Im rechten Teil des Gebäudes "Braunes Haus" wurden nach dem 2. Weltkrieg Schüler unterrichtet. FOTOS: PM
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Im rechten Teil des Gebäudes "Braunes Haus" wurden nach dem 2. Weltkrieg Schüler unterrichtet. FOTOS: PM

Unterricht vor 72 Schülern

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Lehrer können alles. Diesen Eindruck muss man bei Karl Erb gewinnen. Der erste Leiter der Nieder-Gemündener Pestalozzischule hatte bereits seit 1939 im Dorf unterrichtet, er jobbte in der Firma Tobro, prägte die Kommunalpolitik, war Chorleiter und Sportvereinsvorsitzender. Im Rückblick zur 1250-Jahr-Feier des Dorfes wird auch an die Anfänge des Kindergartens erinnert.

Karl Erb hat das kulturelle Leben Nieder-Gemündens nach dem 2. Weltkrieg geprägt wie kein anderer. Seine Tätigkeit im Ort begann jedoch schon am 1. August 1939. Für 170 Reichsmark unterrichtete er täglich 72 Schüler. Bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er durch seine Tätigkeit als Dolmetscher zwischen den US-Soldaten und der heimischen Politik wesentlichen Einfluss.

Um seine Familie zu ernähren, hat er im Anwesen Österreich für die Índustrieschreinerei Tobro, heute würde man sagen, gejobbt. Ein dabei hergestelltes Nähkästchen aus dem Jahr 1946 erfüllt noch heute im Haushalt der Tochter Elsbeth seine Funktion.

Erster Schulleiter und Rektor der 1968 eingeweihten Pestalozzischule war Karl Erb. Weil zu dieser Zeit noch Residenzpflicht für Lehrer herrschte, hatte er seinen Wohnsitz unmittelbar neben der Schule. Danach wohnte in diesem Gebäude der Lehrer und Sprachheilbeauftragte Herbert Hüttl mit seiner Familie, heute befindet sich das Haus in Privatbesitz.

Als Junglehrer war es Erb ein besonderes Anliegen, die jungen Menschen an Bildung heranzuführen, sei es durch die Organisation von Vorträgen oder die Einrichtung einer Volksbibliothek. Viele Nieder-Gemündener haben ihm ihren Bildungs- und Berufsweg zu verdanken, indem er sie durch persönliche Gespräche auf diesen Weg vorbereitete.

Bei den Recherchen zu diesem Bericht stieß der Autor oft auf die Aussage: "Do koam de Erb zou meine Ellern en sat, der/däi gitt weirer of die Schoul. En so woats gemoacht. Gottseidank."

Karl Erb brachte sich auch in das dörfliche Leben weit überdurchschnittlich ein, als Chronist wurde er bereits erwähnt. Hinzu kommen seine Tätigkeiten als Organist, Mitglied des Kirchenvorstandes, Chorleiter, Erster Beigeordneter, Gemeindevertreter und Vorsitzender des Sportvereines Nieder-Gemünden sowie Vorsitzender des DRK-Ortsverband Bleidenrod. Für sein Wirken erhielt er 1975 das Bundesverdienstkreuz am Bande und 1980 den Ehrenbrief des Landes.

Kindergarten spät eingerichtet

Wenn auch die Aufzählung lückenhaft ist, so kann abschließend festgestellt werden, mit seinem Charisma, seiner Empathie und Lebensfreude sowie dem gleichzeitigen von Herzblut geprägten Zusammenwirken mit Bürgermeister Schäfer hat er das Leben der Gemündener in hohem Maße positiv geprägt.

Am 31. Januar 1975 ging er in den Ruhestand. All dies wäre nicht möglich gewesen ohne seine Pauline, die er am 13. Mai 1939 heiratete. Ihr Bonmot "Mein Mann dankt" ist vielen Lesern dieser Zeilen mit Sicherheit in Erinnerung.

Während eine Schule im Dorf Nieder-Gemünden erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt wird, ist die Einrichtung einer Kinderbetreuung vor dem Schulalter deutlich jüngeren Datums. Nach den Recherchen zum Kindergarten ist zu berichten, dass es Anfänge eines Kindergartens in Nieder-Gemünden bereits während des Zweiten Weltkrieges gab. Die Räume waren im sogenannten "Braunen Haus" in der Eckengasse, der heutigen Brunnengasse. Unmittelbar nach Kriegsende verlieren sich jedoch die Spuren eines Kindergartens.

Dem Alsfelder Kreisanzeiger vom 23. Juli 1959 ist dann zu entnehmen: "Vor und während des Krieges war in Nieder-Gemünden eine der sozialsten Einrichtungen des Dorfes, ein Kindergarten, vorhanden. Es nimmt daher nicht wunder, dass der Gemeindeverwaltung aus allen Bevölkerungsschichten und ganz besonders von den bäuerlichen Familien mit kleinen Kindern immer wieder der Wunsch nach Wiedereinführung eines Kindergartens vorgetragen wurde. Da allerdings die Finanzierungsfrage nicht zu lösen war, "wird wenigstens ein Kinderspielplatz geschaffen". Bereits im September 1959 wurde dieser feierlich eröffnet, er befand sich auf dem heutigen Kirmeszeltplatz. Der Kindergarten Siebenstein der Großgemeinde Gemünden hat seinen Standort in Nieder-Gemünden. Weil er jedoch erst am 9. Oktober 1977 eingeweiht wurde, hatte die selbstständige Gemeinde Nieder-Gemünden vorher kein eigenes Kindergartengebäude.

Kinder von Nieder-Gemünden besuchten in den 1970er Jahren den Kindergarten in Homberg.

Im laufenden Jahr 2020 gehen 24 Kinder aus Nieder-Gemünden in die örtliche Kindertagesstätte. In der Kindertagesstätte Siebenstein werden insgesamt 89 Kinder in fünf Gruppen, davon eine Krippengruppe (ein- und zweijährige Kinder) betreut.

Nicole Schlosser hat die stellvertretende Leitungsfunktion inne, unterstützt wird sie dabei von 13 weiteren Erzieherinnen und einem Erzieher, drei Praktikantinnen, einer Köchin, einem Busfahrer und zwei Reinigungskräften. Neben den Gruppenräumen gibt es einen Turnraum mit Bewegungsbaustelle. Die kommunalen Gremien sind derzeit mit der Frage einer Modernisierung und Erweiterung beschäftigt.

Im Zusammenhang mit dem Ausweis eines neuen Baugebietes zwischen den zusammenwachsenden Ortsteilen Burg- und Nieder-Gemünden ist eine modern aufgestellte Kindertagesstätte ein Standortvorteil für junge Familien, Arbeitsplätze und Unternehmen.

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