Mit "Rückenwind" geht es in die fünfte Amtszeit

Ulrichstein (ks). Mit "Rückenwind" will Erwin Horst am Sonntag den Grundstein für den Start in seine fünfte Amtszeit legen. Denn dank des rührigen Rathauschefs hat sich Hessens Bergstädtchen auch den Titel als "Windhauptstadt" erworben, so viele Rotoren drehen sich auf den Hügeln - und sorgen für Geld in der Stadtkasse.

Zur Person Erwin Horst

Erwin Horst wurde am 2. Oktober 1954 in Nieder-Jossa geboren und machte nach der mittleren Reife eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten. Nach der Verwaltungsprüfung war er einige Jahre für die Stadt Grünberg tätig und wurde am 30. August 1984 zum Bürgermeister von Ulrichstein gewählt (damals mit einem Gegenkandidaten von der CDU). 1990 wurde er trotz vorangegangener Streitigkeiten mit der SPD im Amt bestätigt. Horst hat zwei Kinder und vier Enkel und würde sich gern mehr sportlich betätigen, wenn ihm denn das Amt und seine ehrenamtlichen Aufgaben als Geschäftsführer von drei Gesellschaften, als Vorsitzender des Gewerbe- und Verkehrsvereins und die Arbeit im Haupt- und Finanzausschuss des Hessischen Städte- und Gemeindetages sowie als Vorsitzender der Forstbetriebsgemeinschaft westlicher Vogelsberg mehr Zeit dafür ließen. Dazu gehört er über 40 weiteren Vereinen an. (ks)

Ulrichstein (ks). Mit "Rückenwind" will Erwin Horst am Sonntag den Grundstein für den Start in seine fünfte Amtszeit legen. Denn dank des rührigen Rathauschefs hat sich Hessens Bergstädtchen auch den Titel als "Windhauptstadt" erworben, so viele Rotoren drehen sich auf den Hügeln - und sorgen für Geld in der Stadtkasse. Eigentlich wollte Horst die Katze noch nichts aus dem Sack lassen, aber nach der fünften Amtszeit soll Schluss sein mit dem Chefsessel im Rathaus. Der 53-Jährige will sich dann Bereichen widmen, für die er jetzt nur ehrenamtlich Zeit findet - so ist er derzeit Geschäftsführer von drei Beteiligungsgesellschaften für Windkraft und Solarenergie. Horst ist bei der Wahl am Sonntag der einzige Kandidat, nur einmal hatte es in frühen Amtsjahren einen Gegenkandidaten gegeben. Wie ist seine Prognose für den Wahlausgang? "70plus" sollten es schon werden, hofft er, und er weiß, "dass die Gegner mit zunehmenden Jahren ja nicht weniger werden."

Seine Ankündigung, jetzt in die Schlussgerade einbiegen zu wollen, "wird bei manchem vielleicht nicht so gut ankommen." Aber die politischen Parteien und die Fraktionen hätten einen Anspruch darauf, rechtzeitig informiert zu werden. Horst unterstreicht das gute Miteinander im Interesse der Weiterentwicklung der Stadt und so wünscht er sich einen "vernünftigen Übergang ohne Streit." Was alle wohl anerkennen, ist sein Bemühen, dem Städtchen einen Stempel als innovativer Kommune in Sachen Zukunftsenergien aufzudrücken. Inzwischen 51 Windkraftanlagen stehen auf dem Stadtgebiet, 18 davon in städtischem Besitz, die jährlich für Einnahmen zwischen 150 000 und 300 000 Euro sorgen. Geld, von dem nicht viel übrig bleibt, das aber die Bürger an anderer Stelle entlastet - so bei den Wasser- und Abwasserbeiträgen. Dazu kommt der Solarpark, wo städtische Dachflächen an Investoren vermietet werden. Horst erinnert sich, dass er quasi mit dem "Bau der Windkraftanlagen groß geworden ist," mittlerweile füllt das Thema etliche Aktenschränke in der Verwaltung, hat er sich viel Expertenwissen dazu angeeignet. Hier hat er auch erfolgreich gegen Widerstände gekämpft, "mich reizt halt der Widerspruch."

Jede Amtszeit hatte ihre Schwerpunkte, zunächst der Ausbau der Infrastruktur mit Kanal, Wasser oder Dorfgemeinschaftshäusern, der Aufbau der Windkraftanlagen und schließlich auch das Innovationszentrum in der Kernstadt, das rund vier Millionen Euro kostete. Die Jahre 2002 bis 2008 seien aber sicherlich die "bewegendsten Jahre" gewesen, bilanziert Horst.

