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Weniger Bauern - mehr Traktoren

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Von: Lena Karber

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Da Landwirte immer größere Flächen bewirtschaften müssen, steigt die Zahl der Traktoren pro Kopf. SYMBOLFOTO: PETER KNEFFEL/DPA © Red

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinkt seit Jahren, aber die Zahl der Traktoren tut das keineswegs. Im Vogelsberg gibt es inzwischen sogar deutlich mehr Schlepper, Trecker und Bulldogs als noch vor fünf Jahren. Matthias Born von der Firma Riess-Landtechnik weiß, was momentan gefragt ist.

Immer weniger Bauern haben immer mehr Traktoren in der Garage. Das geht aus einer Recherche des Themendienstes Südwest hervor. Während dem deutschen Bauern im Jahr 2010 noch fünf Trecker reichten, sind es heute im Schnitt sechs pro Gasfuß. Überraschend scheint das allerdings mitnichten. »Wenn die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland abnimmt, muss die gleiche Leistung von weniger Menschen gebracht werden«, sagt Matthias Born von der Firma Riess-Landtechnik mit Sitz im Hombacher Ortsteil Maulbach. »Und das schafft man nur, wenn man immer mehr technisiert und mehrere Maschinen vor Ort hat.«

Auch auf die Art der Nachfrage wirkt sich der strukturelle Wandel der Landwirtschaft nach Einschätzung von Born aus. »Der Trend ist, dass die Maschinen größer werden«, sagt er. »Wenn vor fünf oder sechs Jahren noch ein 100- oder 150-PS-Schlepper zu den größeren gehörte, merken wir ganz klar, dass es jetzt eher so in die 200- oder 250-PS Richtung geht«, sagt er. Das hänge wiederum damit zusammen, dass auch die Anbaugeräte immer größer werden und eine größere Arbeitsbreite aufweisen.

Da es im Vogelsberg auch einige kleinere Betriebe und Kleinstlandwirte gibt, ist das Sortiment der Firma allerdings weiterhin breit gefächert- und dementsprechend sind es auch die Preise. »Wenn wir von einem kleinen Traktor reden, sind wir bei 50 000 bis 60 000 Euro. Die größten mit 500 und mehr PS kosten dann tasächlich etwa 300 000 Euro«, sagt Born. Und auch, wenn der Trend in Richtung größerer Maschinen gehe, verkaufe man momentan weiterhin »eine gesunde Mischung«.

Im Vogelsbergkreis lag die Zahl der ›land- und forstwirtschaftlichen Zugmaschinen‹, wie die Bezeichnung offiziell lautet, Anfang 2021 bei 7438 und damit höher als vor vier Jahren. Bei zuletzt gezählten 1161 landwirtschaftlichen Betrieben haben die Landwirte hierzulande damit sogar mehr fahrbare Untersätze pro Kopf als im Bundesdurchschnitt.

»Der Vogelsberg ist eben ein Mischgebiet mit Grünland und Ackerbau«, sagt Born. Beides müsse gepflegt und bearbeitet werden und dafür brauche man die entsprechende Technik. Zudem sei die Landwirtschaft sehr heterogen. »Wir haben hier in dem Landkreis alles - vom Kleinstlandwirt bis zu dem großen Betrieb, vom Ackerbauer bis zum Milchviehbetrieb, der sein Gras schneidet und siliert«, sagt Born. »Deswegen liegen wir da wahrscheinlich ein bisschen über dem Schnitt.«

In den Verkäufen des Vogelsberger Unternehmens zeichnet sich neben der steigenden Größe der Fahrzeuge zudem noch ein weiterer Trend ab: die Digitalisierung der Traktoren. »Es gibt jetzt eine Standartsprache, wie etwa ein Anbaugerät mit einem Traktor kommuniziert«, sagt Born. Zentral sei das Thema Dokumentation. So kann der Hexler Bescheid geben, wie viel Ertrag bereits erzielt wurde. Und die Pflanzenspritze ist in der Lage, aufzuzeichnen, welches Mittel wann in welcher Menge auf welchen Flächen verwendet wurde. So etwas kann hilfreich sein, wenn der Staat Auskünfte verlangt. Zudem erleichtert die automatische Dokumentation Abrechnungen.

»Man muss den Landwirten gute Technik an die Hand geben, die einfach zu bedienen ist, damit sie das neben ihrer täglichen Arbeit machen können«, benennt Born die Ziele der nahen Zukunft. »Es geht darum, Bedienkonzepte zu verfeinern und den Landwirten zu helfen, Zeit zu sparen.«

Für die Branche bedeutet das auch eine Herausforderung. Denn je mehr elektrifiziert wird, desto komplexer wird es. »Ohne Fachwissen und Schulungen wird es in Zukunft schwieriger werden, Traktoren und Landmaschinen zu reparieren. Deswegen muss auch die Ausbildung von Mechatronikern vorangetrieben werden«, sagt Born.

Bei alten Fahrzeugen ist das deutlich einfacher, was so manchen Nostalgiker, Sammler und Bastler begeistert. Und so trägt »die wachsende Fangemeinde für alte Bulldogs« laut Zeitungsdienst Südwest neben der »Vollmechanisierung der Landwirtschaft« auch ihren Teil dazu bei, dass die Zahl der Traktoren steigt. »Gute alte Stücke werden immer wertvoller, je mehr Jahre sie auf dem Buckel haben«, heißt es dort. So koste ein Lanz D 9506 Baujahr 1954 heutzutage vollrestauriert online schon mal 95 000 Euro.

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