Vogelsberg soll gentechnikfreie Region werden

Vogelsbergkreis (jol). Der Vogelsberg auf dem Weg zur gentechnikfreien Zone. In der Sitzung des Landwirtschaftsausschusses kündigte 1. Kreisbeigeordneter Manfred Görig an, dass die Verwaltung prüft, wie man agro-gentechnikfreie Produkte eindeutig auszeichnen kann.

Vogelsbergkreis (jol). Der Vogelsberg auf dem Weg zur gentechnikfreien Zone. In der jüngsten Sitzung des Landwirtschaftsausschusses kündigte 1. Kreisbeigeordneter Manfred Görig nach der Diskussion mit Dr. Peter Hamel von »Zivilcourage Vogelsberg« an, dass die Verwaltung prüft, wie man agro-gentechnikfreie Produkte eindeutig auszeichnen kann. Auf den Verbraucher kommt es an, wenn man Milch, Fleisch und andere Nahrungsmittel von gentechnisch veränderten Pflanzen freihalten will, hieß es. So sollen Restaurants, Bäckereien und Bauernhöfe mit dem Label »Ohne Gentechnik« ausgestattet werden – auch als Tourismuswerbung.

In der Ausschuss-Debatte unter Leitung von Gerhard Herchenröder (Grüne) über einen Antrag der Linken gab es auch kritische Anmerkungen zu dieser Bevorzugung der gentechnikfreien Landwirtschaft. So verwies Klaus-Peter Mütze darauf, dass gentechnikveränderte Produkte weit verbreitet seien, so bei der Käseherstellung.

Mario Döweling kündigte für die FDP an, dass man »forschungsfeindliche« Vorhaben nicht mittrage. Das wies Dr. Peter Hamel weit von sich, weil nur der Marktführer bei Agro-Gentechnik, Monsanto, forschungsfeindlich sei: Er erlaube »keine unabhängige wissenschaftliche Forschung mit vom Konzern hergestellten Gentech-Produkten«. Deshalb greift Zivilcourage auf Erfahrungswerte aus den USA zurück, die Gefahren durch gentechnisch veränderte Produkte vom Acker aufzeigen.

Herchenröder wies darauf hin, dass er sich mehrfach bemüht habe, Forscher zum Thema von der Universität Gießen zur Beratung über einen Linken-Antrag hinzuzuziehen, sie hätten aber wegen Terminüberschneidungen abgesagt. So stand das Referat Hamels im Mittelpunkt. Der Landwirt aus Schwalmtal wendet sich seit Jahren in der Initiative Zivilcourage Vogelsberg gegen Agro-Gentechnik. Seine Kritik: Landwirte gehen ein großes Risiko ein. So würden Folgen von Verunreinigungen benachbarter Äcker am Landwirt hängen bleiben, Versicherungen hierfür gibt es nicht. Zudem klagten US-Landwirte über die Vermehrung von Unkraut, das inzwischen gegen das Mittel Glyphosat (Round up) resistent ist. Das ist deshalb tragisch, weil 87% der gentechnisch veränderten Pflanzen gegen Glyphosat resistent sind und somit immer mehr Äcker nicht mehr mit Gentech-Pflanzen bebaut werden könnten.

Zur Erinnerung: Gentech-Pflanzen sollen höheren Ertrag bringen, weil sie auf Äckern wachsen, die mit Glyphosat freigeräumt werden. Über mehrere Jahre hinweg sinke der Bodenertrag.

Verbraucher für regionale Produkte

Hamel wies auf weitere negative Folgen der Gentech-Nutzung hin. Glyphosat bindet Mineralien im Boden, Gentech-Soja als Viehfutter enthalte zu wenig der lebenswichtigen Stoffe, Fehlgeburten seien die Folge. Die veränderten Genstücke gingen auf Bodenbakterien über und würden in Getreide, Fleisch und Milch finden. In den USA wurde eine Zunahme von Magenbeschwerden (Reizmagen) seit Einführung der Gentechnik-Landwirtschaft festgestellt, so Hamel.

