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Wertewandel und Humus

  • Joachim Legatis
    VonJoachim Legatis
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Passend zum Black Friday, der Rabattschlacht des Internethandels, rufen Naturschützer zum »Klimastreik« auf. Ihre Botschaft: Unser Konsum macht die Umwelt kaputt. Doch was bedeutet das für den ländlichen Raum mit seinen weiten Wegen, den fehlenden Lebensmittelmärkten und Arbeitsplätzen vor Ort? Fragen an Unterstützer des Klimastreiks.

Der Klimastreik am heutigen Freitag bringt auch in Alsfeld und Lauterbach Menschen auf die zentralen Plätze. Treibende Kraft ist dabei die bundesweite Bewegung »Fridays for Future«, im Vogelsberg sind Naturschützer, Bio-Bauern und Politiker von Grünen und Linke mit dabei. Wir haben nachgefragt, wie Klimaschutz im ländlichen Raum aussehen kann.

Wie geht Klimaschutz im ländlichen Raum?

Philipp Balles vom BUND Vogelsberg und Mit-Organisator des Klimastreiks: Lebensqualität statt Gehetze - nicht stumpfer Konsum wie heute am BlackFriday, sondern reflektiertes Handeln nach Fridays for Future. Hier haben wir gerade im ländlichen Raum und im Vogelsberg große Vorteile. Wir haben gute Netzwerke und sind nicht anonym wie in der Großstadt. Wir haben noch Landwirte vor Ort, wir haben die Flächen um gegebenenfalls eigene Lebensmittel anzubauen. Mit kurzen Wegen, hoher regionaler Wertschöpfung und mehr.

Was ist mit Berufspendlern und Menschen in einem Dorf ohne Lebensmittelmarkt?

Balles : Wirkliche Alternativen zum Auto müssen geschaffen werden. Morgens von 6 bis 8 Uhr und Nachmittag von 15 bis 17 Uhr müssen Busse für Arbeitnehmer, Rentner und alle anderen fahren. Pendler bin ich selbst, wir fahren wenn möglich in einer Fahrgemeinschaft. Wir brauchen dringend eine zweigleisige Bahnstrecke nach Frankfurt. Das E-Bike kann oftmals kurze Autofahrten ersetzen, aber auch der Fußverkehr ist ein wichtiger Punkt. Dörfer brauchen den Anschluss an die Städte mit ÖPNV und Radwegen. Gut sind ein Einkaufsladen als Treffpunkt, Postfilialen, Bank und Dezentralisieren für kurze Wege. Dabei ist wichtig, dass Klimakrise und soziale Herausforderungen zusammenhängen. Wir Menschen des globalen Nordens haben ein viel größeres Vermögen, um wirksame Maßnahmen für den Klimaschutz zu ergreifen. Eine Kohlendioxidsteuer und eine Extraabgabe für SUVs wie in Schweden wäre eine Maßnahme mit der größten Lenkungswirkung. Beim Heizen und beim Essen sollten wir auch an den CO2-Rucksack denken.

Wie geht Klimaschutz im ländlichen Raum?

Christine Haberlach , Bio-Bäuerin: Wir Bio Bauern möchten auch die »Fridays for future«- Proteste zum Anlass nehmen, unser Tun zu überdenken. Wie können wir unsre Fruchtfolgen besser gestalten mit Untersaaten und Zwischenfrüchte, um mehr Humus aufzubauen und Kohlenstoff zu binden? Wie können wir das Grünland erhalten? Wie etablieren wir neue Systeme, wie z. B. den Agroforst? Fossile Betriebsmittel reduzieren und einfach weniger Energie verbrauchen. Dafür brauchen wir die Kühe, denn sie haben die Gabe, mit ihren Mägen das für die Menschen nicht verwertbare Gras in humusaufbauenden Mist umzuwandeln. Wir versuchen auf unserem Hof die Fruchtbarkeit des Bodens zu entwickeln. Wir arbeiten mit Klee und Luzernegras die die Fähigkeiten haben, Stickstoff aus der Luft zu binden, und mit unseren Kühen, die das Futter in wertvollen Mist umwandeln. Landwirtschaft und ihre Entwicklung steht in Verbindung mit politischen Entscheidungen, aber auch mit den Entscheidungen der Menschen, was und wie sie essen wollen. Das steht für mich auch in Verbindung mit der Ausbeutung der Menschen und der Natur in den Ländern des globalen Südens.

Wie sieht Klimaschutz im ländlichen Raum aus ?

Dr. Udo Ornik , Grüne im Kreistag: Zunächst mal ist der Verzicht und die Reduzierung des Fleischkonsums und Radfahren eine gesunde Sache und jeder sollte sich das überlegen. Es wird nicht ohne Einschränkungen gehen, aber die Menschen auf dem Land haben nicht mehr beizutragen als die Städte, und wie wir das tun, dürfen wir nicht vorschreiben. Wir sollten versuchen, das bisschen Natur, das wir hier noch haben, gemeinsam zu erhalten und auszubauen.

Was ist mit Berufspendlern und Menschen in einem Dorf ohne Lebensmittelmarkt?

Ornik : Ich bin selbst Pendler und muss weit fahren. Ich wünsche mir deshalb keine neuen Straßen oder noch fettere SUVs, sondern einen gut ausgebauten Nahverkehr mit kurzen Fahrzeiten und guter Vernetzung, auch mit Auto und Rad. Ich wünsch mir auch, dass wir die Infrastruktur unserer Dörfer nicht kaputtsparen, damit es in der Stadt noch attraktivere Angebote gibt.

Wie geht Klimaschutz auf dem Land?

Dietmar Schnell , Die Linke im Kreistag. Die Lage ist sehr ernst. Wissenschaftler warnen vor verheerenden Folgen für die Menschheit durch den Klimawandel, das Artensterben, verseuchte oder versiegelte Böden. Wir müssen jetzt endlich gezielt handeln und es werden radikale Schnitte notwendig sein, z.B. eine Verkehrswende hin zu Öffentlichen Verkehren und weitgehend weg vom motorisierten Individualverkehr. Wo es notwendig bleibt, müssen klimaverträglichere Antriebe die Verbrennungsmotoren ersetzen. Wenn wir das Geld, das heute den Individualverkehr subventioniert, in den Öffentlichen Verkehr investierten, könnten wir auch im ländlichen Raum attraktive Angebote mit kurzen Taktzeiten und zu sehr günstigen Preisen (oder sogar kostenlos) anbieten. Wir brauchen sofort ein Verbot innerdeutscher Flüge und perspektivisch eine Möglichkeit die Zahl der Flüge insgesamt deutlich zu reduzieren.

Sollten wir Rad fahrende Veganer werden?

Schnell : Wir müssen weniger Fleisch essen. Wir müssen viel bewusster (und weniger) einkaufen. Häufig sammeln wir unnützen Müll an. Wir müssen wieder zu einem Leben finden, das nicht von Geld und ständiger Hetze geprägt ist, sondern vom Miteinander und der Achtung vor den Mitmenschen und der Natur.

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