Mario Döweling FOTO: JOL
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Mario Döweling FOTO: JOL

Unerwartet dem Wolf begegnen

  • Joachim Legatis
    vonJoachim Legatis
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Auf das Leben mit dem Wolf als Nachbar müssen sich die Vogelsberger einstellen. Seit Längerem hat eine Grauwölfin in der Region Ulrichstein ihr Revier. Von Begegnungen mit dem Raubtier im Wald kann Jagdpächter Mario Döweling erzählen. Er plädiert für einen "Runden Tisch" mit Landwirten und Politikern.

Mit einigen Bauern im Hohen Vogelsberg gehört Mario Döweling zu den wenigen Menschen, die schon eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht mit der Wölfin hatten. Im Herbst 2019 saß er auf einem Hochsitz in seinem Jagdrevier und beobachtete durch das Fernglas eine Bewegung in der Morgendämmerung. "Das Tier hat sich gedreht und ich sah die charakteristische Lunte (den Schweif) und die Silhouette - eindeutig ein Wolf", erinnert sich Döweling. Das Raubtier war etwa 20 Meter von ihm entfernt und gut zu erkennen. "Bis ich das so richtig verstanden hatte, war es schon weg."

Er ist sich sicher, dass er die Ulrichsteiner Wölfin beobachtet hat, die in seinem Feldataler Jagdrevier unterwegs ist. Er ist dem Raubtier auch mal mittags um 14 Uhr auf einem Waldweg begegnet, der Vierbeiner ist aber schnell im Unterholz verschwunden.

Im Herbst sah er das Tier in etwa 400 Metern Entfernung auf einer Wiese bei der Mäusejagd. Im Vorjahr ist ihm ein prächtiges Porträt gelungen - mit einer Wildkamera, die er zur Beobachtung von Schwarzwild aufgehängt hatte.

Angst bei seinen nächtlichen Exkursionen in den Wald hat er keine. "Ein ausgewachsenes Wildschwein kann ebenfalls gefährlich werden, vor allem mit Nachwuchs", merkt Döweling an.

Allerdings müssen die Vogelsberger noch lernen, mit dem Wolf zu leben, zumal die Ulrichsteiner Wölfin als sesshaft gilt. Womöglich ist die Wölfin auch gar nicht mehr allein, andere Jäger haben des Nachts zwei Wölfe heulen hören, sagen sie. Ein Problem ist, dass Wildtiere überaus lernfähig sind. Rehe bleiben ruhig stehen, wenn ein Traktorfahrer vorbeikommt und flüchten bei einem Fußgänger. Sie können also zwischen einem Bauern und einer Maschine und einem potenziellen Jäger gut unterscheiden. Ähnliches erwartet Döweling von Wölfen. "Wir gehen davon aus, dass Wölfe scheu sind, das sind sie aber nur in Nordeuropa, wo sie seit Jahrhunderten gejagt werden." Die hiesigen Wölfe sind wohl in Deutschland geboren und kennen die Gefahren durch Jäger nicht.

Runder Tisch nötig

Zuerst werden das die Jagdhunde erleben. Denn der Wolf scheut die Begegnung mit Menschen, aber in Ostdeutschland hätten Wölfe bereits Jagdhunde angegriffen. Besonders gravierend war ein Fall in Brandenburg. Dort habe ein Jäger mit ansehen müssen, wie sein Hund von Wölfen attackiert wurde. Er gab erst Warnschüsse ab, dann hat er gezielt einen Wolf erlegt, um seinen Hund zu schützen. "Das geht jetzt vor Gericht", berichtet Döweling und er ist sehr gespannt, wie das Verfahren ausgeht.

Für den Vogelsberg sieht er Konflikte voraus. "Wir sind Teil eines biologischen Groß-experiments", konstatiert der Jäger. Denn in Ostdeutschland haben sich die Rudel auf ehemaligen Truppenübungsplätzen mit viel freier Landschaft gebildet. Im Vogelsberg gibt es verteilt viele kleine Dörfer und es gibt noch eine weit verbreitete Haltung von Weidetieren. Das werde für die Schäfer und Rindviehhalter zum Problem. Immerhin habe das Land Hessen reagiert und unterstütze die Viehhalter beim Bau von Elektro-Zäunen.

Aber richtig schwierig werde es, wenn das erste Rudel entstanden ist. Bislang sind vor allem Rehe gerissen worden, das könnten die Natur und auch die Jägerschaft verkraften. Bei einem Wolfsrudel in der Region werde sich das Wild dagegen anders verhalten: "Wildschweine und Hirsche werden wohl größere Gruppen bilden und Rehe werden im Wald untertauchen."

Um Konflikte zu minimieren, wäre ein Runder Tisch von Viehhaltern, Biologen und Politikern wichtig. "Der Wolf ist Teil unseres Ökosystems, aber die Natur ist durch den Menschen stark verändert", sagt Döweling.

Man müsse nunmehr darüber sprechen, "wie viele Wölfe unsere Region verkraftet".

Der Wolf gehe ja nicht in den weniger bewohnten Oberwald im hohen Vogelsberg, sondern er bewege sich zwischen den Dörfern im Mittelbereich des Vogelsbergs. Da seien Konflikte vorprogrammiert. An einem solchen Runden Tisch sollten die Beteiligten festlegen, wo Wölfe zugelassen sind und wo nicht. Dazu gehöre auch, Wanderkorridore zwischen den Populationen festzulegen, damit es nicht zu Inzucht in den Habitaten kommt.

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