Dem Appenröder Ortsvorsteher Richard Fleischhauer hat die Telekom den ISDN-Aschluss, den er auch beruflich nutzt, abgeklemmt. Jetzt nutzt er wieder sein Telefon von anno dazumal. FOTO: PM
+
Dem Appenröder Ortsvorsteher Richard Fleischhauer hat die Telekom den ISDN-Aschluss, den er auch beruflich nutzt, abgeklemmt. Jetzt nutzt er wieder sein Telefon von anno dazumal. FOTO: PM

Mit Vollgas zurück in die 1960er

  • Kerstin Schneider
    vonKerstin Schneider
    schließen

Der Bedarf an schnellem Internet ist in Hessen weitgehend gedeckt. Das verkündete ein Sprecher des Landes dieser Tage. Wie bitte?, fragen sich da viele Vogelsberger, die abgehängt von der digitalen Welt in ihrem Dorf sitzen. Beim Appenröder Ortsvorsteher Richard Fleischhauer ging die Zeitreise jetzt in die 1960er Jahren zurück.

Rund 90 Prozent aller Hessen haben Zugang zu schnellem Internet, frohlockte Georg Matzner vom hessischen Digitalministerium kürzlich. Immerhin räumte er dann ein, dass die Lage im Vogelsberg "noch nicht so gut" sei. Das liege unter anderem daran, dass das Verlegen der Glasfaserkabel "wegen des Vulkangesteins" so schwierig sei. Die Leitungen müssten oft durch das Gestein hindurch verlegt werden. Ein weiteres Problem sei die geringe Einwohnerdichte. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass es über Jahre einen Hickhack darüber gab, wer den Breitbandausbau vornimmt. Das mündete am Ende in einen Ausbau-Flickenteppich. Zudem waren die bürokratischen Hürden, um an Fördergelder zu gelangen, hoch.

Der Appenröder Ortsvorsteher Richard Fleischhauer ist schon länger in Sachen schnelles Internet aktiv, obwohl ztwischendurch auch bei ihm mehr als einmal der Geduldsfaden bis zum Zerreißen gespannt war, wenn es wieder hieß, dass es nun bald so weit sei mit dem Ausbau. Er schildert jetzt ein Erlebnis aus diesen Tagen und merkt an: "Dörfer schalten den Rückwärtsgang ein, es geht zurück in die 1960er Jahre." In der Zeit von Corona und Homeoffice wurde bei Fleischhauers in Appenrod der ISDN-Anschluss seitens der Telekom gekündigt, wie bei vielen anderen Bewohner im Dorf auch.

Für die Telekom ist ISDN ein längst veralteter Standard, sie will die Kunden auf die sogenannte IP-Technik umstellen. Eine echte Alternative zu ISDN gibt es aber ohne Breitband-Internet nicht. "Fein raus" sind in dieser Lage nur Kunden mit einem alten Analoganschluss. In dieser Logik hat also ein Techniker von der Telekom Fleischhauers ISDN-Anlage abgeklemmt und dafür eine analoge TAE-Steckdose für den Anschluss eines analogen Telefons installiert. Der separate Fax-Anschluss mit der dazugehörigen Rufnummer sowie eine weitere Rufnummer wurden komplett gekündigt und stehen ihm nun nicht mehr zur Verfügung. Eine Alternative konnte die Telekom nicht bereitstellen, da es in Appenrod kein kabelgebundenes Internet gibt. Und die Telekom ist nicht dazu verpflichtet, ISDN anzubieten. Zurzeit laufen Verhandlungen mit der Stadt Homberg und dem Internetanbieter GöTel, der den digitalen Ausbau im Ort unbedingt vornehmen wolle, "obwohl wir uns per Unterschriftenaktion im letzten Jahr gegen diese Firma ausgesprochen haben" (die Alsfelder Allgemeine Zeitung berichtete).

Zum Glück habe der Ortsbeirat vor wenigen Jahren und zum Teil in Eigenleistung einen alten Laternenpfahl am höchsten Punkt von Appenrod aufgestellt. Dort habe ein Dienstleister Antennen angebaut und bringe mit einer Richtfunkstrecke aus dem 14 Kilometer entfernten Stadtallendorf das Internet ins Dorf. Mit einer Geschwindigkeit bis zu 16 Mbit/s ist es zwar keine Daten-Rennstrecke, aber in Zeiten von Corona sind die Appenröder für jedes einzelne Mbit/s sehr dankbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare