Langstreckenläufer Charly lief sich wieder frei

Mücke/Ulrichstein (rs). "Da passiert schon nichts. Da denk’ ich nicht dran." – Bei allem, was der laufende und Spenden für Srebrenica (Bosnien) sammelnde Friseurmeister sagt und wie er sich bewegt, sind Optimismus und Tatkraft sichtbar.

Mücke/Ulrichstein (rs). "Da passiert schon nichts. Da denk’ ich nicht dran." – Bei allem, was der laufende und Spenden für Srebrenica (Bosnien) sammelnde Friseurmeister sagt und wie er sich bewegt, sind Optimismus und Tatkraft sichtbar. Diese Eigenschaften sind wohl unverzichtbar für das Bewältigen von 1746 Kilometern in 57 Tagen von Nordrhein-Westfalen über die Alpen auf den Balkan. Am Montag und Dienstag durchquerte Karl-Heinz "Charly" Weiper den Vogelsbergkreis von Mücke über Ulrichstein nach Freiensteinau (die AZ berichtete), und nach der Hitze in der Vorwoche bekamen der Spendensammler und seine Mitläufer das krasse Gegenteil zu spüren: Es regnete bei 15 Grad meist, was den Schlussanstieg nach Ulrichstein noch anstrengender machte. Aber es ging bis ins Ziel alles gut, denn wie lautet das Motto? – "Da passiert schon nichts."

Nach der Dusche in der Ulrichsteiner Stadthalle sind die Strapazen der 375 Höhenmeter auf der 17 Kilometer langen Strecke rasch vergessen. Im Foyer der Verwaltung liegen Obst und kräftigende Müsliriegel parat, der Mineralwasserhersteller Förstina hat sechs Kisten gestiftet, man kann Apfelsaft dazumischen. Erster Stadtrat Werner Funk, Ortsvorsteher Manfred Feineis und Andreas Rüb von der Stadtverwaltung haben den Empfang organisiert und lassen sich von dem stets gut gelaunten Charly Weiper über das Projekt "Zurück ins Leben" informieren.

Mit dem Spendenlauf durch fünf Länder von Havixbeck (15 Kilometer westlich von Münster, Landkreis Coesfeld) nach Srebrenica soll das humanitär-therapeutische Hilfsprojekt "Zurück ins Leben" des Vereins "Unterstützung Osteuropa" unterstützt werden. Konkret geht es um die Einrichtung eines Therapiezentrums in Bratunac (zehn Kilometer nördlich von Srebrenica). Das Projekt kümmert sich um die Frauen und Familien im Raum Srebrenica, die nach den Folterungen und Massenhinrichtungen im Juli 1995 nicht nur Angehörige, sondern auch Lebensmut und Zukunftsperspektiven verloren haben und noch heute traumatisiert sind.

"Nur einige 100 Kilometer vor unserer Tür findet großes Elend statt, und wir nehmen es nicht mehr wahr. Mit dem Charity-Lauf soll unsere Solidarität mit den Überlebenden in Bosnien-Herzegowina sichtbar gemacht werden. Er soll dem Vergessen entgegen wirken und Aufmerksamkeit schaffen", so der 1954 geborene Friseurunternehmer aus dem Münsterland.

Aufmerksamkeit schaffen, das ist mittlerweile der Schwerpunkt seines Anliegens geworden, erläuterte Charly Weiper beim Lauf am Montagnachmittag von Nieder-Ohmen nach Ulrichstein. Allerdings fällt dieses Ansinnen auf der völlig verregneten Etappe schwer, denn bei dem Wetter ist in den durchlaufenen Ortschaften kaum jemand auf der Straße, oder – wie es einer der drei mitlaufenden Ulrichsteiner Stadtverordneten ausdrückte: "Die Leute haben Angst, die Kissen in den Fenstern werden nass." Mit zehn Euro unterstützt jeder Mitläufer das Projekt, erhält dafür eine Startnummer und einen Anstecker. Es wurden so viele Startnummern vorbereitet, wie es Opfer in Srebrenica zu beklagen gab (8372), die Nummer 8372 trägt Charly Weiper selbst. Bislang waren es knapp 450 Mitläufer, wenn man mal den Starttag in Havixbeck außen vor lässt, denn alleine dort hatten sich über 300 Menschen dem stadtbekannten Frisurmeister auf der ersten Etappe angeschlossen.

