Sie kommen trotz der Kontaktbeschränkungen nicht umhin, ihre Patienten anzufassen: Physiotherapeut bei der Arbeit. In den Praxen gelten strenge Hygieneregeln. SYMBOLFOTO: DPA
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Sie kommen trotz der Kontaktbeschränkungen nicht umhin, ihre Patienten anzufassen: Physiotherapeut bei der Arbeit. In den Praxen gelten strenge Hygieneregeln. SYMBOLFOTO: DPA

Vorher Warteliste, jetzt Kurzarbeit

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
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Verkehrte Welt. Vor Wochen hatten Physio- therapeuten einen vollen Terminkalender, sie mussten Patienten vertrösten und auf die Warteliste setzen. Jetzt bleibt der Tagesplan oft leer. Und das, obwohl die Praxen in der Corona-Krise geöffnet bleiben durften. Zwei Therapeuten aus Mücke erzählen.

Vor der Krise hat er fünf Tage in der Woche von morgens bis abends gearbeitet. Jetzt sind es gerade zwei Tage in der Woche. Diese Art der Kurzarbeit wurde Claus-Jörg Wiedbrauck (Ruppertenrod) nicht etwa von einem Arbeitgeber auferlegt, wie es bei vielen Firmen wegen der wirtschaftlichen Flaute der Fall ist. Doch die Corona-Krise ist auch hier schuld.

Er durfte zwar wie alle anderen Physiotherapeuten weiterarbeiten, weil der Gesundheitsbereich "systemrelevant" ist. Aber viele Patienten bleiben in diesen Tagen einfach weg. Das liegt zum einen an den Ärzten, die angehalten sind, nur in den dringend notwendigen Fällen eine Verordnung auszustellen. Die ausgewählten Fälle, die behandelt werden dürfen, machen in der Regel nur einen kleineren Teil des Spektrums aus. Es liegt aber auch an Patienten, die Angst vor einer Ansteckung haben. Dabei ist er angehalten, alle möglichen Schutzmaßnahmen einzuhalten und hat erst vergangene Woche "für 200 Euro Hygienemittel eingekauft. Erstattet wird mir pro Rezept ein Euro." Nun müssen Behandler und Patient Mundschutz tragen, was gerade den älteren Menschen wenig behagt, hat Wiedbrauck erfahren. Das Ergebnis nach sieben Wochen Krise ist ein gravierender Verdienstausfall, während die Kosten weiterlaufen. Und was die Patienten angeht, so ist es nicht so, dass ihre Beschwerden plötzlich weggeblasen sind, gibt Wiedbrauck zu bedenken. Sie bleiben halt aus Angst zu Hause.

Nun doch unter Rettungsschirm

Die kuriose Situation: "Vorher hatten ich und viele andere Kollegen Wartelisten, wir waren überlaufen." Jetzt bleibt der Terminkalender oft leer. Er könne die Leute zwar verstehen, weil er selbst über 60 Jahre alt ist und damit zu den Risikogruppen gehört. "Ich muss aber trotzdem arbeiten." Nicht jeder sei in der komfortablen Lage wie etwa Beamte, die ihr Gehalt weiter beziehen oder Menschen, die von zu Hause aus arbeiten können. Ein weiterer Zweig der Arbeit ist ebenfalls betroffen: Besuche in den Altenheimen waren in den vergangenen Wochen tabu, wo Wiedbrauck und seine Kollegen aus anderen Praxen normalerweise ebenfalls tätig werden. Mit anderen Vertretern seiner Zunft hoffte er auf einen Rettungsschirm, war aber unsicher, ob der kommt. Gesundheitsminister Spahn hat jetzt aber zugesagt, dass Praxen einen Einmalzuschuss erhalten, 40 Prozent des Umsatzes aus dem letzten Quartal 2019. Als die Bundesregierung Rettungspakete für viele Berufe schnürten, waren die Physiotherapeuten zunächst durch das Netz gefallen. Wahrscheinlich weil sie zu keinem Zeitpunkt schließen mussten. Wiedbrauck macht klar, "dass wir nicht viele Reserven haben, um einen längeren Zeitraum zu überbrücken."

Thomas Frank aus Nieder-Ohmen nennt die Lage ebenfalls "katastrophal." Er betont, schon vor der Krise hätten er und seine Berufskollegen mit einem hohen bürokratischen Aufwand zu kämpfen gehabt. So sei der Aufbau von Rezepten inzwischen "sehr kompliziert." 17 Punkte darauf seien zu prüfen, "das war schon vor Corona mühselig." Durch die Krise sei der Aufwand noch höher und nervtötend geworden: "Die ganzen Sonderregelungen zu beachten, raubt viel Arbeitszeit." Derzeit könne er kaum planen, obwohl er ursprünglich vorhatte, seine Praxis zu erweitern. Jetzt ist er froh, wenn er den "Ist-Zustand" halten kann.

Ein Problem sei auch, das aus der Politik keine klaren Signale kämen. Frank berichtet, dass der Selbstzahlerbereich weggebrochen ist, "eine Masseurin musste ich deshalb zum Arbeitsamt schicken." Eine weitere Mitarbeiterin, schwanger, musste er wegen der Corona-Sonderregelungen früher, als geplant, nach Hause schicken.

Zudem sind Arbeitsbereiche wie in der Behindertenwerkstatt oder in Heimen weggefallen. Frank verweist auf einen strengen Hygieneplan in der Praxis, das gelte auch bei Hausbesuchen. Wegen diesen Anforderungen hätten einige Praxen ganz die Türen geschlossen. Er könnte hier vertretungsweise einspringen, sagt er, wenn nicht die vielen Unsicherheiten wären. Jetzt hofft er auf Schutzschirmmittel, "sie wären eine große Hilfe." Denn das Weiterarbeiten "Knopf auf Kante" sei nicht lange möglich.

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