Der Gilgbach bei Ulrichstein.
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Der Gilgbach bei Ulrichstein.

Vogelsberg geht das Wasser aus

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Der Vogelsberg exportiert Wasser nach Frankfurt, im Kreis gilt aber seit Monaten ein Entnahmeverbot aus Bächen und Teichen. Auch wenn das zwei verschiedene Grundwasserschichten betrifft, ist festzustellen, dass viele Quellen trockenfallen. Die Dürre ist spürbar, wie das Beispiel Ulrichstein zeigt.

Die Ohmquelle bei Ulrichstein bietet ein Bild des Jammers, ein dünnes Rinnsal tropft aus einem Rohr in einen zugewachsenen Graben. Wo ein munteres Plätschern zu hören sein sollte, ist es still. Ulrichstein ist nur ein Beispiel für einen Trend in der Region.

Das Fichtensterben und trockene Quellen sind deutliche Zeichen dafür, dass sich der Vogelsberg wandelt. Naturschützer beobachten mit Sorge die Lage. So fasst Cécile Hahn von der Schutzgemeinschaft Vogelsberg eine Reihe von Beobachtungen zusammen. "Die Bilder der Bäche und Quellen, die uns erreicht haben, zeigen, wenn überhaupt, nur minimale Wassermengen. Sie sind teilweise ganz trocken gefallen." Auch im vergangenen Jahr habe es viel zu wenig geregnet. Deshalb ruft die SGV dazu auf, die Wasserstellen zu beobachten und monatlich Bilder zu machen.

Auf eine kritische Lage insbesondere im hohen Vogelsberg weist Dr. Wolfgang Dennhöfer (BUND) hin. In den letzten drei Sommern sind immer wieder Quellen ausgetrocknet, auch die der Schwalm. Grund ist, dass die oberflächennahen Grundwasserspiegel an vielen Orten abgesunken sind. Der Winterregen kann die trockenen Sommer nicht mehr ausgleichen, so Dennhöfer. Ein guter Teil der Niederschläge ging als Starkregen nieder, dann fließt das Wasser schnell ab statt zu versickern. Erkennbar sei der Wassermangel auch in niedrigeren Lagen wie in Antrifttal.

Das Problem hängt nicht nur mit dem Klimawandel zusammen, wie Rüdiger von dem Borne von der Naturschutz- initiative (NI) sagt. Er hat sich intensiver mit dem oberen Bereich des Flusssystems Ohm in Ulrichstein und Mücke beschäftigt.

Die Ohmquelle liegt oberhalb von Ulrichstein. Gilgbach und Streitbach vereinigen sich unterhalb von Groß-Eichen zum Ilsbach. Dieser fließt in den Seenbach, der zwischen Merlau und Kirschgarten in die Ohm übergeht.

Der Seenbach wird vor der Mündung in die Ohm aus einem Einzugsgebiet von 96,4 Quadratkilometern gespeist. Das Wasser der Ohm stammt vor der Mündung des Seenbachs aus einem Einzugsbereich von gerade einmal 28,3 Quadratkilometern. Der kleinere Einzugsbereich ist ein Grund dafür, dass der Oberlauf der Ohm weniger Wasser führt als der nahe Gilgbach.

Die Quellgebiete Streitbach und Gilgbach liegen im Oberwald, so von dem Borne. Die Quellen des Seenbachs liegen im Grünland, im weiteren Verlauf speist sich der Zufluss ebenfalls aus Wäldern. Die drei Quellbereiche sind eingebettet in das FFH-Areal Hoher Vogelsberg, also ein Naturschutzgebiet.

Die Kernstadt Ulrichstein bedeckt etwa ein Viertel des Einzugsgebietes der Ohmquellen, gerechnet bis auf Höhe der Abzweigung der Landstraße nach Stumpertenrod. Der Waldanteil ist geringer und stark geschädigt, wie man im Bereich Eckmannshain sehen kann.

Der Quellbereich der Ohm sei von landwirtschaftlich intensiv genutzten Wiesen umgeben. Diese können Niederschläge kaum speichern. Diese Speicherfähigkeit ist aber für eine gleichmäßige Wasserabgabe entscheidend. Es komme sonst in Dürrezeiten zum Trockenfallen von Bächen. Bei Starkregen treten Überschwemmungen zum Beispiel im Gemeindegebiet Mücke auf, wo die Gewässer zusammenfließen.

