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Vom Geist des Widerstands

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Von: Joachim Legatis

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Die Vorgeschichte zum Weiterbau der A 49, die Auseinandersetzungen um die Rodungen und Schlussfolgerungen daraus fasst Christa Seim in ihrem Buch zusammen. © DPA Deutsche Presseagentur

Über Monate hinweg haben die Rodungen für die Autobahn 49 viele Menschen in der Region bewegt. Die Maulbacherin Christa Seim hat auf 430 Seiten viele Berichte aus der Protestewegung zusammengefasst. Dabei kommen Politik, Polizei und überregionale Medien oftmals nicht gut weg.

Im »tiefen Loch der Resignation« hat sie damit angefangen. Nun ist das Buch zum Kampf gegen die Rodungen für die Autobahn 49 fertiggestellt. Die Maulbacher Naturschützerin Christa Seim hat darin subjektiv ihre Bilanz der Protestmonate gezogen. Sie blickt auf 430 Seiten mit vielen Fotos auf den Widerstand von örtlichen Naturschützern und Aktivisten von außerhalb zurück. Gut 90 Autoren kommen im Werk zu Wort.

Das Buch ist parteiisch, so wie Christa Seim Partei ergriffen hat. Es werden die Argumente ausgebreitet, die gegen den Bau einer Autobahn durch einen jahrhundertealten Dauerwald, ein Wasserschutzgebiet und Biotope sprechen. Dazu kommen Berichte vom Verlauf der Proteste auf den Straßen, am Waldboden und in Baumhäusern.

Eher nebenbei zeigen sich Veränderungen bei Christa Seim durch den breiten Protest. So hat sie geschlechterneutrale Sprache gewählt, die »Aktivisti«, »Bürgis«, also Mitgliedern der lokalen Bürgergruppen, und »Polizisti« kennt. Deutlich wird der Respekt, den sie den jungen Leuten zollt, bei denen die überwiegende Mehrzahl über Monate hinweg mit passivem Widerstand ihren Protest gegen die Rodungen ausgedrückt hat.

Im Gespäch sagt die ehemalige Lehrerin, »welch schweren Schaden meine Achtung vor der Polizei genommen hat«. Dabei meint Christa Seim weniger die einzelnen Beamten, sondern die Ohnmacht als Bürgerin gegenüber einer Phalanx gepanzerter Einsatzkräfte. Zu Zeiten der überhasteten Rodungen habe die Polizei kein Interesse an Deeskalation gezeigt, sagt sie.

Viel Unterstützung

Entstanden ist das Buch nach der Räumung, aus der Phase der Resignation heraus, wie Seim sagt. Seit Sommer 2019 ist sie aktiv gegen den Weiterbau der A 49 von Treysa bis Gemünden. Sie hat sich an Mahnwachen, Kundgebungen und Waldspaziergängen beteiligt. Als große Bereicherung versteht sie die Begegnung mit jungen Leuten, die Baumhäuser im Dannenröder Wald und in anderen Waldstücken errichtet haben. »Jeder konnte kommen und sich nach seinen Möglichkeiten einbringen«, erinnert sie sich.

Die Naturschützer aus der Region haben sich an Mahnwachen beteiligt und sonntags zum Spaziergang zu den Baumdörfchen eingeladen. »Das waren fast Pilgergänge in den Wald.« Viele Menschen aus der Umgebung haben Baumaterial und veganes Essen gespendet, »das war eine tolle Unterstützung«. Die Anwesenheit der Beobachter aus Bürgerinitiativen sei bei der Räumung wichtig gewesen, um Eskalationen zu mindern. Denn nach ihrem Eindruck herrschte bei den Rodungen ein immenser Zeitdruck. Seien vor den Räumungen »noch zugängliche Vogelsberger Beamte« eingesetzt gewesen, »kamen nun Hundertschaften von außerhalb. Das Verhalten der Polizei war alles andere als deeskalierend«, ist ihr Fazit.

Das wird im Buch unterschiedlich eingeschätzt. So kommt ein kirchlicher Beobachter zu Wort, der den weitaus meisten Polizisten und Aktivisten ein besonnenes Verhalten attestiert. Auch ist von »guten Gesprächen« mit Polizisten die Rede. In einem anderem Bericht wird eine »ziemliche Brutalität gegen Demonstranten« durch Beamte kritisiert.

Das Buch verweist auch auf Aspekte am Rande. So traten Musiker der »Lebenslaute« mehrfach auf, der Pianist Igor Levit spielte und die Theatergruppe Antagon trat in Aktion.

Christa Seim greift auch das Gefühl von Ohnmacht inmitten einer Demokratie auf. So standen 30 bis 50 Maulbacher bis zu 2000 Polizisten bei Rodungen nahe dem Homberger Stadtteil gegenüber. »Das war wie eine Belagerung«, erinnert sie sich. Verärgert ist sie über viele Medienberichte, vor allem in überregionalen Zeitungen und TV-Beiträgen. Dort sei dem Polizeibericht mehr Gewicht gegeben worden als Stimmen aus der Bürgerschaft und von Aktivisten. »Der Protest wurde kriminalisiert. Lokale Medien waren da deutlich ausgewogener«. Noch kritischer geht sie mit den politischen Parteien um. »Es ist eine große Enttäuschung, dass uns die Politik nicht gehört hat.« Neben Beobachtern aus der Partei »Die Linke« waren Vertreter der Grünen vor Ort, aber deutlich weniger. Unverständlich ist für Seim, »dass Politiker der übrigen Parteien nicht auf die Argumente zu Planungsfehlern und Alternativlösungen gehört haben«.

Was für sie als Fazit bleibt? »Man fühlt sich als Bürgerin eines demokratischen Landes hilflos gegenüber der Staatsmacht.« Positiv sei das Zusammentreffen mit Waldschützern aus der ganzen Republik gewesen.

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Christa Seim mit Buch vor der Trasse der Autobahn. © Joachim Legatis

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