Was bleibt noch zu tun? Zum Beispiel der Ausbau der Ortsdurchfahrt Ober-Seibertenrod, Sanierung der Dorfgemeinschaftshäuser in Unter-Seibertenrod und Kölzenhain, Kanalsanierung in Bobenhausen und Ober-Seibertenrod. So sollen im Abwasserbereich in den Jahren bis 2015 noch rund 2,8 Mio. Euro für Sanierung in den verschiedenen Schadensklassen "vergraben" werden. Wer dabei über die hohe Abwassergebühr klage, der dürfe nicht vergessen, dass dabei ein Euro für die EKVO-Schäden dabei ist (6,30 Euro gesamt). Dafür mache man die Sanierung der Schäden nicht umlagepflichtig, sondern belaste die Bürger im Rahmen der Globalberechnung "moderat" mit Beiträgen von rund 1,20 pro Quadratmeter ("allerhöchstens 1,60 Euro"), die Zahlung werde auf fünf Jahre gestreckt. Froh ist Horst über die solide Entwicklung der Gewerbesteuer, was einigen gesunden Betrieben zu verdanken sei: "Wir haben drei bis vier mittelständische Betriebe, die ordentlich zahlen.

" Und mehr als die Hälfte der Gewerbesteuer, die sich bei rund 500 000 bis 550 000 Euro eingependelt hat, machen die Windkraftanlagen aus.

Ulrichstein verliert dagegen ständig Einwohner, das treibt auch den Bürgermeister um. So hält die Stadt derzeit 60 erschlossene Bauplätze vor, "von denen wir höchstens zwei im Jahr verkaufen." So versucht man sich dem demografischen Wandel zu stellen mit einem eben angelaufenen Projekt, der Kindergarten wird ausgebaut und saniert (weitere Funktionsräume für die Betreuung unter Dreijähriger, Kosten rund 150 000 Euro), es gibt Ausbildungsförderung für Betriebe und sehr glücklich ist Horst nach eigenem Bekunden darüber, dass endlich alle Ulrichsteiner Kinder unter einem Dach der Grundschule beschult werden. Gern möchte er auch noch einen Stadtumbau dergestalt erreichen, dass Projekte gefördert werden, bei denen alte Häuser wieder für das Wohnen entdeckt und umgebaut werden.

Auch im touristischen Bereich sieht Horst die Stadt gut aufgestellt, hier nennt er als Stichpunkte Museum, Vogelsberggarten, Schlossruine Nordic Walking- und Mountainbike-Strecken. Die Zahl der Tagestouristen (vornehmlich an Wochenenden) habe sich dadurch "verdoppelt oder verdreifacht." Leider sei der Ferienpark Burgblick von dieser Entwicklung völlig abgekoppelt, "da musste ich zusehen, wie das kaputtging". Denn nicht nur Erfolge hat Horst erzielt, auch Tiefschläge hat er in seiner bisherigen Amtszeit einstecken müssen: Er nennt die Schließung der Firma Pfeiffer, das Scheitern eines medizinischen Versorgungszentrums ("wir hatten die Pläne, doch dann hat man uns das Projekt abgelehnt und zuletzt sind die Ärzte abgesprungen") sowie den Windwurf durch "Kyrill" in einem Wald, der die städtische "Sparkasse" hätte sein sollen: "Da hätte ich heulen können, als ich aus dem Fenster guckte." Leider habe es bisher auch nicht funktioniert, ein Holzpelletswerk nach Ulrichstein zu holen oder ein Energiekraftwerk für Biomasse.

Bei all dem will Horst die Stadt im Jahr 2016 schuldenfrei sehen. Wie soll das bei einem Schuldenstand von vier Millionen zu schaffen sein? Horst grinst und nennt als Stichwort "Repowering." Die Windkraftstandorte müssten irgendwann modernisiert werden und könnten von der Stadt, die die Planungshoheit behält, an Investoren verkauft werden. Denn die letzten Anlagen gingen 2016 aus der Finanzierung.

Bei all dem ist Horst froh, auf eine gute Mannschaft im Rathaus zählen zu können: "Ich hab's ja nicht so mit dem zähen Arbeiten im Detail, mehr mit den Visionen, was man machen könnte..." gesteht er.

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