Die Kritik an »grüner« Gentechnik werde von vielen Verbrauchern geteilt, in Deutschland sind 75% dagegen. Zivilcourage hat deshalb im Vogelsberg 1000 private Unterstützer. Über 200 Landwirte haben sich der Einkaufsgemeinschaft für Futtermittel ohne Gentechnik angeschlossen. Rund ein Drittel der 66000 Hektar Landwirtschaftsfläche im Kreis gehören zu Betrieben, die auf gentechnikfreie Wirtschaftsweise überprüft werden.

Entspannter sieht Klaus-Peter Mütze die Entwicklung. Der Chef des Amts für den ländlichen Raum erinnerte daran, das Glyphosat seit 30 Jahren auch im Vogelsberg ohne Probleme genutzt wird. Und die Gentechnik greife eigentlich nur moderne Formen der Züchtung von Pflanzen auf. Nicht zuletzt werde die Technik bei der Herstellung von Käse und Joghurt genutzt. Selbst in Schokolade sind Soja- und Weizenbestandteile aus Gentechnik-Anbau zu finden – »und dennoch beiße ich gern in die Schokolade«.

Kreislandwirt Nobert Reinhardt ergänzte, dass im Vogelsbergkreis keine Fläche mit Gentechnik-Pflanzen bebaut ist. Der Bauernverband warne vor der Technologie allein schon wegen der Abstände, die dann zu Nachbarn eingehalten werden müssen. In Deutschland gebe es eine effektive Lebensmittelkontrolle, ein Problem sei aber der weltweite Handel. So sind Hormone bei Rindermästung in USA und Argentinien erlaubt, die es bei uns nicht sind. »Wir müssen hart dafür arbeiten, dass Verbraucher regionale Produkte kaufen.«

Für gentechnikfreie Modellregion

Hamel meinte, dass die Zivilcourage-Landwirte auch bei Futtermitteln auf gentechnikfreies Material achten. Zudem unterscheide sich Gentechnik von normaler Pflanzenzucht dadurch, dass Artgrenzen überschritten werden. So können Genstücke aus Tieren auf Pflanzen übertragen werden. Die Kritik von Hans-Ulrich Schmidt (Freie Wähler) an höheren Kosten für Futter ohne Gentechnik wies Hamel zurück, weil die Einkaufsgemeinschaft die Kosten für Futtermittel unter das Niveau von Gentech-Ware senkt. Schmidt sieht als besonderes Problem der Gentechnik an, dass die Landwirte dann nicht mehr wie bisher Saatgut aus eigener Produktion für die nächste Saat haben. Das ist mit den patent-geschützten Pflanzen nicht erlaubt. Eva Goldbach (Grüne) fügte an, dass Ackerland immer wertvoller werde. Da sei es gut, gentechnikfreie Modellregion zu sein. Cornelia Bothe (Grüne) verwies darauf, dass Pollen durch Bienen bis zu 5 Kilometer im Umkreis verteilt werden, Abstandsgrenzen seien sinnlos. Mario Döweling (FDP) befürwortete kontrollierte Tests mit den Pflanzen. Vollerwerbs-Landwirt Schmidt meinte, er habe nichts anderes von der »sehr industriefreundlichen« FDP erwartet.

Manfred Görig sagte zu, dass die Fachabteilungen der Kreisverwaltung die vier konkreten Vorschläge der Zivilcourage prüfen. Danach wird im Ausschuss weiter beraten. Zivilcourage will eine Kennzeichnung von Betrieben, die komplett ohne Gentechnik arbeiten; Tourismus-Werbung mit dem Thema Gentechnik-frei; Werbung bei Bürgermeistern für gentechnikfreie Bewirtschaftung von Pacht-Grundstücken; gentechnikfreies Essen in Schulen und Krankenhaus.

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