"Der Ausverkauf unserer Heimat"

Ulrichstein (ks). Windkraft bleibt in Hessens höchst gelegener Stadt ein heikles Thema. Das zeigte sich am Mittwoch Abend in der Bürgerversammlung im Innovationszentrum. Über 200 Teilnehmer waren gekommen, ein weiteres Thema waren die Wasser- und Abwasserbeiträge.

Bürgermeister Edwin Schneider hatte zuvor die Planung zur Windkraft vorgestellt und an Beschlüsse der Stadtverordneten erinnert. Die wurden mit den neuen RP-Vorgaben größtenteils hinfällig. Die Stadt hat mit dem Wettenberger Hans Karpenstein einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um ihre Interessen durchzusetzen.

Denn es geht um einiges, ließ Schneider wissen. So habe die Stadt in diesem Jahr insgesamt rund 910 000 Euro aus der Windenergie eingenommen. In den folgenden Jahren würden bis zu 1,3 Mio. Euro erwartet, wenn die bestehenden Pläne umgesetzt werden können. Jeder Kubikmeter Wasser werde beispielsweise daraus subventioniert, wies er auf die Bedeutung für den Haushalt hin: "Jeder merkt was von der Windkraft in seinem Geldbeutel." Und damit nicht genug: auch Sporthalle, Badebiotop, Museum und anderes könne die Stadt nur wegen der Erträge aus der Windkraft erhalten.

"Vermögensschaden für Stadt"

Gerd Morber (Bereichsleiter HessenEnergie) stellte die neuesten Vorgaben des Regierungspräsidiums zum Teilregionalplan Energie vor. Danach würden der Windpark Rebgeshain, der Windpark Alte Höhe sowie Teilflächen am Ulrichsteiner Kreuz und Helpershain und mögliche weitere Flächen künftig entfallen, weil sie in Natura-2000-Bereichen liegen oder weil die Windkraftanlagen zu nahe an Wohnhäusern (auch in Feriengebieten) stehen. Auf der Alten Höhe hat die Stadt sechs Anlagen, die am Ende ihrer Lebensdauer abgebaut werden müssten. Ein Repowering, wie mal geplant war, ist nicht möglich. "Das ist ein Vermögensschaden für die Stadt, schon deswegen muss sie aktiv werden," so Morber. Auch am Goldenen Steinrück müssten Anlagen verschwinden, die zu nah an der Wohnbebauung liegen. Dort wollte die Stadt "repowern" (bestehende alte Anlagen durch neue leistungsfähigere ersetzen.)

"Es geht nur ums Geld"

Sieben moderne Anlagen könnten dort noch hin, wenn 19 alte abgebaut werden. Am Zwirnberg/Ulrichsteiner Kreuz sind noch drei Anlagen möglich, dafür müssten drei bestehende weg unter Berücksichtigung von Flugsicherheit und Schwarzstorch. An Kopf/Köppel könnten vier Anlagen, im Bereich Höckersdorf/In der Steinbach vier.

Wenn das, was derzeit möglich ist, umgesetzt wird, dann hätte die Stadt mit Platte (7 WKA), Helpershain/Goldener Steinrück (12), Zwirnberg/Ulrichsteiner Kreuz (6), in der Steinbach (4), Kopf/Köppel (4) und "Wolkenbrust" (2) bis zum Jahr 2025 noch 35 statt wie bisher 61 Anlagen. Morber wartete noch mit eindrucksvollen Zahlen auf. Denn es würden dann jährlich 150 Mio. Kilowattstunden Strom produziert, der für 44 000 Haushalte oder 176 000 Menschen reicht. 100 Mio. Euro wären dafür allerdings vorher zu investieren.

Wer sich dann in der Diskussion zu Wort meldete, waren naturgemäß die Gegner, teils aus bestehenden Bürgerinitiativen. Heidi Hühnergarth (Helpershain) sagte, man habe lange nichts gegen Windkraft gehabt, "aber jetzt reicht es, wir wollen nicht mehr." Im Dorf waren 200 Unterschriften gegen die Pläne der Stadt gesammelt worden, offenbar könne man aber nichts ausrichten. Ihr bitteres Fazit: "Die Menschen haben keine Stimme, es geht um Geld und Fledermäuse." Sie warnte davor, die Energiewende auf Kosten der Landschaft umzusetzen und den "Ausverkauf unserer Heimat" zu betreiben.

Von einer Unterschriftensammlung und einem Fragenkatalog an die Stadt berichtete auch Frank Riedel aus Feldkrücken. Er bemängelte, dass von der Stadt keine Antwort kam, was daran lag, dass man gar nichts Konkretes weiß, so der Bürgermeister.

Dr. Sven Kilian sagte, es sei unsinnig, wenn bestehende und akzeptierte Standorte künftig wegfallen sollen und neue kommen. Die Stadt solle besser für ein Repowering an den Standorten kämpfen, an die sich die Menschen schon gewöhnt haben.

Harald Keil beklagte eine aus seiner Sicht verlogene Diskussion. Sein Fazit: Es geht nur ums Geld. Die Gemeinde sei in zwei Lager gespalten. Lange sei kaum eine Kommune in Sachen Windkraft so demütig wie Ulrichstein gewesen, aber jetzt reiche es: "Wir haben unseren Beitrag geleistet." Zudem kritisierte er die HessenEnergie, die im Vorfeld mit Verträgen mit Grundstückseigner bereits Tatsachen geschaffen habe.

"Gießkannenprinzip"

Gerd Morber bemühte sich zu beschwichtigen, es noch nichts festgelegt, die letzte Entscheidung liege immer bei der Stadt. Bisher gebe es lediglich Überlegungen. Was die Verträge angeht, so habe die HessenEnergie in Helpershain mit 80 Grundstücksbesitzern verhandelt. Dort soll ein Ausgleich erzielt werden. Damit folge man einem Wunsch der Stadt, bei den Entgelten nach dem Gießkannenprinzip möglichst viele zu beteiligen und nicht wie früher nur wenige.

Der Hinweis Morbers, die Bürger könnten sich finanziell an den Windkrafteinnahmen beteiligen, rief Frau Ellermeyer auf den Plan, die darauf verwies, dass man bisher erst ab mindestens 25 000 Euro einsteigen konnte, "und das den Leuten anzubieten, ist unverschämt." Mittlerweile könne man über die Energiegenossenschaft Vogelsberg schon mit 500 Euro dabei sein, entgegnete Morber. Rüdiger von dem Borne stellte zahlreiche Fragen, unter anderem nach dem Brandschutz, der sei kein Problem, so der Bürgermeister. Zudem fliegt der Rotmilan laut von dem Borne "munter zwischen Anlagen herum."

Vorher hatte bürgermeister Schneider zum Thema gesplittete Abwassergebühr informiert (Bericht folgt).

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