Vor der Corona-Krise waren Konzerte in den Kirchen Bestandteil des Jahresprogramms, hier Christine Geitl (Homberg) mit ihrem Kollegen Gerd Schulz. ARCHIVFOTO: LO
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Vor der Corona-Krise waren Konzerte in den Kirchen Bestandteil des Jahresprogramms, hier Christine Geitl (Homberg) mit ihrem Kollegen Gerd Schulz. ARCHIVFOTO: LO

Wenn die Musik schweigt

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Er kam mit Macht, der erste Lockdown im Frühling 2020 und vieles blieb weiter eingeschränkt. Besonders betroffen sind immer noch musikalische und kulturelle Angebote und die Menschen, die dahinterstehen. Dazu gehören die Kirchenmusiker im evangelischen Dekanat Vogelsberg. Christine Geitl, Claudia Regel, Dr. Diana Rieger und Simon Wahby berichten.

Seit vielen Monaten schweigen nicht nur der Chorgesang und die musikalische Arbeit in der Gemeinschaft. Auch sind viele freischaffende Künstler fast schon ein ganzes Jahr ohne Einkünfte. Viele von ihnen sind den Kirchenmusikern verbunden. "Ein großer Teil unserer Tätigkeit in diesem Jahr war das Absagen und Umplanen von Konzerten", berichtet der Alsfelder Dekanatskantor Wahby, der genauso wie seine Kollegin Diana Rieger dennoch versucht hat, kleine Auftritte zu ermöglichen.

Allerdings sind gerade musikalische Veranstaltungen mit Publikum, so wie man sie kannte, auch in neuem Jahr noch immer fraglich. "Aus diesem Grund habe ich keinen Flyer und kein festes Programm für 2021 gemacht, wie ich es sonst tue", erläutert Rieger. Sie wird spontan planen, schauen, was geht und Musiker dazu einladen. Ihr Kollege Wahby plant Agenturkonzerte für das neue Jahr, stets mit den Pandemievorschriften im Blick.

Doch es sind ja nicht nur diese Angebote, die sich angesichts der Pandemie wandeln mussten. "Im März war ja von einem Moment zum anderen nichts mehr möglich", berichtet Claudia Regel. Sie ist Kantorin in Lauterbach, leitet mehrere Chöre und ist selbst Teil eines Duos, das in der Region auftritt.

Wie ihre Kolleginnen und ihr Kollege musste sie sich erst einmal von dem Schock erholen. Dann ging es daran, zum einen neue Wege des Miteinanders und der Kommunikation zu finden, zum anderen, sich und ihre Arbeit umzuorganisieren. Alle vier Kirchenmusiker berichten davon, dass die Zeit des Lockdowns im Frühling sich positiv auf die Ordnung ihrer Büros ausgewirkt habe: "Wir haben viel Liegengebliebenes aufgearbeitet", berichten alle vier.

"Man konnte sich auch der persönlichen Weiterentwicklung widmen, die sonst oft auf der Strecke bleibt", so Christine Geitl aus der Homberger Region. Tutorials und Webinare halfen ihr dabei, sich im Bereich Pädagogik weiterzubilden, aber auch die Lektüre von Fachzeitschriften stand bei ihr auf dem Plan. Musikalisch hat sie sich in kleinen Formaten geübt: Einzelunterricht für die Orgelschüler, Flöte spielen mit einem Kinderchorkind, Einzelstunden mit den Posaunenchorbläsern: "Es gibt doch einige, kleine Möglichkeiten unter Corona, die ein wenig Freude machen und schenken, so wie das regelmäßige Spiel vor dem Homberger Altersheim", sagt sie.

Simon Wahby nutzte die Zeit auch, um die Orgelrevision im Altdekanat Alsfeld zu starten. Dafür besucht er die Kirchen vor Ort, sichtet Orgelakten und protokolliert seine Beobachtungen. Claudia Regel hat ihr Talent als Kamerafrau und Cutterin für ihre Kirchengemeinde entdeckt und ausgebaut.

"Allerdings kostet es mehr Zeit als man denkt." Mehr Zeit als man denkt kostet auch das Umplanen und Neuaufteilen von Gruppen.

Auch die Arbeit in verschiedenen Gremien, die Planung, wie es mit der Kirchenmusik, den Gruppen und den verschiedenen Angeboten weitergehen könnte, welche Vorschriften zu beachten sind und die Organisation all dessen sind sehr aufwendig und beanspruchen die beiden Dekanatskantoren.

Alle vier waren und sind damit beschäftigt, an neuen Formaten in den Kirchen teilzunehmen: Online-Angebote, offene Kirchen, spontane Angebote je nach Möglichkeit. Und dann ist da ja auch noch die Kontaktpflege: "Wir mussten ja auch Wege finden, um mit den Menschen unserer verschiedenen Gruppen in Kontakt zu bleiben", gibt Wahby zu bedenken, "und online, also über Videokonferenz oder andere Tools ist es mit den Menschen ab einer bestimmten Altersklasse eben nicht ganz leicht. Und das Internet im Vogelsberg ist auch nicht besonders verlässlich." Doch die Kantorinnen und der Kantor waren kreativ: Sie kommunizierten über verschiedene Messenger oder hielten den Orgelunterricht per Telefon ab.

Chorarbeit geht nicht online

Gelitten hat der Chorgesang, der auch im Sommer mit der Möglichkeit draußen zu singen kaum wieder in Gang gekommen ist und nun schon wieder am Boden liegt. "Das schmerzt richtig", so Rieger. Sie teilt die Meinung ihrer Kollegen, dass Chorarbeit online so gut wie nicht möglich ist und dass man nur hoffen kann, dass diese so bald wie möglich wieder in Schwung kommen kann.

"Es geht vielen Menschen nicht nur um das Singen, sondern auch um die Gemeinschaft." Dennoch: Claudia Regel probiert es aus. Seit wenigen Tagen bietet sie Kantorei-Proben per Videokonferenzmodul an und findet das zwar ungewohnt, aber machbar.

"Es trifft ja alle irgendwie", so Christine Geitl, "da hilft nur eins: Trotz allem zuversichtlich bleiben, die gute Laune nicht verlieren, und wer kann, sollte mit den vorgegebenen Regeln kreativ musizieren oder singen, und sei es mit Anleitung zu Hause."

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