Förster Peter Kraus (M.) und Bürgermeister Andreas Sommer (r.) erläutern Kommunalpolitikern die Lage im Gemeindewald. FOTO: RS
+
Förster Peter Kraus (M.) und Bürgermeister Andreas Sommer (r.) erläutern Kommunalpolitikern die Lage im Gemeindewald. FOTO: RS

Waldnutzung ohne Kettensäge

  • Rolf Schwickert
    vonRolf Schwickert
    schließen

Typische Vogelsberger Bäume wie Bergahorn und Esche sterben früh ab. Das Problem Borkenkäfer wird sich erledigen, wenn es keine Fichten mehr gibt. Was macht eine Gemeinde dann mit ihrem Kommunalwald? Teile der 380 Hektar von Mücke könnten für den Handel mit Ökopunkten genutzt werden. Das ist wenigstens ein Lichtblick, wie Förster Peter Kraus bei einem Waldrundgang erläuterte.

Holzeinschlag, Verkauf und Aufforstung - das war einmal. In Mückes Gemeindewald werden andere Schwerpunkte gesetzt. Denn nach zwei Jahren Trockenheit, dem Borkenkäferbefall und dem Eschentriebsterben weisen die verstreut liegenden Flächen in der rund 86 Quadratkilometer großen Gemeinde sehr viele junge Bäume und nur wenige alte auf. Geld verdienen nach der herkömmlichen Art, das werden die aktuellen Kommunalpolitiker nicht mehr erleben. Denn für Wiederauf- forstungsmaßnahmen wären nach Angaben von Bürgermeister Andreas Sommer rund 750 000 Euro nötig.

Bürgermeister Sommer kennt sich im Wald aus, er ist gelernter Förster. Kürzlich informierte er mit Peter Kraus, Revierleiter im östlichen Teil von Mücke, Kommunalpolitiker bei einem Waldspaziergang oberhalb der Grundschule Oberes Ohmtal zwischen Ober-Ohmen und Ruppertenrod. Kraus hatte bei dem rund zwei Kilometer langen Rundgang fünf sehr unterschiedliche Waldbilder ausgesucht, bei denen es um Altholzbestände, den Borkenkäferbefall, das Eschensterben und Wiederaufforstungen ging. Der Förster betreut rund 1500 Hektar zwischen der Poppenstruth und Flensungen.

Auch in normalen Jahren war die Vermarktung des Holzes aus dem Gemeindewald nicht einfach, führte Kraus in die Mücker Situation ein. Denn die Flächen liegen sehr zerstreut, viele weisen lediglich 0,2 Hektar (2000 Quadratmeter) auf, zusammen bilden diese Kleinstflächen fast 15 Hektar. Als Folge von Windwürfen und anderen Kalamitäten weise der Gemeindewald einen sehr jungen Bestand auf, und kaum ältere Bäume. "Das Geld wird mit den dicken Bäumen gemacht", warf dazu der Bürgermeister ein. So bleiben in Mücke also nur die Bestandpflege und Wiederaufforstung. Beides kostet Geld, bringt aber keines.

Unter den weit ausladenden Zweigen von einigen Habitatsbäumen (Buche und Eiche) erläuterten Kraus und Sommer andere Möglichkeiten der Geldeinnahme. Diese mächtigen Eichen oder Buchen sind aus der Holznutzung herausgenommen und begünstigen eine hohe Artenanzahl anderer Lebewesen in ihrer Umgebung.

Das ist nicht sonderlich neu, denn an einigen Stämmen sah man ein verwittert wirkendes "H" - Habitatsbaum. Wenn nun weitere Flächen aus der Holzwirtschaft genommen werden, lassen sie sich über Biotopwertpunkte verkaufen. Sommer nannte als Beispiel 70 000 Euro für einen Hektar, in dem der Holzeinschlag eingestellt werde. Positiver Nebeneffekt sei, dass sich die Gemeinde nicht von der Fläche trenne, sie nur zur anderen Nutzung vergebe. Dass das bereits eine alltägliche Praxis ist, erwähnte Kraus mit Hinweis auf Ulrichstein, wo rund 45 Hektar aus der Bewirtschaftung genommen seien.

Nur wenige 100 Meter sieht der Wald völlig anders aus: In Reih und Glied wachsen Fichten. Oder sollte man vor dem Hintergrund des Klimawandels "wuchsen" verwenden? Denn wegen Trockenheit und folgendem Käferbefall haben diese Anpflanzungen keine Zukunft. Den Stellenwert des Menschen macht Förster Kraus drastisch deutlich: "In 10 000 Jahren wird hier etwas anderes stehen. Für die Natur ist das egal, die hilft sich immer selbst. Die Menschen sind betroffen."

Vor Jahren sah man immer mal Borkenkäferfallen in den Wäldern, aber das hat sich als sinnlos herausgestellt. Von den Nachkommen eines Käferweibchens werden rund 400 Bäume pro Jahr befallen. So dienen Fallen nur noch statistischen Zwecken. In einer halben Stunde sind sie meist voll. Und wie kann man den Borkenkäfer bekämpfen? "Wenn die Fichte verschwindet, ist auch der Borkenkäfer weg", zeigt sich Kraus pessimistisch.

Diesen Weg wird auch die Esche gehen, seit neun Jahren lichtet ein aus Mittelasien eingeschleppter Pilz die Bestände. Ein größerer Bestand steht gegenüber dem Bahnhof Mücke, die Bäume müssen gefällt werden. Das Holz wurde gerne für Möbel und Werkzeuge genutzt.

Letzte Station ist oberhalb der Grundschule Oberes Ohmtal. Die Freifläche ist mehrere Fußballfelder groß. "Hier standen mal 850 Festmeter verwertbares Holz", informiert Sommer. Jetzt hat die Gemeinde einen Vermögensverlust von 40 000 Euro.

Wiederaufforstung kostet Geld, auf den gesamten Gemeindewald bezogen wären 750 000 Euro nötig. Also versucht man es billiger: Zwei Gatter zu je einem Hektar könnten aufgestellt werden, um Naturverjüngung vor Rehverbiss zu schützen. "Experimentelle Neubegründung" nennt das Sommer. Und er erwartet einen hohen Anteil von Birke. Der Wald verändert sein Aussehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare