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Wiederaufbau und freie Wahlen

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Die Fächer im Gefrierhaus mussten verlost werden, und zeitweise gab es über 1000 Einwohner. Die Jahre des Wiederaufbaues nach 1945 in Nieder-Gemünden veränderten das vor dem Krieg beschauliche Dörfchen gravierend. Der Rückblick im Vorfeld der Feier 1250 Jahre Nieder-Gemünden zeigt den Ort auch als sehr fortschrittlich: 1953 gab es bereits ein Jugendparlament.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand in Europa der Wiederaufbau an und die politischen Strukturen veränderten sich in Westdeutschland hin zur Demokratie. Was heute vielfach als selbstverständlich eingeordnet wird, verursachte in den Jahren nach 1945 oftmals kontroverse Diskussionen. So wurde Nieder-Gemünden 1971 mit sechs anderen Dörfern zur Großgemeinde Gemünden/Felda zusammengefasst. Wie sich das Dorf entwickelte, erfährt man nicht nur aus Chroniken, sondern es kann in dieser Darstellung auch auf Zeitzeugen zurückgegriffen werden. Dafür ist der Autor ausgesprochen dankbar.

Wie war die politische Entwicklung im Kontext der gesamten Entwicklung? Zwischen 1945 und 1949 war in Deutschland die Phase zwischen dem NS-Staat und der Gründung der zwei deutschen Staaten. Es herrschten Not und Elend, und der Hungerwinter 1947 ist auch wegen seiner katastrophalen Ernährungslage bekannt. Die Lebensmittelversorgung war schlecht. Bis zum 5. Juni 1946 war es in Amerika verboten, Care-Pakete nach Deutschland zu senden. Um je nach Schwere der Arbeit Rationen zuzuteilen, gaben die alliierten Besatzungsmächte Lebensmittelkarten aus. Erst ab dem 3. April 1948 griffen die ersten Maßnahmen des Marshallplanes zum Wiederaufbau.

Folgende Informationen liefert die Chronik Nieder-Gemündens: "Trostlos sieht es bei uns aus, ganze Völkerwanderungen kommen aus den Städten und vertauschen oft das letzte Hemd, um die notwendigen Lebensmittel zu erhalten. Um das Elend noch zu vergrößern, strömen mit Beginn des Monats Juni 1946 große Scharen heimatvertriebener Deutscher aus den Gebieten jenseits von Oder-Neiße und dem Sudetenland in unser Dorf. All diese unglücklichen Menschen müssen ordnungsgemäß anständig untergebracht werden."

Die Annäherung an demokratische Strukturen verlief offenbar auch mit einer gewissen Skepsis, denn in der Chronik heißt es: "Musste auf alliierten Befehl gewählt werden. Unsere Gemeinde wählte also in ›freier‹ und geheimer Wahl zum ersten Male nach dem Zusammenbruch am 20. Januar 1946 seine Gemeindevertreter, den Gemeinderat." Aus heutiger Sicht kann man sagen, die Demokratie machte sich auf, um eine Demokratie zu werden. Einfach hatte sie es dabei nicht.

Bis im Frühjahr 1946 war Otto Herbst Bürgermeister. Der Kaufmann Karl Becker war der erste Bürgermeister, der durch den Gemeinderat gewählt wurde. Mit Friedrich Wilhelm Schäfer erhielt Nieder-Gemünden Anfang der 1950er Jahre einen Rathauschef, dem die Bürger Nieder-Gemündens viel zu verdanken haben. Im November 1968 wurde er zum fünften Mal wiedergewählt. Unter Bürgermeister Schäfer nahm Nieder-Gemünden einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung: Firmengründungen fanden statt, der Schulneubau fiel in diese Ära, das Vereinsleben und die Feuerwehr wurden von ihm maßgeblich positiv begleitet, die Infrastrukturentwicklung (Wasserversorgung, Straßenausbau), die Ausweisung von Neubaugebieten sind wesentliche Ergebnisse seines Tuns. Für die Jugend hatte er ein offenes Ohr; bereits 1953 hatte Nieder-Gemünden ein Jugendparlament. Es tagte zum ersten Mal im März 1953 und beschäftigte sich mit dem Thema "Was muss der angehende Staatsbürger von einer Partei wissen". Der Jugendbürgermeister war Herbert Trumpler. Seit den 1980er Jahren dient das Gebäude der Burschenschaft "Edelweiß" als Jugend- und Vereinsheim.

Für die Burschenschaft "Edelweiß" war Bürgermeister Schäfer ebenso ein guter Ansprechpartner, er hatte maßgeblichen Einfluss, dass auch heute noch die Burschenschaft die Kirmes abhält. Nach Jahren der Saalkirmes folgte ab den 1970er Jahren die jährliche Zeltkirmes. Als erster Bürgermeister der Großgemeinde Gemünden/Felda (ab 1972) ist Friedrich Wilhelm Schäfer ebenso in die Geschichte eingegangen. Brot wurde von den meisten bäuerlichen Familien in den beiden Backhäusern gebacken. Eines davon wich in dem Straßenausbau, das andere ist noch heute an seinem Platz und wird genutzt. In diesen Zusammenhang gehört auch das Gefrierhaus.

In der Oberhessischen Zeitung vom 1. März 1960 war zu lesen: "Der Vorstand der Gefriergemeinschaft ließ die 70 Fächer verlosen, wobei zwei Fächer Vorfroster waren..., nun können zur Freude der Hausfrauen Genuss versprechende Teile, die abgewogen aus den Händen der Hausmetzger kommen, in die Gefrieranlage wandern."

Um den Bahnhof wurde in den Nachkriegsjahren der komplette Ortsteil "Bahnhof" entwickelt. 1954 wurde dort die Kanalisation gebaut. 1906 war in Nieder-Gemünden bereits die Wasserversorgung errichtet worden. Die Wasserversorgung war ebenso immer wieder ein Thema in Nieder-Gemünden, der Hochbehälter nahe der Schule wurde durch Wasser von einer Oberflächenquelle von dem Bereich Grubenbach (Gemarkung Nieder-Ohmen) befüllt. Der Hochbehälter stieß oft an seine Kapazitätsgrenzen, nahezu regelmäßig lief er am samstäglichen Badetag leer. Die extra dafür erworbene Pumpe, vergraben auf dem Molkereigelände, war eine Fehlentscheidung, heute würde man sagen: eine politische Posse. Gegenwärtig wird die Wasserversorgung zentral über die Gemeinde Gemünden sichergestellt.

Und dann kam der 23. Dezember 1971. Dieser Tag geht als historischer Tag in die Geschichte ein. An diesem Tag nach Jahrhunderten dörflicher Eigenständigkeit und kommunaler Selbstständigkeit wird im Rahmen der hessischen Gebietsreform die Gemeinde Gemünden/Felda aus sieben Dörfern aus der Taufe gehoben.

Aus der vom 22. Dezember 1971 datierten und von Innenminister Bielefeld unterzeichneten Urkunde verlas Landrat Kratz in der Gaststätte Decher am 23. Dezember 1971 die Worte: "Was hinter uns liegt ist vorbei, was kommt ist wichtig. Denken wir immer daran, dass wir mit Stolz auf unsere schmucken Dörfer blicken können."

Anmerkung des Verfassers dieser Zeilen: In Abwandlung der Worte von J. F. Kennedy: Alle Bürger Gemündens sagen heute mit großer Freude: "Ich bin ein Gemündener." Von J. F. Kennedy ist auch der Satz überliefert: "Frage nicht, was der Staat für dich tun kann; frage, was kannst du für den Staat tun." In diesem Sinne bleibt die Hoffnung, in der kommenden Legislaturperiode in Nieder-Gemünden auch wieder einen Ortsbeirat zu haben.

In den folgenden Teilen dieser kleinen Reihe werden die Themen Gewerbe und Firmen, Gaststätten, die Bedeutung des Bahnhofes und der Eisenbahn, die Mühlen und das religiöse Leben behandelt.

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