie die Gesellschaft eben genau dort, wo es wehtut. Aber ich denke, viele Menschen sind gedanklich noch nicht an dem Punkt, dass sie die Aktionen im Kontext dieser naturwissenschaftlichen Perspektive sehen, weil in den Medien nur davon gesprochen wird, dass sich ein paar radikale Ökoterroristen von der Brücke abgeseilt haben.

Woran liegt das?

Neubauer: Die Massivität der Botschaften und Erkenntnisse über die Klimakrise und die Reaktionen, die den Menschen in diesem Land vorgelebt werden, passen nicht zusammen. Das sind so verschiedene Welten, dass die Leute sich denken: Na gut, dann kann es ja nicht so schlimm sein. Und von den wenigen Menschen, die sich verhalten, als wären wir in einer Krise - das sind unter anderem die Menschen im Danni - wird dann gesagt: das sind irgendwelche hyperventilierenden Radikalen.

Der Ausbau der A49 basiert auf einer demokratischen Entscheidung.

Claudi: Uns wird ganz schnell Rechtsbruch vorgeworfen, und dass wir uns nicht an unseren demokratischen Rechtsstaat halten wollen würden. Dem halte ich entgegen, dass die Menschen im Danni das Einhalten von Recht im höchsten Maße fordern.

Inwiefern?

Claudi: Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts hat uns inhaltlich recht gegeben: Würde diese Autobahn heute neu geplant, dürfte sie so nicht gebaut werden. Die Planung wird im Prinzip nur umgesetzt, weil der Aufwand, der schon getätigt worden ist, so groß ist. Aber man muss es sich mal vorstellen: Bei dieser Autobahnplanung durch ein Wasserschutzgebiet wurde die Klimakrise komplett außen vor gelassen und Gutachten, die normalerweise notwendig sind, wurden einfach nicht gemacht - zum Beispiel Wassergutachten. Daran, dass gerade in der Corona-Krise so viel Geld in die Lufthansa investiert wird, es aber zu viel Geld kostet, diese Gutachten neu zu machen, merkt man, dass der Aspekt der Klimakrise im politischen Denken überhaupt nicht angekommen ist.

Zur Einhaltung des Klimaabkommens muss Deutschland seinen CO2-Ausstoß deutlich senken. Im Verkehrssektor ist das 2019 nicht geschehen. Was wird in diesem Bereich versäumt?

Neubauer: Fast alles. Die Mobilitätsfrage ist eine Riesenfrage, und es bringt auch nichts, die Komplexität der Sache zu negieren. Es reicht eben nicht, zu sagen, wir ersetzen Auto A durch Auto B in Elektro. Die Fragen sind größer als das: Wie sieht eigentlich intelligente, faire und ökonomisch tragbare Mobilität aus? Hier ist die Klimapolitik viel näher am Alltag von Menschen dran als zum Beispiel bei der Frage, welcher Strom aus der Steckdose kommt. Deswegen polarisiert die Frage.

Wen sehen Sie bei der A49 in der Verantwortung?

Neubauer: Konkret wäre erst einmal die hessische Landesregierung gefragt und zwar beide Koalitionspartner (CDU und Grüne, Anm. d. Red.). Genauso wäre jedoch auch die Opposition gefragt, Druck aufzubauen. Ich finde es interessant, wie sich zum Beispiel die SPD komplett rausnimmt. Natürlich steht auch die Bundesregierung massiv in der Verantwortung. Was im Verkehrsministerium abgeht und was Minister Andreas Scheuer durchbringen kann, ohne dass wirklich nachgehakt wird, ist atemberaubend. Da es für alle Beteiligten über Jahrzehnte immer wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zu intervenieren gab, kann sich eigentlich niemand komplett rausnehmen. Aber jetzt wäre die Politik vor Ort gefragt, zu sagen, die Situation ist nicht mehr tragbar und wir leiten einen Baustopp ein.

Wie zugespitzt war denn die Lage vor Ort am Ende?

Claudi: Die Stimmung wurde immer angespannter. Die Polizei war seit Oktober am Räumen, das war für alle Beteiligten extrem anstrengend. Wie viele Polizisten maximal bewaffnet durch den Wald gelaufen sind, das war extrem. Wir hatten auch das Gefühl, dass die Polizisten fahrlässiger geworden sind. In den vergangenen Wochen gab es mindestens vier Unfälle, zum Teil mit schweren Verletzungen, weil Polizisten Seile gekappt haben, ohne sich richtig zu informieren oder die Rufe der Aktivisten ignoriert hatten. Das war heftig. Wir hatten das Gefühl, dass die Polizei ihr Motto "Sicherheit vor Schnelligkeit" nicht mehr umsetzte.

Sprechen Sie von Vorsatz?

Claudi: Ich möchte keinem einzelnen Polizisten einen Vorwurf machen. Genauso wenig wollen wir ja, dass wir als Aktivisten pauschalisiert betrachtet werden. Deswegen würde ich vorwiegend von fahrlässiger Arbeit sprechen.

Durch Corona zeigt sich, dass der Staat durchaus Einschränkungen erlassen kann. Stimmt Sie das eher optimistisch oder deprimiert Sie das?

Claudi: Wir haben das Potenzial, von dieser Krisenbewältigung ganz viel mitzunehmen. Im Danni erschwert uns die Pandemie allerdings den Protest erheblich. Gerade weil die Bewegung auf Verantwortungsbewusstsein beruht. Aber uns ist klar, dass wir jetzt nicht so Protest ausüben können, wie wir es gewohnt sind. Es wird ja so gerne der Vergleich zum Hambacher Forst gezogen und ein bisschen zynisch gefragt, wo die vielen Leute jetzt bei uns waren?

Und, wo waren sie?

Claudi: Es ist doch verständlich, dass die Leute sagen, ich kann jetzt da nicht hinfahren. Wir müssen Verantwortung übernehmen, zu Hause bleiben und uns an die Corona-Maßnahmen halten. Es war einfach nicht möglich, dass so viele vor Ort sein konnten. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es ausgesehen hätte, wäre diese Pandemie nicht, weil es einfach nur deprimierend ist. Die Situation wäre für uns sonst eine ganz andere gewesen.

Was passiert denn, wenn die A49 ausgebaut wird, so wie es geplant ist?

Claudi: Wir werden nicht aufgeben, die A49 ist sinnbildlich dafür, wie das Paris-Abkommen behandelt wird. Selbst wenn die Autobahn gebaut werden sollte, werden wir nicht plötzlich verschwinden. Wir werden weiterhin da sein und sagen: Hey Leute, das, was im Danni passiert ist, das darf nicht noch einmal passieren, wir müssen diesen Bundesverkehrswegeplan neu denken. Wenn man sich anschaut, was in den nächsten Jahren alles passieren soll und wie viele dieser Straßen durch Naturschutzgebiete gehen sollen, ist das auch nicht mit dem Pariser Klimaabkommen kompatibel. Wir werden dafür kämpfen, dass sich das ändert.

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