Mittlerweile ist sich Charly Weiper sicher, dass es weniger auf die Startgelder ankommt (acht bis zehn Mitläufer je Etappe im Schnitt) als vielmehr auf die Aufmerksamkeit allgemein und die daraus resultierenden Spenden.

Denn auf dem Spendenkonto sind bislang rund 15 000 Euro aufgelaufen, Ziel von Weiper sind 80 000 Euro. Von denkwürdigen Begegnungen bei seinem Spendenlauf weiß der Langstreckenläufer zu berichten, etwa von dem Pkw-Fahrer, der die Läufergruppe mitten auf der Landstraße fragte, was das denn für eine Veranstaltung sei. Nach der kurzen Erläuterung reichte er an Weiper spontan einen 50-Euro-Schein rüber: "Für den guten Zweck!" Da haben es manche Kommunen schon schwerer, wie Weiper im Rothaargebirge erfuhr, denn ein Bürgermeister dort ließ durchblicken, nach der kürzlichen Erhöhung der Kindergartengebühren habe die Bevölkerung wohl kein Verständnis, wenn städtisches Geld einfach so gespendet würde. Aber, so der Bürgermeister zufrieden, er habe Charly Weiper immerhin 25 Läufer für die nächste Etappe organisiert. Und bei denen bleibt es oft nicht bei den zehn Euro Startgeld. "Lass mal gut sein", hatte es auch bei der Anmeldung im Dorfgemeinschaftshaus von Nieder-Ohmen geheißen, als Sebastian Weiper, Sohn des Spendensammlers, Wechselgeld rausgeben wollte.

Das zeigt, dass die Menschen von dem Projekt überzeugt sind.

Dieses Projekt ist ein Mammutunternehmen, denn die 57 Tage zu je zwei Etappen für die 1746 Kilometer sind bis ins Detail geplant. Zwar sind in Deutschland erst Veranstaltungen ab 40 Personen genehmigungspflichtig, aber Charly Weiper weiß ja nie, wie viele Menschen mitlaufen werden, und so wurde vom Kreis Coesfeld aus für die gesamte Republik das Genehmigungsverfahren betrieben. Deshalb kam am Montag auch eine Polizeistreife zum Weiperschen Wohnmobil in Nieder-Ohmen, um sich über den weiteren Streckenverlauf zu erkundigen und die Läufer auf den Straßen gegebenfalls zu sichern. Aber da gab es Entwarnung, gelaufen wurde der beschauliche Radweg Nummer 7. Sicherheit geht Weiper über alles, denn mit einem unglücklichen Vorfall kann ein Spendenprojekt unten durch sein, die Vorfälle bei der Love-Parade am Wochenende haben das anschaulich gezeigt.

Insgesamt 286 Kilometer war Charly Weiper bis Ulrichstein gelaufen, pro Tag nicht mehr als 36, wobei es nicht immer Joggen sein muss: So hatten sich bei den Etappen im Kreis Marburg-Biedenkopf Walker und Wanderer eingefunden, und Weiper hae sich ihnen natürlich angepasst. Aber er begrüßte es am Montag sehr, sich mal "wieder frei laufen" zu können. Denn wer zu Hause 100 Trainingskilometer unter der Woche abspult, über ein Dutzend Marathons in einer Zeit von teilweise 3:30 Stunden absolviert hat, der ist im Grunde seines Herzens wohl Langstreckenläufer. Und so machten am Montag auch die Ausläufer des bekanntermaßen regenreichen Oberwaldes dem Westfalen nichts aus, die 17 Kilometer Wassertreten hatten gut getan, und man hatte gesehen: "Da passiert schon nichts."

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