Für die im Oberwald und am Petershainer Hof entspringenden Bäche wird durch den höheren Anteil von speicherfähigem Waldboden das Wasser wesentlich gleichmäßiger abgegeben. In den Quellgebieten von Gilgbach und Seenbach gebe es kaum überbaute Flächen. Beim Streitbach weisen Karten einen mäßigen Anteil Siedlungsfläche auf, auch dort gebe es immer wieder Probleme mit Trockenheit.

Bausünde an der Ohmquelle

Bei der aus touristischen Gründen 1991 gefassten "Ohmquelle" handelt es sich lediglich um ein Drainagerohr, das zur Trockenlegung der Wiese verlegt wurde. Alte Landkarten zeigen die Ohmquelle etwas weiter östlich. "Sie ist aber ebenfalls durch das Trockenlegen von Grünland inzwischen verschwunden", bedauert von dem Borne.

Der Zulauf von der alten Quelle wurde mit einer Schutzhütte neben der gefassten Quelle überbaut. Der Graben von der alten Quelle mündet in ein Betonrohr unter der Schutzhütte. Am Ufer wurde ein geschotterter Wanderweg zur neu gefassten Quelle angelegt, der somit in nächster Nähe zur Flächenversiegelung beiträgt: "Ich betrachte dieses Projekt daher durch und durch als Bausünde", sagt von dem Borne. Auf der Wiese südlich hiervon wurde ein Umspannwerk der OVAG errichtet. Das Bauwerk bedeutet Flächenversiegelung und dürfte zur Minderung der Quellschüttung beigetragen haben. "Ich kann mich noch erinnern, dass die Wiese südlich des Umspannwerks eine sehr wasserreiche war, auf welcher Sumpfdotterblumen wuchsen", sagt von dem Borne. Diese Wiese wurde entwässert und speichert keine Niederschläge mehr.

Die Trinkwasserentnahme für die Ballungsräume dürfte zusätzlich zur Verschlechterung beigetragen haben. Die Jahre 2018 bis 2020 waren ungewöhnlich trocken, was vermutlich eine Auswirkung des Klimawandels ist. Dies dürfte sich auf einen zugebauten Quellbereich gravierender ausgewirkt haben als auf solche mit weniger Belastungen.

Immer mehr Boden verdichtet

Durch die Trockenperioden wurde der Wald erheblich geschädigt. Um diese Waldschäden aufzuarbeiten, kamen vermehrt Harvester zum Einsatz. Diese schweren Erntemaschinen tragen zu einer Verdichtung des Waldbodens bei. Das beeinträchtigt dessen Speicherfähigkeit von Wasser.

Die Trockenheit im Einzugsbereich der Ohmquellen im Vergleich zu den Quellbereichen von Seenbach, Gilgbach und Streitbach zeigt das Zusammenwirken vieler Faktoren, die enormen Druck auf die verbliebene Natur ausüben. Das Hauptproblem seien weiter wachsende Siedlungs- und Gewerbeflächen und eine immer intensivere Land- und Forstwirtschaft, so von dem Borne.

Das schädige die Böden und mindere die Wasserrückhaltung. Immer mehr Flächen für Siedlungen und Landwirtschaft sowie quellnahe Biotope werden entwässert. Dadurch fließt Wasser schneller ab. Das Verebben der Wasserführung ist außer auf trockenen Grenzstandorten nicht primär eine direkte Folge einer Klimaänderung. "Die letzten Trockenjahre offenbaren schonungslos die Sünden der Vergangenheit."

Die Naturschutzinitiative könne nicht erkennen, dass die Hauptakteure die nötigen Schlussfolgerungen ziehen. Stattdessen werde oft alles allein der Klimaerwärmung zugeschrieben. Entscheidend für das Gedeihen von Wäldern sei aber die Verfügbarkeit von Wasser. Von dem Borne fordert, "viele Praktiken der Landnutzung auf den Prüfstand zu stellen".

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