Diese Jungs ergeben sich nahe Gießen den US-Truppen. Kindersoldaten und alte Männer bildeten das letzte Aufgebot des Nazi-Regimes. (GAZ-Archiv)
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Diese Jungs ergeben sich nahe Gießen den US-Truppen. Kindersoldaten und alte Männer bildeten das letzte Aufgebot des Nazi-Regimes. (GAZ-Archiv)

Als die Waffen endlich schwiegen

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Am 14. September 1939 erschien im Gießener Anzeiger die erste Gefallenenanzeige. Fünf Jahre und 196 Tage später geht der Zweite Weltkrieg in der Region zu Ende. Vor 75 Jahren eroberten US-Truppen die Stadt und die Dörfer im Umland. Noch einmal sterben Menschen, ehe die Waffen endlich schweigen.

24. März 1945:"Durch Oberhessen bewegt sich ein Strom von Parteifunktionären, von Soldaten und von flüchtender Zivilbevölkerung in Autos, auf Fahrrädern, Pferdefuhrwerken und zu Fuß über die Landstraßen, sowohl vom Main her wie auch aus Richtung Remagen und der Lahn kommend." So beschreibt Regierungsdirektor Richard Falck aus Mainz vor 75 Jahren die Flucht der hessischen Landesregierung, die "befehlsgemäß" von Darmstadt aus gen Oberhessen auszuweichen hatte.

Der 24. März 1945 ist ein Samstag. Gegen 16 Uhr tauchen Jagdbomber über Gießen auf. Es ist der 33. und damit drittletzte Luftangriff auf die geschundene Stadt. Ende November 1944 zählte Gießen noch 35 000 Einwohner, vier Monate später sind es weniger als die Hälfte. Um 22 Uhr eröffnet die 1. US-Armee aus dem Rhein-Brückenkopf von Remagen heraus ihre Großoffensive in Richtung Osten.

26. März:Die amerikanischen Panzerspitzen stehen an diesem Montag nur wenige Kilometer westlich Weilburg, am nächsten Tag erhält die 7. US-Panzerdivision den Befehl, weiter an der Lahn vorzurücken und die Übergänge bei Gießen und Marburg zu sichern. In den Morgenstunden des darauffolgenden Tages, dem 26. März, wird diese Order umgesetzt.

27. März:Für die Licher und Hungener ist der Krieg bereits am 27. März zu Ende. In einer Zangenbewegung rücken die Amerikaner an diesem Dienstag vor. Aus Richtung Süden kommend, nutzen ihre Panzerspitzen die Reichsautobahn Frankfurt-Hannover, um schnell durch die Wetterau vorzustoßen und östlich von Gießen die Falle gemeinsam mit den aus Westen kommenden Verbänden zu schließen.

28. März:Die Sherman-Tanks rücken entlang der Reichsstraße 49 aus Richtung Kleinlinden ins Gießener Stadtgebiet vor, nur kurz aufgehalten durch den Beschuss deutscher Flakgeschütze, die den Hauptbahnhof verteidigen sollen. Auf der anderen Lahnseite besetzen etwa zur gleichen Zeit Einheiten der 99. Infanterie-Division von Wetzlar kommend die Dörfer Atzbach, Kinzenbach, Heuchelheim, Launsbach, Krofdorf und Wißmar, Einheiten des 395. und 394. Infanterieregiments stoßen bis zur Linie Londorf, Beuern, Großen-Buseck und Staufenberg vor; auch Grünberg und Laubach erreichen die Amerikaner an diesem Mittwoch.

In den meisten Orten endet der Krieg so wie in Krofdorf-Gleiberg. Gegen 11.20 Uhr fahren dort die Amerikaner von Rodheim-Bieber kommend in das Dorf ein, das die - je nach Gefühlslage - Besiegten, Befreiten, Erlösten mit weißen Fahnen "geschmückt" haben. Auch in Lollar werden die Truppen des Feindes mit weißen Bettlaken empfangen; versprengte deutsche Einheiten ziehen sich in Richtung Alten-Buseck zurück.

Das Ende erleben die Menschen aber nicht überall unblutig. Drei deutsche und ein amerikanischer Soldat fallen, als deutsche Artillerie vom Kinzenbacher Bahnhof, von der "Hardt" und vom Allendorfer Wäldchen aus die auf Heuchelheim anrückenden Panzer schießt. Wißmar liegt unter Feuer, nachdem SS-Einheiten, die auch das Eisenbahn-Viadukt über die Straße Krofdorf-Gießen zerstört haben, einen US-Tank abschießen. Heftiger flammen Kämpfe nochmals in der Nacht zum 29. März auf, als sich in Großen-Buseck Deutsche und Amerikaner ein Panzergefecht liefern. Auch in der Reiskirchener Gemarkung, entlang der Reichsautobahn, wird noch gekämpft. Zwei Scheunen bei Bersrod stehen in hellen Flammen, nachdem deutsche Panzer von amerikanischer Artillerie zusammengeschossen worden waren und explodierten. Tags darauf wird zudem eine kleine deutsche Kolonne an der Autobahn aufgerieben. Überall entlang der vierspurigen Schnellstraße lassen die Deutschen ihr Kriegsgerät zurück und flüchten aus dem sich schließenden Kessel gen Osten. In der Nacht zum 29. März liegt auch das Oberdorf von Treis unter Beschuss amerikanischer Artillerie, wobei eine 11-Jährige ums Leben kommt. Die Besetzung des Dorfs am nächsten Tag erfolgt ohne Zwischenfall.

In Gießen geht die Einnahme am 28. März ohne größere Gefechte vonstatten. Entlang der Lahn leisten ein SS-Kommando und Kindersoldaten Widerstand, deren Versuch, die Lahnbrücke in Richtung Oswaldsgarten zu sprengen, scheitert. Im östlichen Stadtgebiet liefern sich absetzende deutsche Verbände am Nahrungsberg, an der Bergkaserne und in der Licher Straße mit den anrückenden Amerikanern Rückzugsgefechte. Am Abend ist die Stadt vollkommen in amerikanischer Hand, ohne dass es zu einer formellen Übergabe kommt.

Durch wen auch? In Gießen hat sich die politische Führung, die nach dem schweren Luftangriff vom 6. Dezember noch den Widerstandsgeist beschwor und noch Anfang März den "Plünderer" Willi Seipp hinrichten lässt, längst aus dem Staub gemacht. Ihr Ziel: Lauterbach im östlichen Vogelsberg, das freilich schon am nächsten Tag von US-Truppen besetzt wird. Nur rund 36 Stunden vorher hatten die Amerikaner die Lahn überschritten. In Oberhessen ist der Krieg zu Ende. Es ist Ostern 1945. Anderswo wird weitergestorben.

29. März:Aus dem Bericht des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht: "Schnelle feindliche Verbände sind in schmalen Abschnitten über Wetzlar bis in den Raum von Gießen/Marburg und aus einem Einbruch bei Hanau bis in die Gegend von Grünberg in Hessen vorgestoßen."

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