Die Häuserzeile an der Neustädter Straße in Kirtorf wird grundlegend umgebaut, wie Bürgermeister Andreas Fey mit einer Planskizze erläutert. In der zweiten Reihe entsteht das Medizinische Zentrum. FOTO: JOL
+
Die Häuserzeile an der Neustädter Straße in Kirtorf wird grundlegend umgebaut, wie Bürgermeister Andreas Fey mit einer Planskizze erläutert. In der zweiten Reihe entsteht das Medizinische Zentrum. FOTO: JOL

"Wir sind am Scheideweg"

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
    schließen

Kirtorf leistet sich eine Neue Mitte. Das 15-Millionen-Projekt soll die länd- liche Kommune als Anziehungspunkt für Menschen aus der Umgebung stärken, wünscht sich Andreas Fey. Ein Gespräch mit dem Kirtorfer Bürgermeister über Baugebiete, sanften Tourismus und Folgen der Corona-Maßnahmen.

Das Projekt Neue Mitte kostet Millionen - lohnt sich das für die Stadt?

Wir wollen Menschen zurückholen in die Stadtmitte. Da sind wir am Scheideweg, entweder man bietet etwas für die Kirtorfer und Bewohner umliegender Orte oder man wird bedeutungslos. Es ist wichtig, zu gestalten, das stärkt den Bestand wie zum Beispiel den Einkaufsmarkt und zieht neue Kunden an.

Was gestaltet die Stadt in der Neuen Mitte?

Das ist ein strategischer Sanierungsbereich, der gemeinsam mit dem Land und einer privaten Projektgesellschaft erschlossen wird. Da entsteht ein Medizinisches Zentrum mit zwei Ärztehäusern, einer neuen Apotheke, einer Bäckerei mit Café und einem Bereich mit zeitgemäßen Coworking-Plätzen. Die Stadt saniert zwei Fachwerkhäuser und baut eines neu, was vom Land mit 1,5 Millionen Euro gefördert wird. Die Coworking-Plätze sind wichtig, weil sich gerade in Corona-Zeiten gezeigt hat, dass Büros in den Städten abgebaut werden und mehr von zu Hause gearbeitet wird. Das funktioniert nicht immer reibungslos, deshalb sind Arbeitsplätze praktisch, die man als Ergänzung außerhalb nutzen kann.

Kirtorf setzt auf Wachstum - überfordert das die Stadt nicht?

Wir sind attraktiv für Bauinteressierte und wollen das ausweiten. Wir weisen 18 Bauplätze aus und haben schon 20 Anfragen. Der ländliche Raum ist offenbar inzwischen mehr im Fokus von Menschen aus dem städtischen Bereich. Das hat vielleicht mit den Erfahrungen in Corona-Zeiten zu tun. Hier ist man nicht so eingesperrt in engen Verhältnissen, kann sich um das Haus bewegen und ist schnell im Wald. Wir wollen den Trend umkehren, dass die Bevölkerung bei uns abnimmt. Da sind wir auf einem guten Weg.

Was hat Corona mit einem Baugebiet zu tun?

Ein Haus in Kirtorf bietet Platz, in Corona-Zeiten haben sich viele beengt gefühlt. Es sind vor allem junge Familien, die sich für einen Bauplatz bei uns entscheiden. Sie wollen ganz bewusst ihre Kinder im ländlichen Raum großziehen. Hier gibt es dafür mehr Entfaltungsmöglichkeiten.

Fördert Corona den Zusammenhalt?

Die Maßnahmen dazu haben zwei Seiten. So haben die Einschränkungen das öffentliche Leben lahm gelegt. Die Veranstaltungen, die im vergangenen Jahr auf dem Marktplatz und in den Stadtteilen guten Zuspruch gefunden haben, waren zu meinem größten Bedauern nicht mehr möglich. Aber der Bürgerbus, der für den Fahrdienst zu Veranstaltungen genutzt werden sollte, wurde nun von Jugendlichen für den Einkaufsservice für ältere Büger genutzt. Das hätte es sonst nicht gegeben. Da hat man den Anderen geholfen.

Haben die Corona-Einschränkungen negative Folgen für die Finanzen?

Wir haben nur recht geringe Einnahmen aus der Gewerbesteuer, die jetzt überall eingebrochen ist. Aber der Anteil an der Einkommenssteuer wird absehbar zurückgehen. Da müssen wir sehen, wo die Stadt sparen kann. Für das Stadtparlament hat in der Hochphase der Pandemie der Hauptausschuss Entscheidungen getroffen, wenn es nötig war. Inzwischen gab es wieder eine Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, die im Nachgang die Entscheidungen des Ausschusses bestätigte. Das laufende Geschäft muss ja geregelt werden.

Wie geht es weiter? Ein großes Thema war die mögliche Fusion mit Antrifttal.

Eine Fusion ist vom Tisch. Die gilt es gründlicher vorzubereiten und die Bevölkerung mitzunehmen. Das behindert aber die derzeitige interkommunale Zusammenarbeit nicht, die klappt mit Antrifttal sehr gut. So hatten wir auch in Corona-Zeiten die Kfz-Zulassungsstelle für Antrifttaler und Kirtorfer geöffnet. Die Verflechtung ist stark und wird stärker - aber eine Fusion ist derzeit nicht in Sicht.

Welche Chancen hat eine kleine Gemeinde wie Kirtorf abseits der Zentren?

Wichtig ist, die Entwicklung mit den Bürgern voranzutreiben. Ein wichtiges Ziel ist es, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Dabei können wir den sanften Tourismus für Radfahrer und Wanderer voranbringen. Wir sind bislang ein weißer Fleck auf der Tourismus-Landkarte. Gerade die Erfahrung mit den Corona-Einschränkungen zeigt, dass die Menschen Ruhe und eine schöne Landschaft suchen.

Hat es sich gelohnt, von der Bundespolizei ins Rathaus zu wechseln?

Ich habe das keinen Tag bereut. Es macht Spaß, für Kirtorf gestalterisch tätig zu sein. Das funktioniert fraktionsübergreifend, wenn man das gleiche Ziel hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare