Polizeibeamte halten Ausbaugegner vom Zugang in den Maulbacher Wald ab. Die Anwohner reagieren darauf und besetzen kurze Zeit später den Kreisverkehr in Homberg am Familienzentrum. SYMBOLFOTO: ARCHIV
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Polizeibeamte halten Ausbaugegner vom Zugang in den Maulbacher Wald ab. Die Anwohner reagieren darauf und besetzen kurze Zeit später den Kreisverkehr in Homberg am Familienzentrum. SYMBOLFOTO: ARCHIV

"Widerstand nicht zu beanstanden"

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Homberg-Dannenrod(pm). Das Dorfgemeinschaftshaus war am Donnerstagabend - unter Beachtung der coronabedingten Auflagen - voll besetzt. Anlass war ein Vortrag von Gerhard Keller mit dem Thema "Ziviler Ungehorsam", zu dem aus dem Kreis der A 49-Gegner eingeladen worden war.

Mit zivilem Ungehorsam habe er sich schon während seines Studiums auseinandergesetzt, berichtete Keller. So sei er als Mitglied einer studentischen Friedensgruppe in Gießen aktiv gewesen, die zu Beginn der 1980er Jahre mehrfach die dortige Militärparade aus Anlass des US-amerikanischen Nationalfeiertags gestört habe. An diesen Aktionen ließ er die Zuhörer anhand einiger Bilder teilhaben. Nicht ohne Stolz führte er aus, dass dies dazu geführt habe, dass die militärischen Aufmärsche 1985 eingestellt worden seien.

Der Referent zitierte aus seiner Examensarbeit, die er im Jahr 1987 zum Thema "Ziviler Ungehorsam und die Grenze des Staates - theologische Überlegungen" geschrieben hatte. Er stellte den Zuhörern den amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Thoreau vor. Dieser hatte 1846 aus Protest gegen den Eroberungskrieg der USA gegen Mexiko sowie gegen die Sklaverei einen Teil der Steuerzahlung verweigert. Deshalb wurde er ins Gefängnis gebracht. Einige Jahre nach seinem Tod wurde ein Essay von ihm veröffentlicht. Dieser trug den Titel "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Darin wurde der Begriff "Civil Disobedience" (ziviler Ungehorsam) zum ersten Mal verwendet. Mit zivilem Ungehorsam verbindet man nach Einschätzung von Keller hierzulande als geschichtliche Persönlichkeit vor allem Mahatma Gandhi. Gandhi machte die Schrift Thoreaus zur Pflichtlektüre seiner Anhänger. Keller führte auch andere Beispiele an, etwa aus den Auseinandersetzungen in den USA um den Vietnamkrieg, um dann zur Definition des Begriffs zu kommen. Laut Jürgen Habermas (geb. 1929, deutscher Philosoph und Soziologe; er zählt zur zweiten Generation der Frankfurter Schule und war zuletzt Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main) ist ziviler Ungehorsam dadurch gekennzeichnet, dass er moralisch begründet und öffentlich ist, auf das öffentliche Wohl gerichtet ist sowie die Verletzung einer oder mehrerer Rechtsnormen beinhaltet. Außerdem lässt er die Bereitschaft der Akteure erkennen, eine Verurteilung in Kauf zu nehmen sowie das Bestreben, ein Instrument zur Verbesserung des Staates zu sein.

Keller ließ keinen Zweifel daran, dass er den deutschen Staat bejaht und mehr noch, als den besten Staat in der deutschen Geschichte anerkennt. Gegenwärtig sei der Staat aber für gravierende Fehlentwicklungen verantwortlich, die die Lebensgrundlage aller Menschen und vor allem die der jüngeren Generation nachhaltig beschädigten. Und im Gegensatz zu anderen Streitthemen, bei denen keine der beteiligten Parteien die eine Wahrheit für sich beanspruchen könne, sei unwiderlegbar, dass die Erde durch den Klimawandel auf eine ökologische Katastrophe zusteuere.

Wissenschaftler stützen Bedenken

Er führte als einen von vielen Belegen eine Stellungnahme der "Scientists for Future" an. Diese zeigt unter anderem auf, dass die Jahre 2014 bis 2019 weltweit die sechs wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen seien. In einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung hätten sich die hessischen Regionalgruppen der "Scientists for Future" hinter die Anliegen der A 49-Gegner gestellt und deren Forderungen - sofortiges Moratorium der Rodungsmaßnahmen und eine Neubewertung des geplanten Ausbaus - vollumfänglich unterstützt. Unter diesen Voraussetzungen seien die A 49-Gegner bestens legitimiert, wenn sie denn zivilen Ungehorsam ausübten.

Keller ließ keinen Zweifel daran, dass der bisher ausgeübte Widerstand in keiner Weise zu beanstanden sei, "die wenigen negativen Randerscheinungen" seien mitnichten der Bewegung als Ganzes anzulasten. Vielmehr sei es bewundernswert, wie gewaltlos Baumbesetzer trotz emotionaler Ausnahmesituation geblieben seien. Und dies, obwohl sich jeder vorstellen könne, wie aufgewühlt die Baumschützer gewesen sein müssen angesichts der fallenden Bäume. Dieses Drama ziehe sich schon zwei Wochen hin. Es habe andererseits zahlreiche Übergriffe der Polizei gegeben, aber diese Erfahrungen habe er auch früher schon gemacht.

Die Zuhörer dankten dem Vortragenden, der sie in ihrem Widerstand ermutigt hatte. In der folgenden Aussprache wurde unter anderem darüber diskutiert, welche Formen des Widerstands sinnvoll und effektiv seien.

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