1. Gießener Allgemeine
  2. Vogelsbergkreis

Weg mit Orgel »von der Stange«?

Erstellt:

Von: Kerstin Schneider

Kommentare

kirche_110123_4c_1
Der aufwändig sanierte Innenraum der Kirche in Ober-Ofleiden mit der »bescheidenen« Orgel, die in den 1970er Jahren eingebaut wurde. © Kerstin Schneider

Soll die Kirchengemeinde Ober-Ofleiden viel Geld für die Wiederherstellung der historischen Orgel in der Kirche ausgeben? Diese Frage stellt sich dem Kirchenvorstand. Es gibt Zuschüsse, trotzdem bleibt ein erkleckliches Sümmchen zu stemmen.

Erfreuliche Nachrichten aus dem Bundestag verkündeten dieser Tage die heimischen Bundestagsabgeordneten Felis Döring (SPD) und Helge Braun (CDU). Aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm erhalte die evangelische Kirchengemeinde in Ober-Ofleiden 65 000 Euro »für die erst kürzlich wiederentdeckte Orgel«. Diese Unterstützung sei wichtig, denn der Erhalt von Kulturdenkmälern sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Durch die Förderung, auch gezielt der Sanierung und Modernisierung von Orgeln, solle die öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung des Instruments gestärkt werden. Einen »kleinen« Haken gibt es aber an der Sache. Die Wiederherstellung der Orgel würde für die Kirche insgesamt wohl zwischen 220 000 bis 240 000 Euro kosten.

Pfarrerin Melanie Pflanz teilte auf Anfrage mit, das Orgelprojekt habe noch nicht begonnen. Denn die Frage ist im Rahmen von 500 Gemeindemitgliedern auch die folgende: »Können wir uns das leisten?« Denn selbst wenn man noch weitere Fördergelder erhält, so werde mindestens ein Betrag von 25 000 Euro bleiben, den die Kirchengemeinde aus eigenen Mitteln aufbringen muss.

Die hinter dem Orgenprojekt steckende Geschichte ist etwas kurios. Wer kennt es nicht: Beim Aufräumen des eigenen Dachbodens findet wohl jeder mal eine Überraschung. Eine Überraschung der größeren Art wurde auf dem Dachboden der evangelischen Kirchengemeinde in Ober-Ofleiden entdeckt: Dort fand man bei Arbeiten den Orginal-Orgelprospekt der Kirche in einer Kiste eingelagert. Allerdings fehlt das Innenleben, das eigentliche Instrument. Genaues weiß der Orgelsachverständige der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Rainer Geitl, zu berichten. Der lobt die örtliche Kirche als schön restauriert mit einem entsprechenden Inneren. Das gelte aber leider nicht für die Orgel auf der Empore. »Ein eher bescheidenes Instrument«, das in den 1970er Jahren eingebaut worden war. »Optisch passt es gar nicht in den Kirchenraum, es ist ein absoluter Fremdkörper«, so Geitl. Und auch klanglich kommt es schnell an Grenzen.

Die einst vorhandene Orgel war vom Holzwurm befallen worden und die Mechanik entsprechend geschädigt. Angebote, das Orgelwerk zu reparieren, seien seinerzeit ausgeschlagen worden. Der Kirchenvorstand entschied stattdessen, eine neue, kleinere Orgel »von der Stange« zu kaufen und die alte zu entsorgen. Deren Gehäuse aus dem Jahr 1873 blieb aber erhalten und wurde ordentlich auf den Dachboden der Kirche in einer Kiste eingelagert.

Nun wurde vor einiger Zeit in einem Dorf in Südhessen ein denkmalgeschütztes Orgelwerk des seinerzeit in Hessen weithin bekannten Hoforgelbauers Georg Rothermel aufgegeben und es wanderte zwecks einer möglichen Verwendung ins Orgellager der Landeskirche. Dieses Orgelwerk von 1877 entspreche musikalisch und baulich fast völlig »dem einst in Ober-Ofleiden entsorgten«, so Geitl. »Und es ist klanglich sehr schön.«

Deshalb sei nun die Frage, ob man der historischen Kirche »wieder ihr originales Gehäuse mit einer passenden Denkmalorgel zurückgibt.«

Noch mehr ist über die Hintergründe bekannt, weiß Geitl. Denn der Erbauer des im Odenwald aufgegebenen Orgelwerkes hat auch in 1873 in Ober-Ofleiden ein Angebot abgegeben »und Georg Rothermel hätte wahrscheinlich genau diese Orgel dort auch eingebaut, wenn er den Zuschlag bekommen hätte«.

Doch man entschied sich für einen anderen Anbieter, der wohl einen günstigeren Preis machte. Warum nun ist die Restaurierung so teuer? »Fast 80 Prozent der Arbeiten im Orgelbau sind Handarbeit«, erklärt Geitl. Der sogenannte Spieltisch und die Windlade mit einer vierstelligen Anzahl von einzelnen Pfeifen müssen restauriert und an den Kirchenraum angepasst werden, »das gilt für jede einzelne Pfeife«. Allein das beschäftige zwei Orgelbauer über zwei bis drei Wochen. Die Prospektpfeifen mit einer Zinnlegierung machten allein einen fünstelligen Posten bei den Kosten aus. Zudem seien noch Schreinerarbeiten nötig.

Ein großer Aufwand. Diese Frage dürfte sich auch im Kirchenvorstand stellen. Geitl: »Es geht um den Erhalt von wertvollem Kulturgut. Eine Orgel ist ein technisches und musikalisches Denkmal. Und die Kirche in Ober-Ofleiden würde wieder ihr originales Orgelgehäuse als Vervollständigung der historischen Innenausstattung zurückerhalten.«

Zudem verweist er darauf, dass es für solche Vorhaben erhebliche Fördergelder gibt, unter anderem von der Stiftung Denkmalschutz, der Landesdenkmalpflege und aus dem Kulturförderprogramm der Bundesrepublik. Letztlich entscheidet aber die Kirchengemeinde vor Ort.

Auch interessant

Kommentare